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Altkatholiken sind alles andere als eine Sekte

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Zum Leserbrief „Generalvikar Sturm und das öffentliche Echo“ vom 28. Mai wird uns geschrieben: Da hat sich also der römisch-katholische Generalvikar von Speyer, Andreas Sturm, entschlossen, der altkatholischen Kirche, der ich selbst schon ein paar Jahre angehöre, beizutreten. Von meiner Seite aus: Herzlich willkommen! Dass er aber manchen in seinem alten Wirkungsbereich auch fehlen wird, ist natürlich klar.

Zum Leserbrief von Helmut Mehrer (pensionierter Lehrer) habe ich allerdings ein paar Anmerkungen. Thema „kleine Sekte“: Prinzipiell hätte sich Oberstudienrat Mehrer seriös erkundigen können, was die altkatholische Kirche ist. Angefangen bei seinen eigenen Kollegen vom Religionsunterricht. Busladungen an Profis, Geistliche und nichtgeweihte Theologen, nicht nur unsere eigenen, sondern auch römisch-katholische, anglikanische, die der mit Rom unierten Ostkirchen et cetera, können es ihm erklären: Die Geistlichen sind alle gültig geweiht, die Sakramente sind gültig und die Theologen forschen seriös.

Wenn man sich dagegen die Definitionen von „Sekte“ vorknöpft, zum Beispiel, dass sie unbedingten Gehorsam verlangen und die „Lehre“ nicht hinterfragt werden darf, da gibt es anderes Erschreckendes, zum Beispiel manche ultrakonservative Gruppierungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Eine Kirche, in der alle wichtigen das ganze Bistum betreffenden Entscheidungen unter moralisch erwachsenen und gefestigten Personen nach Austausch von Argumenten gefällt werden, und niemand, auch der Bischof nicht, absolute Macht hat, passt auf keinen Fall in die Definitionen von „Sekte“.

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Veröffentlicht
Von
Franz Anton Bankuti
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Sturms Motive mögen vielfältig sein. Wenn sich jemand aus dieser Position heraus zu einem solchen Schritt entschließt, hat sich sicher einiges angestaut. Das Einzige was dem Helmut Mehrer jedoch ins Auge springt, ist: Er hat gegen das Zölibat verstoßen, huch, wie schlimm! Und wieder nimmt dieser Mythos, dass Sex irgendwie geheimnisvoll „beschmutzen“ würde, den Raum ein.

Fällt einem, wenn man in unserer an Herausforderungen nicht gerade armen Zeit öffentlich über Kirche spricht, denn wirklich nichts anderes mehr ein? Hat man denn sonst nichts mehr zu sagen?

Ich hatte auch schon Diskussionen mit strammen Atheisten, warum ich überhaupt noch Kirchenmitglied bin. Ich weiß, wie Kirche von immer mehr Menschen in Mitteleuropa betrachtet wird: überflüssig, unnötig, alles Gehirnwäsche, wenn man ein bisschen kritisch denkt, tritt man aus und will damit nichts mehr zu tun haben. Es heißt, Christen seien nicht ganz erwachsen geworden und hingen noch an dem, was Mama und Papa gesagt haben, das man glauben soll. Ach ja, Religionsunterricht ist pfui, überflüssig, Religion hat an Schulen nichts zu suchen!

Drehen lässt sich die Tendenz nur, wenn man zu den Problemen und Krisen von heute etwas zu sagen hat, statt sich um längst widerlegte biologische Irrtümer aus der Antike zu kümmern. Was kann einem ein Jahrtausende altes Buch an Inspirationen für heute liefern?

Obwohl ich darin nun wahrlich kein Profi bin – ich bin Ingenieurin von Beruf – habe ich vor mehreren Jahren angefangen, wiederholt die gesamte Bibel zu lesen, auch die langweiligen „Nervkapitel“. Da stehen eigentlich eine Menge Dinge, die einem heute noch viel sagen. Zum Beispiel meine ich, dass die Bibel Diktaturen ablehnt. Interessant in einer Zeit, in der die Demokratie an sich unter Beschuss ist, von außen aber leider auch von innen.

Und wenn man es halt doch wieder vom Zölibat hat: Klar gibt es auch sexuelle Handlungen, die verletzen und somit schwere Sünde sind. Missbrauch, Vergewaltigung, zu Zwangsprostituierten zu gehen und so weiter. Aber wenn man unter Sex das versteht, was zwei Menschen, die geistig reif genug dafür sind, einvernehmlich haben, dann kenne ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, auch dem römisch-katholischen, niemanden, der schreiend im Kreis rennt, wenn ein Geistlicher solchen Sex hat.

Selbst der Vatikan sieht es plötzlich nicht mehr so eng, wenn es sich um Geistliche handelt, die vom anglikanischen zum römisch-katholisch Glauben übertreten.

Was nicht unbedingt fair ist, denn dann darf in Gemeinde A ein Pfarrer offen mit Frau und Kindern leben, in Gemeinde B direkt daneben muss die Gemeinde aber die längst bekannte Pfarrerfamilie weiter verschweigen. Und in Gemeinde C hat deswegen vielleicht die Gemeinde den Pfarrer ganz verloren.

Man sieht also: Das mit dem Zölibat bindet unnötigerweise ziemlich viele Kräfte, bei Geistlichen und Gläubigen, die man sinnvoller für anderes einsetzen kann. Beziehungsweise Kräfte die anderweitig dringender gebraucht werden.

Wie heißt es im Lied „Innuendo“ der Gruppe „Queen“? „If there’s a God or any kind of justice under the sky. If there’s a point, if there’s a reason to live or die. If there’s an answer to the questions, we feel bound to ask. Show yourself, destroy our fears, release your mask.“ Übersetzt heißt das: „Wenn es einen Gott oder irgendeine Art von Gerechtigkeit unter dem Himmel gibt. Wenn es einen Sinn gibt, wenn es einen Grund gibt zu leben oder zu sterben. Wenn es eine Antwort auf die Fragen gibt, fühlen wir uns verpflichtet zu fragen. Zeig dich, zerstöre unsere Ängste, löse deine Maske.“

Stephanie Alles, Mannheim

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