Affentheater ums Rokokotheater

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Das Rokokotheater ist eine beliebte Kulisse für Konzerte. © Schwerdt

Die Umbenennung des Rokokothea-ters im Schwetzinger Schloss be-schäftigt auch diese Woche unsere Leser. Am Mittwoch fiel ja die Ent-scheidung, die Pläne zu stoppen. Die meisten Wortmeldungen erreichten uns schon zuvor. Wir wollen Sie Ihnen aber nicht vorenthalten:

Rokoko ist ein Begriff, der eine Epoche meint, die vor rund 300 Jahren begann, etwa 60 Jahre dauerte und der jetzt beim Schwetzinger Schlosstheater quasi tabu sein soll, weil die Nazis diesen benutzten. Ich sage bewusst benutzten – beziehungsweise erwähnten – und nicht missbrauchten. Und wenn man so die Presseberichte verfolgt, dürften die Nazis somit auch nicht der Namensgeber sein. Aber auch so ist es schwer vermittelbar, dass das Rokoko durch die Nazizeit belastet sein soll.

Eine ähnliche Diskussion gibt es auch um den Spruch „Jedem das Seine“, der unter anderem auf Platon und Cicero („suum cuique“) zurückgeht. Der jedoch von den Nationalsozialisten zynisch missbraucht wurde, denn dieser war über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald angebracht. Wie geht man also mit einer rund 2000 Jahre alten Gerechtigkeitsformel („Jedem das Seine“) um, die von einem Terrorregime eine kurzzeitige Pervertierung erfahren hat? Diese Diskussion hält bis heute an.

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Ich denke zumindest beim Thema Rokokotheater sollte man die Kirche im Dorf lassen. Nur hat sich da jemand vergaloppiert und er versuchte jetzt verkrampft, nicht vom Pferd zu fallen. Für mich ist das ein Sturm im Wasserglas, was da vom Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten losgetreten wurde und der Dank Andreas Sturm und der Schwetzinger Zeitung entlarvt worden ist.

Wer die Nazis unnötiger und irrtümlicherweise als Argumentationshilfe mit ins Boot holt, darf sich nicht wundern, wenn die Volksseele hochkocht und wenn dann die Menschen emotional reagieren.

Herbert Semsch, Brühl

Wir haben andere Probleme

Haben wir nicht alle im Moment andere Probleme, als über den Namen eines Theaters in Schwetzingen zu sinnieren? Nun sollte doch wirklich zusätzlich zu den täglichen sinnfreien Diskussionen um den Namen des Rokokotheaters auch noch ein teures historisches Gutachten erstellt werden (Forderung des FDP-Abgeordneten Jung).

Um die viel beschworene starke Bande zwischen Bevölkerung und Schlossverwaltung wiederherzustellen, schlage ich vor, für Schwetzinger Bürger auf das Eintrittsgeld von 80 Euro für Hochzeitspaare zu verzichten. Oder noch besser: anstatt des Stadtgeschenks zur Hochzeit in Form eines Regenschirms einen entsprechenden Gutschein zu verteilen. Vielleicht war der Vorschlag des Ministerpräsidenten, die morgendliche Toilette mit dem Waschlappen zu verrichten, nicht der optimale Handlungsfaden. So sollen doch kalte Duschen die Großhirnfunktion anregen.

Ein grün-schwarz regiertes Land, das für den Erhalt der Haubenlerche und den Feuersalamander mehr Geld ausgibt als für die Unterstützung der Tafeln, die mit einem Mehraufkommen von zwei Millionen Betroffenen rechnen, hat für mich jegliche soziale Legitimation verloren. Die eigentliche Aufgabe der Obrigkeit wird auf die Schultern von Freiwilligen abgeladen, denen nur das Betteln um abgelaufene Lebensmittel bleibt.

Ein Land, das den Sarotti-Mohr im Capitol in Mannheim schon Jahre versucht zu entfernen. Ein Land, das es zulässt, dass Kirchenglocken mit einem Hakenkreuz entfernt werden müssen. Ein Land, das unaufhörlich versucht, mit Genderdiskussionen zu punkten, obwohl das nur einen winzigen Bruchteil der Menschen im Moment interessiert.

Das nenne ich nur Arroganz der Macht. Oder steckt hinter all dem ein anderer perfider Plan? Sollen wir einfach mit diesen Diskussionen ruhig gehalten werden? Das hat schon im alten Rom mit „Brot und Spielen“ hervorragend geklappt. Jeder, der über Namensfindungen oder andere künstlich geschaffene Probleme nachdenkt, macht sich schon nicht über die Versäumnisse der Regierung Gedanken. Von daher „Chapeau“, gut eingefädelt!

Bernhard Schuh, Schwetzingen

Rhetorik und reductio ad Hitlerum

Godwins Law besagt: „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert eins an.“ Allerdings lässt sich das hier schwerlich anwenden, denn Michael Hörrmann, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten, hat zum einen gar nicht die Diskussion gesucht, sondern vorbei an allen demokratisch legitimierten Entscheidungsgremien eine Umbenennung beschlossen, und ist dann gleich mit „Hitler“ in die Diskussion gestartet, indem er behauptete, dass die Bezeichnung Rokokotheater von den Nazis stamme.

Eine „reductio ad Hitlerum“ – denn letztlich sagt das eben rein gar nichts über die Bezeichnung aus, sondern ist lediglich ein Spezialfall eines klassischen Fehlschlusses. Nun konnte allerdings nachgewiesen werden, dass die Bezeichnung Rokokotheater mitnichten aus der Nazizeit stammt, sondern auch schon in den 1920er Jahren durchaus eine geläufige Bezeichnung für das Theater war, neben der Bezeichnung Schlosstheater – die auch heute durchaus noch Verwendung findet: Schließlich ist das Rokokotheater ja das Schlosstheater im Schwetzinger Schloss.

Natürlich folgt eine Replik, die wieder wunderbar ein ganz klassisches rhetorisches Täuschungsmanöver repräsentiert, das gerne als „Burg und Siedlung“ bezeichnet wird. Denn da die „Siedlung“ – also die Behauptung, dass die Bezeichnung Rokokotheater von den Nazis stamme – sich ganz offensichtlich nicht halten lässt, wird sich auf die „Burg“ zurückgezogen und gesagt, dass die Bezeichnung sich unter den Nazis etabliert habe. Das Ganze wiederum ist leicht als ein „red herring“ – ein „Roter Hering“ – zu erkennen – ein rhetorisches Ablenkungsmanöver, das dazu verleiten soll, über Nazis zu diskutieren und nicht über das eigenmächtige Vorgehen eines Geschäftsführers, an allen demokratisch legitimierten Instanzen und an den Bürgern vorbei. Ebenso soll davon abgelenkt werden, dass das Rokokotheater weltweite Bekanntheit erlangt hat, und dem Namen als Marke ein hoher Wert innewohnt.

Eigentlich ist es ja schön, dass wir hier öffentlich viel über Rhetorik und das Rokokotheater lernen können, nun ist es an Michael Hörrmann zu lernen, dass wir Schwetzinger Bürger uns nicht von rhetorischen Kniffen an der Nase herumführen lassen.

Thomas Frank Hanisch,

Schwetzingen

Eine echte Theaterposse

Das von Michael Hörrmann inszenierte Possenspiel zur Umbenennung des Rokokotheaters ist nun beendet. Er wurde meiner Ansicht nach durch seine Dienstaufsichtsbehörde, das Finanzministerium, auf massiven öffentlichen Druck hin dazu aufgefordert, es war also nicht seine „einsichtige“ Entscheidung, denn noch vor wenigen Tagen hatte er erneut die Umbenennung mit der Nähe zur NS-Zeit begründet.

Unser Dichterfürst Goethe hätte ihm aus seinem „Faust“ die Worte entgegengehalten: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Es ist schade, dass ein langjähriger verdienter Geschäftsführer der SSG mit einer falschen Entscheidung in den Ruhestand verabschiedet wird. Das Finanzministerium wird gut beraten sein, den künftigen Geschäftsführer – oder die Geschäftsführerin – darauf hinzuweisen, dass die Nähe zu den Menschen vor Ort gesucht werden sollte.

In einem weiteren Beispiel wird deutlich, wie wichtig es ist, Entscheidungen nicht aus der Ferne zu treffen. Schon vor Jahren hatte ich den Geschäftsführer anlässlich der Renovierung des Schlosses darum gebeten, auch die Toilettenanlagen zu modernisieren, die als „Klohäuschen“ aus der Zeit Carl-Theodors bezeichnet wurden. Auch in anderen historischen Schlössern – sogar im Schloss Schönbrunn in Wien – befinden sich moderne Toilettenanlagen. Das Bauvorhaben ist allerdings immer noch nicht beendet, denn es stehen noch die provisorischen WC-Container im Garten.

Erst als sich der Landtagsabgeordnete Daniel Born an das Finanzministerium wandte, kam Bewegung in die Angelegenheit, denn auch dort bezeichnete man den Schlossgarten in Schwetzingen als ein schönes Monument des Landes. Hier wird deutlich, wie wichtig der Einsatz unserer Landtagsabgeordneten ist. Hätte nicht Andreas Sturm wegen der Theaterumbenennung die Initiative ergriffen, hätten ihn nicht seine Kollegen im Landtag, Daniel Born, Andre Baumann und Christian Jung, unterstützt, wäre es nicht zu der Rücknahme der Umbenennung gekommen. Auch die Presse hat dabei eine wichtige Rolle gespielt – zum Beispiel Jürgen Gruler von der Sschwetzinger Zeitung und Rolf Kienle von der RNZ.

Das Theaterstück“ ist nun beendet, der Vorhang kann wieder aufgehen – bei den Schwetzinger Festspielen im Rokokotheater.

Rudi Lerche, Plankstadt