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Wahlk(r)ämpfe

Gert Häusler berichtet von einem Buch über Menschen und Politiker

Veröffentlicht
Kommentar von
Gert Häusler
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Politik kann zur Droge werden: In ihrem zum Teil beklemmenden Buch (dtv) „Alleiner kannst du gar nicht sein – Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst“ beschreiben die Politikjournalisten Peter Dausend und Horand Knaup das Leben und den ständigen Kampf von Politikern um Mehrheiten. Je prominenter die Kandidaten, umso öffentlicher sind die Schlachten.

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Der Absturz nach dem medialen Höhenrausch der grünen Kanzlerkandidatin war abzusehen, spielen doch die Bewerber um das Kanzleramt noch mal in einer ganz eigenen Liga. Es bleibt abzuwarten, wie sie mit Druck aus unterschiedlichen Ecken umgehen und schlüssige Argumente finden. Der Kampf der Kanzlerkandidaten ist nur die Spitze des Eisbergs. Gekämpft wird in der Politik auf allen Ebenen. Im kommenden Bundestag werden viele nicht mehr dabei sein. Neue Bewerber stehen dann mit altgedienten in den Startlöchern und alle mussten bereits diverse Hürden nehmen. Die Parteigliederungen vom erfolgversprechenden Kandidaten überzeugen, Abstimmungen und Unterstützer gewinnen. Mit den Platzierungen auf den Wahllisten ist der lange Vorlauf geschafft. Nun beginnt der eigentliche Wahlkampf mit allem, was wir Bürger kennen: Hausbesuche, Straßenstände, Gespräche mit den Medien, Podiumsdiskussionen, auch virtuell – das mühsame Klein-Klein. In dieser Zeit gibt es keine Verschnaufpausen mehr. Jede Frage muss beantwortet, jeder Termin wahrgenommen werden. Die sozialen Medien verlangen Futter, obwohl darüber oft unvorstellbare Schmutzkübel über die Kandidaten ausgeschüttet werden. Nach erfolgreichem Kampf steht endlich „Berlin“.

Die Autoren schildern die Euphorie, besonders der direkt Gewählten und ihre Ernüchterung gleich in den ersten Tagen. Die Abgeordneten sind keineswegs alle gleich, in den Fraktionen herrschen strenge Hierarchien. Der Kampf geht also ungebremst weiter. Auch Wahlkreiskönige müssen sich ihren Sitzplatz erobern – Hinterbänkler oder erste Reihen – und zusehen, es in einen wichtigen Ausschuss oder ein Amt in der Fraktion zu schaffen. Die permanente Sacharbeit mit Vorlagen, Gesetzentwürfen und Stellungnahmen zu allen möglichen Themen bekommen die wenigsten Wähler mit. Der Andrang zu einer Redezeit in fernsehtauglichen Debatten ist daher groß – auch die Redner werden von der Fraktionsspitze bestimmt.

Die im Buch zitierten Abgeordneten berichten, wie aufmerksam die Sekundenschnipsel in den TV-Nachrichten in der Heimat registriert und von der Regionalzeitung kommentiert werden. Eindringlich wird diese ständige Jagd nach Aufmerksamkeit und Anerkennung beschrieben. Und auch das Gefühl, dass fast jeder „nur etwas vom Abgeordneten will“. Reicht der Einfluss nicht, werden Intrigen gesponnen oder die Social-Media-Kübel ausgeschüttet. Freundschaften sind selten und durch die räumliche Trennung von der Familie – Heimatbesuche sind eigentlich Wahlkreisbesuche – zerbrechen viele Beziehungen. Sie hinterlassen häufig tiefe psychische Narben. Nach dem Lesen dieses Buches hat man einen etwas anderen Blick auf die Menschen, die solche politischen Ämter auf sich nehmen.

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Freier Autor Gert Häusler schreibt gern Kolumnen über Alltägliches.

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