Genussreiches Gedächtnis

Franz Anton Bankuti zum Hintergrund des Martinsgansessens

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Franz Anton Bankuti
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Was steht heute auf Hockenheims Esstischen? Möglicherweise eine Gans, eine Martinsgans, denn heute ist Martinstag. Vielleicht wird die Gans auch erst morgen oder am Sonntag serviert, aber Gans und Martinstag gehören zusammen wie Faust und Mephisto.

Eines ist eh klar – und das gilt überall: „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.“ Das sagt man sich in irgendeiner Form bestimmt auch in den USA. Dort war am 29. Oktober übrigens der „Tag des Haferbreis“, immerhin Cholesterinspiegel senkend und Herzerkrankungsrisiko vermindernd, wie man sagt. Zurück zur Martinsgans: Was kann man Veganern raten? „Bitte zugreifen beim leckeren Rotkraut und den Knödel!“

Der Namensgeber dieses Tages samt Festessens ist bekanntlich der heilige Martin, um den sich viele Geschichten und Legenden ranken. Jedenfalls ist Martin einer der bekanntesten Heiligen und hat einen außerordentlich „guten Ruf“. Er ist wohl auch der erste Heilige, der nicht als Märtyrer starb, sondern wegen seiner Lebensführung heiliggesprochen wurde. Details sind nicht ganz klar, aber es ist ja schon lange her, dass Martin gelebt hat, im Jahre 316 wurde er wohl geboren und erreichte für die damalige Zeit das stattliche Alter von 80 Jahren.

Erst war er römischer Soldat und dann „Soldat Christi“, wie es oftmals heißt. Nach seinem Militärdienst soll er zunächst als Einsiedler gelebt haben, gründete dann ein Kloster in der Nähe von Tours und wurde dort auch zum Priester geweiht. Er soll asketisch als Mönch gelebt haben, war aber als Ratgeber und Nothelfer hoch geschätzt.

Als im Jahr 371 der Bischof von Tours starb, wollten die dortigen Christen Martin als Nachfolger. Der wollte sich dem entziehen und versteckte sich. Allerdings war die Idee, sich in einem Gänsestall zu verstecken, nicht zielbringend für Martin, das typische Schnattern der Gänse verriet ihn und er wurde, etwas befremdlich für unsere heutigen Überlegungen zu beruflichen Laufbahnen, aus dem Gänsestall heraus zum Bischof „gekürt“.

Ob es wegen dieses missglückten Gans-Versteckspiels die Martinsgans auf unsere Tische kommt? Kann auch mit seinem Gedenktag am 11. November zu tun haben. Das war für die Katholiken der letzte kulinarisch betrachtet „normale“ Tag vor dem 40-tägigen Fasten vor Weihnachten. Das gab es schließlich nicht nur vor Ostern, sondern ganz kirchenoffiziell bis 1917 auch vor Weihnachten. Der Martinitag war früher auch der Termin, an dem die Bauern ihren Lehensherren die fällige Pacht zahlen mussten. Dies geschah nicht nur in Geld, sondern auch in Naturalien, oft mit schlachtreifen Tieren wie eben den Gänsen.

Und was den später heilig gesprochenen Martin anbetrifft, soll er ja bereits zu seiner Zeit als römischer Soldat, also lange vor seiner Taufe, aufgeschlossen, menschenfreundlich und hilfsbereit gewesen sein, natürlich auch einfallsreich, als er auf die Idee kam, einem frierenden armen Menschen einfach die Hälfte seines eigenen Mantels zu geben. Eine Geste, an die heute noch mit den beliebten Martinsumzügen erinnert wird.

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