Nachruf - Zum Tod des Pianisten Chick Corea – er war einer der größten Tastenvirtuosen des Jazz und ein Pionier der Fusion-Musik Spiel ohne Stil-Grenzen

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Georg Spindler
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Romantisch, schalkhaft, temperamentvoll, sensibel: Chick Corea bei seinem Auftritt 1978 im Mannheimer Rosengarten. © Manfred Rinderspacher

Der Kobold hüpft und tanzt nicht mehr über die Tasten des Klaviers, um mit seinen Kabinettstückchen den Zuhörern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Chick Corea, einer der größten Pianisten des Jazz, der sich selbst als „Leprechaun“ (Kobold) auf einem gleichnamigen Album charakterisierte, ist – wie bereits kurz gemeldet – im Alter von 79 Jahren gestorben. Damit verliert der Jazz einen Ausnahme-Musiker, dessen Improvisationen von Rasanz und Quirligkeit geprägt waren – und von überbordender Spielfreude.

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Corea war ein Spieler im wahrsten Sinn des Wortes. Wie ein akrobatischer Jongleur wirbelte er in seinen Soli die Tonfolgen der Vorlagen munter durcheinander. Phrasen ließ er perlen und kullern, als wären es klingende Murmeln. Und gerne warf er seinen Mitspielern motivische Spielbälle zu – in Erwartung einer ideenreichen Rückgabe. Die Tastatur war für Corea ein Spielplatz, auf dem er mit fast kindlicher Lebensfreude umhertollte. Seine Art von Jazz feierte das Leben auf wunderbar unbeschwerte Weise mit schwirrender Leichtigkeit.

Tastenvirtuose gestorben Jazz-Pianist Chick Corea im Alter von 79 Jahren gestorben

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Unbeschwert war auch Coreas Umgang mit Stilkategorien – die gab es für ihn schlichtweg nicht. Dass er nach Lehrjahren bei Stan Getz und Miles Davis in den 1970ern kometenhaft aufstieg, passte in die Zeit. Denn Corea verkörperte geradezu die damals angesagte Fusion-Ästhetik. Er brachte aber nicht wie viele andere einfach nur Jazz und Rock zusammen; bei ihm flossen auch Klassik-Anleihen, Popsong-Melodien, Funk-Grooves, Latin-Rhythmen und Flamenco-Klänge mit ein.

Erfolg mit Return To Forever

Bevor er zum Weltstar avancierte, begeisterte der Pianist zunächst mit hochexpressivem Free Jazz. Dann vollzog Corea eine radikale Kehrtwendung, er wollte fortan nicht mehr fern des großen Publikums agieren. Der Erfolg stellte sich 1972 mit dem Ensemble Return To Forever ein, das zunächst eher jazzmäßig auftrat; Sängerin Flora Purim und Airto Moreira am Schlagzeug brachten brasilianischen Zauber in die Band. In jener Zeit entstanden auch die Stücke, die Corea als Komponist unsterblich machten: „Spain“, „La Fiesta“, „Crystal Silence“.

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Die Magie währte nur ein Jahr, dann hielten donnernde Rock-Riffs, aufgedrehte Verstärker und halsbrecherische Hochgeschwindigkeits-Passagen Einzug. Die neue Star-Besetzung mit Stanley Clarke (Bass), Lenny White (Schlagzeug) und Al DiMeola (Gitarre) wurde gefeiert wie ein Rock-Act. Corea, der ein ganzes Arsenal von Synthesizern einsetzte, trieb die Musik bis zum Ende der Band 1976 an ihre Grenzen – bis hin zu höchst virtuosen, aber auch seelenlosen Temposprints.

Es folgte die Rückkehr zum akustischen Format, das er 1971/72 schon mit seinen „Piano Improvisations“ eindrucksvoll präsentiert hatte. Das Piano-Duo mit Herbie Hancock wurde 1978 zur Live-Sensation. Überhaupt war Corea mit seiner vitalen Kommunikationsfreude ein gefragter Duo-Partner: Mit dem Vibrafonisten Gary Burton verstand er sich traumwandlerisch als lyrischer Romantiker, beim Wundersänger Bobby McFerrin traf er im Hinblick auf funkensprühendes Temperament einen Gleichgesinnten.

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Seit den 1980ern war Corea dann nicht mehr zu fassen. Es gab Begegnungen mit der Klassik-Koryphäe Friedrich Gulda, sinfonische Aufnahmen für die Deutsche Grammophon, Tribute-Projekte für die Bebop-Ikonen Thelonious Monk und Bud Powell, Solo-Recitals, Reminiszenzen an den Jazzrock mit einer Elektrik Band – der Eklektizismus war Coreas Markenzeichen. Sein letztes Album „Plays“ (2020) versammelt neben Eigenem auch Titel von Mozart und Scarlatti bis hin zu Bill Evans und Stevie Wonder.

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Mannheim hatte Corea übrigens in schlechter Erinnerung. 1993 sagte das Land Baden-Württemberg ein Konzert des Scientology-Anhängers wegen der Sektenzugehörigkeit ab. Vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim scheiterte der Pianist mit einer Klage. Auftritte von Corea waren seither im Südwesten leider rar.

Tipps fürs Plattenregal

„No He Sings, Now He Sobs“ (1968), begeisternde Begegnung mit Miroslav Vitous (Bass) und Roy Haynes (Schlagzeug), ein Klassiker.

„A.R.C.“ (1971), hochsensibler Free Jazz mit Dave Holland (Bass) und Barry Altschul (Schlagzeug).

„Return To Forever“ (1972), zauberhafte Fusion-Musik u.a. mit Flora Purim (Gesang) und Airto Moreira (Percussion).

„Romantic Warrior“ (1976), hyperaktiver, hochenergetischer Jazzrock mit Return To Forever (Stanley Clarke: Bass, Lenny White: Schlagzeug, Al DiMeola: Gitarre).

„Remembering Bud Powell“ (1996), tolle Bebop-Hommage, u.a. mit Joshua Redman (Saxofon).

„The Musician: Live At The Blue Note Jazz Club 2011“: 3-CDs u.a. mit Herbie Hancock und Bobby McFerrin.

„Solo Piano Portraits“ (2014), kurzweilige Doppel-CD mit Werken u.a. von Bartók, Scriabin, Monk, Bill Evans und eigenen Kompositionen.

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