Von Predigten und Clowns

Franz Anton Bankuti über den Umgang mit dem Jahreswechsel

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Franz Anton Bankuti
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Schon sind wir drin im neuen Jahr. Die grundsätzlichen Vorsatz-Pakete sind wohl wieder abgestellt, zumindest ein wenig auf die Seite geräumt. Jetzt wird also konkret geredet und Klartext gesprochen.

„Und? Wie planst Du denn das neue Jahr?“ Unsere Antwort sollte dann möglichst ganz schnell kommen: „Nachhaltig, ja wirklich nachhaltig“. Kann man doch sagen, mit sachlichem, aber überzeugenden Tonfall, entsprechende Kopfhaltung inklusive. Und was wird der Fragesteller entgegnen? Erst wird er ganz kurz nachdenken. Zu mehr lassen wir ihm gar keine Zeit, sondern stellen gleich die Gegenfrage: „Du etwa nicht?“

Wer würde es schon wagen zu sagen, dass er nicht „nachhaltig“ zu agieren plane. Damit wäre diese Sache ja geklärt. Verbal. Und vom Inhalt und der tatsächlichen Aussage her? Na ja, „nachhaltig“ klingt einfach gut. Würde man sagen, man plane das nächste Jahr „vorsichtig“ oder gar „hinterhältig“, das gäbe ganz grobe Angriffspunkte. Aber „nachhaltig“, gut so, 2023 kann kommen, ist ja schon da, kann sich also jetzt ausbreiten.

Die Zeiten ändern sich. Kurt Tucholsky hatte aber weitblickend schon früher recht: „Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Leben.“ Gerade an solchen Zeitpunkten wie dem Jahreswechsel wird festgestellt, dass vieles „zeitlos“ ist, immer aktuell und zutreffend. Bekannt sind die Gedanken und Wünsche einer Neujahrspredigt, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einem Dorfpfarrer gehalten wurde.

Darin heißt es in etwa: „Herr, setze dem Überfluss Grenzen und lass die Grenzen überflüssig werden. Lasse die Leute kein falsches Geld machen und auch das Geld keine falschen Leute. Bessere die Beamten und Politiker, die wohl tätig, aber nicht immer wohltätig sind. Gib den Regierenden gute Bürger und den Bürgern eine gute Regierung. Und lasse die, die rechtschaffen sind, auch Recht schaffen“. Und zum Schluss heißt es vielsagend: „Herr, sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen – aber nicht sofort.“ Dem kann man ja wohl zustimmen, das kann zusammen mit der Überweisung der Kirchensteuer abheftet werden, beispielsweise.

2023, mal sehen, wie es geht, werden sich manche fragend sagen. Wir haben es ja in der Hand. Einfach auch mal zu weit gehen und sich ein bisschen umsehen – bestimmt nicht schlecht. Vielleicht war mancher schon mal „neben der Spur“ – Und fand es dort ganz interessant.

Vielleicht lernen wir uns dabei auch selbst näher kennen. Wo wir so in etwa gerade stehen, es herrscht ja ein steter Entwicklungsprozess. Der weltberühmte Clown Charlie Rivel hat das recht drastisch ausgedrückt, als er feststellte: „Das Leben ist die Entwicklung vom jugendlichen Helden zum komischen Alten.“

Soll man zu Jahresbeginn einmal ganz diskret nachdenken, an welcher Stelle man sich gerade befindet?

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