Journal - Schauspielbühnen geben sich traditionell politisch – woher kommt dieser Anspruch und wie viel Politik verträgt das Sprechtheater? Auftrag für die (moralische) Anstalt

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Ralf-Carl Langhals
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Gedenken und Mahnung tun not: nicht nur am Tatort des Attentats in Hanau-Kesselstadt. Im Hintergrund sind Fotos der Opfer von den Anschlägen im vergangenen Februar zu sehen. © Roessler/dpa

Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov. Am 19. Februar 2020 wurden diese neun jungen Menschen durch einen rechtsterroristischen Anschlag in Hanau jäh aus dem Leben gerissen. Auch seine Mutter erschießt der rassistische Täter, bevor er sich anschließend selbst richtet.

Veranstaltungen in Erinnerung an den Hanau-Anschlag

  • Das Nationaltheater Mannheim und die Muslimische Akademie (i. G.) veranstalten mit der Hochschule für Jüdische Studien, dem Karlstorbahnhof und dem Kompetenznetz Plurales (alle Heidelberg) in Erinnerung an den Hanau-Anschlag am 19. Februar 2020 eine zweiteilige Online-Veranstaltungsreihe.
  • 15. Februar, 19 Uhr: Online-Podiumsdiskussion „Ein Jahr und ein paar Tage – Eine Visionsentwicklung zur Rassismus-Debatte in Deutschland“ mit Ferda Ataman (Vorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacherinnen), Jennifer Yeboah (Quartiersmanagerin Neckarstadt-West) und Tunay Önder (Aktivistin). Anmeldung und Zugangslink zur Zoom-Teilnahme über sophie.kara@mannheim.de.
  • 23. Februar, 19 Uhr: Online-Podium „Standortbestimmung“ mit MdB Filiz Polat (Grüne), Aladin EI-Mafaalani (Soziologe, Uni Osnabrück), Antony Pattathu, (Sozial- und Kulturanthropologe, Uni Tübingen) und Emran Elmazi (Doku- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma). Zoomteilnahme über Mail anmeldung@teilseiend.de.
  • Das Schauspiel Frankfurt erinnert am 18. Februar, 20 Uhr, ebenfalls mit einer Podiumsdiskussion an die Ereignisse: „Hanau – (k)ein Anschlag auf uns alle“. Dabei sind Saba-Nur Cheema (Bildungsstätte Anne Frank), Harpreet Cholia (Initiative 19. Februar Hanau), Sabena Donath (Leiterin der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland), Claus Kaminsky (Oberbürgermeister der Stadt Hanau) und Azfar Khan (städtische Anti-Rassismusstelle). Kostenloser Livestream aus dem Schauspielhaus unter www.schauspielfrankfurt.de.
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Ein grausiger Tag, einer, der für viele Menschen alles verändert. Und doch hat sich seitdem viel zu wenig geändert. Theater, die sich gemeinhin als intellektuelles Kunstgewissen einer sie finanzierenden Öffentlichkeit verstehen, setzen auf Veränderung. Auf Läuterung. Auf Verbesserung. Daher kommt es ihnen und ihrem Selbstverständnis oft zu, sich wichtigen, dringenden und drängenden gesellschaftlichen und somit auch immer politischen Fragen zu widmen. Rassistische Gräueltaten gehören dazu.

Experten gegen das Vergessen

In Podiumsdiskussion sprechen nun am Nationaltheater Mannheim und auch am Schauspiel Frankfurt Politiker, Expertinnen, Aktivisten und Journalistinnen darüber, was der Anschlag mit unserer Gesellschaft gemacht hat und was seitdem passiert ist – in Hanau, in Deutschland, im Alltag sowie auf politischer und institutioneller Bühne.

Das ist gut, nötig, tröstlich und ehrenvoll. Und einer Ankündigung wert. Ferner bietet es auch Anlass, über das angesprochene Selbstverständnis und den politischen Mitgestaltungsauftrag des Sprechtheaters nachzudenken. Einen positiven Einfluss auf den Menschen versprach sich bereits das Theater der Antike. Schon 335 vor Christus schreibt Aristoteles in seiner „Poetik“ der Tragödie die Wirkung zu, dass sie beim Zuschauer Jammer sowie Schauder erzeugt, denen dann eine Reinigung von Leidenschaften und schädlichen Gemütserregungen folgt. Um den Begriff der berühmten Katharsis gibt es seitdem akademischen Streit um Übersetzungsfeinheiten und Interpretationen. Dennoch ist der argumentative Stein für theatralische Reinigung und Besserung gelegt.

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Dass das Theater „ergötzen, nützen und belehren“ müsse, findet sich in antiker Ableitung im 17. Jahrhundert bei Martin Opitz und Pierre Corneille. Auch René Descartes schreibt buchstäblich pflichtbewusst von der Ethik eines heldischen Willensmenschen, was sich bei Gotthold Ephraim Lessing im aufklärenden 18. Jahrhundert schon ein wenig „vernünftiger“ anhört: Laut seiner „Hamburgischen Dramaturgie“ unterstützen Furcht und Mitleid die moralische Erziehung des Publikums. Abgeleitet vom Kategorischen Imperativ Immanuel Kants ist der moralischste Mensch der Mitleidende, der das Schicksal für sich selbst fürchtet und so leichter zu eigenem ethischen Handeln geführt wird.

Schillers stehende Schaubühne

„Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ hat dann hierzulande Friedrich Schiller. Viel zitiert ist seine 1784 vor der Kurpfälzischen Deutschen Gesellschaft in der „Räuber“-Uraufführungsstadt Mannheim gehaltene Rede, die die entscheidende Frage stellt: „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich bewirken?“ Für den ersten NTM-Hausautoren ist diese der „gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden Teil des Volks das Licht der Weisheit herunterströmet“. Von der „Kanzel“ (!) der Schaubühne aus lassen sich „die Meinungen der Nation über Regierung und Regenten zurechtweisen“. All das war zu Fürstenzeiten. Und hochpolitisch. Das sollte nicht vergessen, wer die Klassik als abgelutschte Kamelle im Dramaturgie-Regal verstauben lässt. Schillers Lady Milford, sein Marquis Posa, Büchners „Danton“ oder Goethes „Götz“ haben im Absolutismus mehr politische Ambition als linke Theater Sit-ins der bewegten 1970er Jahre.

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Auffallend ist, dass Moral und Politik – zumindest auf dem Theater – im Laufe der Jahrhunderte und Demokratisierungsprozesse zusammengerückt sind. Eines wird dabei oft vergessen: Moralische Verbesserung, ethisches Fortkommen hin zu einer vorurteilsfreien, respektvollen pluralistischen Gesellschaft wurde mit Kunst eingelöst. Sozialem Unrecht geschuldete Schicksale und daraus abzulesende politische Forderungen kamen in Form eines Stücks auf die Bühne.

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Das gibt es freilich immer noch: Flüchtlingskrise, Sexismus, Rassismus und Antisemitismus sind die Bühnenthemen unserer Tage und somit zeitgenössischer Autorinnen und Autoren. Doch auch die gute Sache unterliegt Moden. Wo sind eigentlich die spielzeitenweise bühnendominierenden Theaterprojekte mit Flüchtenden geblieben? Nicht allen Zuschauern gefällt harte Nachrichten-Aktualität auf der Bühne. „Zu politisch“ sei das, zu sehr werde die Moralkeule geschwungen. Unterhaltung, auch ein betrachtenswerter Auftrag des Theaters, komme zu kurz. Statt Unterhaltung werde sich unterhalten.

Sprechen statt spielen

Das fraglos notwendige „Darüber-Reden“ macht landauf landab zunehmend das Theaterformat der kollektiven Reflexion aus – und das schon vor der für Bühnen dramatischen Corona-Situation. Das Reden zum höheren Zwecke war schon immer Theaterauftrag. Statt zueinander sprechen die Spieler nun wieder wie in der Antike nebeneinander ins Publikum. Oft hören wir nun am Ort des bürgerschaftlichen Austauschs, dem Meinungsforum Kommunaltheater andere Spezialisten als Schauspieler.

Jetzt müssen die Foren und Podiumsdiskussionen, die Talkrunden und Workshops, die Impulsvorträge und moderierten Publikumsgespräche zusätzlich noch weiter weg vom theatralischen Live-Geschehen ins Internet übertragen werden. Das ist – wie vieles derzeit – tragisch, aber eben keine Tragödie, weil die Moral es so will.

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Redaktion Ralf-Carl Langhals studierte Jura, Germanistik, Romanistik, Theater- und Musikwissenschaft in Mannheim, Berlin und Nizza. Er arbeitete als Regieassistent und Dramaturg an verschiedenen deutschen Theater und schrieb danach als freier Theaterkritiker für SWR, Die Welt, Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit u.a. Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.