Enjoy Jazz - Neues Album von Archie Shepp und Jason Moran größtenteils in Mannheim aufgenommen – es ist ein Meisterwerk geworden Schmerzerfüllte Schönheit

Von 
Georg Spindler
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Das Mannheimer Publikum hat sich nicht geirrt. Als es am 9. November 2018 den Saxofonisten Archie Shepp und seinen Duo-Partner Jason Moran am Piano in der Alten Feuerwache feierte wie Pop-Helden, bejubelte es einen meisterhaften Auftritt. Jetzt sind Ausschnitte dieses denkwürdigen Enjoy-Jazz-Konzerts auf CD und als Download-Version (mit 32 Minuten Bonusmaterial) erhältlich. Das Album „Let My People Go“ kombiniert sie mit einigen Stücken, die das Duo 2017 gemeinsam in Paris aufnahm.

Auf CD verewigt: Jason Moran (l.) und Archie Shepp 2018 bei Enjoy Jazz in der Alten Feuerwache. © Manfred Rinderspacher
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Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Album zählt zum Besten, was Shepp im Verlauf seiner Karriere eingespielt hat. Ein reifes, eindrucksvolles Spätwerk des 83-jährigen Altmeisters. Mit Moran beschwört er in einem programmatisch zusammengestellten Repertoire die Urquellen afroamerikanischer Musikkultur. Der Bogen spannt sich von bewegenden Spirituals über klassische Jazz-Balladen von Duke Ellington und Billy Strayhorn bis hin zu Thelonious Monk und John Coltrane.

Das Duo und seine Live-Platte

Der Saxofonist: Archie Shepp, geboren 1937, wurde in den 1960ern als wichtige Stimme des Free Jazz bekannt. Er spielte mit John Coltrane und Cecil Taylor, in den 1970ern entwickelte er sich zu einem Klassiker der Moderne, indem er Traditionelles mit Avantgarde-Erfahrung spielte.

Der Pianist: Jason Moran, geboren 1975, gilt als wichtiger Neutöner des zeitgenössischen Jazz, der ein großes Wissen um die Tradition hat. Seit 1999 hat er 15 eigene Alben veröffentlicht.

Das Album: „Let My People Go“ erscheint am 24. Februar auf Archieball Records (Broken Silence). Es enthält folgende Stücke: „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“, „Isfahan“, „He Cares“, „Go Down Moses“, „Wise One“, „Lush Life“, „’Round Midnight“. Die Download-Version ist bereits auf gängigen Plattformen erhältlich. Sie enthält die Bonus-Stücke: „Ain’t Misbehavin’“, „Jitterbug Waltz“, „Ujama“, „Slow Drag“, „Motherless Child“ (Radio Edit).

Musik der Leiderfahrung

Was all dies eint, ist die Schmerzerfahrung, die Shepp als kollektive Empfindung von Menschen schwarzer Hautfarbe in den Mittelpunkt seiner Musik stellt. Durch ihre enorme Qualität wird seine Klangkunst aber auch – wie jede große Kunst – zum generellen, allgemeingültigen Ausdruck menschlichen Leids.

Was nichts daran ändert, dass Spirituals wie „Motherless Child“ oder „Go Down Moses“ spezifische afroamerikanische Erfahrungen zum Ausdruck bringen. Shepp intoniert die düsteren Lieder über Tod, Verlassensein und Unterdrückung mit schreiend schroffem, stammelndem Ton auf dem Sopransaxofon. Unter dem Druck der Expression wirken seine Phrasen zerfranst, ja, aufgeplatzt wie eine Wunde.

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Shepp treibt sein Spiel in des Wortes Sinn bis an die Schmerzgrenze. Erst recht tut er das als Sänger. Wenn er mit volltönendem Bariton (auch dies ein Verweis auf eine große schwarze Tradition – von Billy Eckstine bis Johnny Hartman) tränenerstickt die Klagelieder singt, dann geht das wirklich unter die Haut.

Sonores Erbe von Saxofon-Ikonen

Schrundig, rau und rissig klingt sein Tenorsax auf den Ellington/Strayhorn-Stücken, die eine andere schwarze Lebenswelt widerspiegeln: die urbane Subkultur der Jazzclubs, in der das Leid durch eine Hülle des Mondänen aber nur dünn überdeckt wird. Moran bringt dies meisterhaft durch elegante Dekors in „Lush Life“ zum Ausdruck, wo seine Triller und Girlanden eine fein gewebte Spitzen-Unterlage für Shepps voluminöse Rhapsodien bilden, in denen das sonore Erbe schwarzer Saxofon-Ikonen wie Ben Webster und Coleman Hawkins mitschwingt.

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Wie er in diesem Billy-Strayhorn-Lied über eine verlorene Liebe nach traumverhangener, bittersüßer Einleitung plötzlich knurrend in den B-Teil einsteigt, in dem es in den Songlyrics heißt, das Leben sei nun wieder furchtbar, verrät viel Textverständnis. Ebenso, dass er „Well, You Needn’t“ zitiert, ein Monk-Stück, dessen Textfassung gleichfalls eine gescheiterte Romanze thematisiert.

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Höhepunkt des Albums ist sicherlich die 13-minütige Version von Coltranes spiritualartigem „Wise One“, dessen schwebendes Rubato auf magische Art die Zeit stillstehen zu lassen scheint. Shepps kurze Tenor-Phasen klingen hier sprachnah, sie erzählen einmal mehr von zeitloser Pein – mit Stöhnen, Wimmern und erstickten Schreien.

Eine Klasse für sich ist hier wie auf der ganzen Platte das höchst subtile Begleitspiel des Pianisten. Moran (der bei eigenen Projekten auch ganz anders zu Werke gehen kann) hält sich dezent zurück, spielt delikat, nachdenklich, songdienlich – so, als wolle er die Stimmung und die Schönheit der jeweiligen Vorlagen nicht stören. Das passt auch adäquat zu den Spirituals: Denn da bringt er an den Tasten jene feine Kultiviertheit ins Spiel, die – fern aller Klischeevorstellungen, die hierzulande leider grassieren – den Spiritual-Pianisten zu eigen sind.

Maßstäbe gesetzt

Zart, behutsam und nachdenklich grundiert Moran eine weitere Glanzleistung: Monks „’Round Midnight“, die Jazz-Ballade schlechthin. Ein Stück, dessen Melodie so stark ist, dass viele Improvisatoren sich ihr kaum entziehen können. Shepp aber brilliert sogleich mit motivischen Abschweifungen, zerrenden Tonverschleifungen, kreischenden Ausbrüchen. Er weiß, dass nachts nicht nur die Zeit für Intimitäten ist, sondern dass dann auch die Gewalt auf der Straße regiert … Ein grandioses Album ist es geworden. Schon jetzt legt es einen Maßstab, an dem sich alle Platten, die in diesem Jahr erscheinen, messen lassen müssen.

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