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Afghanistan - Geschwisterlichkeit könnte die Deutschen von ihrem Trauma befreien / Humanitäre Hilfe ist notwendig Ansätze für ein Verstehen

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Tim Focken, ein Ex-Soldat der Bundeswehr und Sportschütze, hat sich, trotz eines gelähmten Arms für die Paralympics in Tokio qualifiziert, aber das Finale nicht erreicht. Schon seine Verletzung in Kabul hatte ihn traumatisiert. Als nun die Nato Hals über Kopf Afghanistan verließ, brach die seelische Wunde wieder auf. Enttäuscht und gekränkt fragte er sich, wieso er mit seinen Kameraden Gesundheit und Leben aufs Spiel gesetzt hatte.

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In den ersten Jahren schien ihr Einsatz hilfreich. Unter ihrem Schutz und finanziert von Staaten und Nichtregierungsorganisationen entstanden Krankenhäuser und Schulen, besonders für Mädchen. Dass sich die Frauen Freiräume eroberten, betrachteten sie als Sieg. Im Gegensatz zu ihren Männern sind sie bereit, ihn gegen den erwarteten Widerstand der Taliban zu verteidigen. Bisher mit Erfolg. Szenen wie in Minsk, Moskau oder Hongkong sind nicht zu sehen. Warum? Die einzige nachvollziehbare Erklärung liefert der IS-Ableger Khorasan. Mit Selbstmord-attentaten greift er die Taliban an, die nach ihrem Sieg den Bürgerkrieg für beendet halten. Vor dem Flughafen werden hunderte Menschen getötet und plötzlich stehen die Taliban vor schweren Problemen. Sie werden vom IS bedenkenlos angegriffen, wagen es aber (noch) nicht, den Wunsch nach Freiheit brutal zu unterdrücken.

Das Schlimmste jedoch ist vermutlich eine für die Hälfte der Afghanen lebensbedrohliche Hungersnot. Sogar die Uno engagiert sich. Generalsekretär Gutierrez hat alle Spendenwilligen zu einer Geberkonferenz aufgerufen. Es wäre keine Überraschung, wenn der immer noch christlich geprägte Westen dabei den größten Teil beisteuerte.

Gewiss erwarten Nato und USA ein Entgegenkommen: die Rückkehr ihrer Staatsbürger und die Ausreise ihrer Ortskräfte, der Helfer im Krieg. Sie haben jedoch auch religiöse Gründe für ihre Zuversicht. Derzeit öffnen sich die Grenzen zwischen der weltoffenen Christenheit und dem zunehmend kooperationsbereiten Islam.

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2019 traf sich Papst Franziskus mit Ahmed al-Tayeb, dem sunnitischen Rektor der Al-Azhar-Universität Kairo. Gemeinsam forderten sie den Weltfrieden und die Geschwisterlichkeit aller Menschen. Dieses Ziel bezog die Schiiten schon indirekt ein. Offiziell sogar am 6. März dieses Jahres, als der schiitische Großajatollah Ali al-Sistani in Najaf der Aufnahme in diese weltweite geistliche Verwandtschaft zu-stimmte. Dem vor kurzem noch diktatorisch regierten Irak war diese Erklärung so wichtig, dass er den 6. März zum „nationalen Feiertag der Koexistenz und Toleranz“ erhob.

Im Juni, also drei Monate später, wurde der Araber Abbas Mansour in eine israelische Regierung aufgenommen. Für die Araber in Israel war das ein überzeugendes Zeichen der Hoffnung. Bis heute fühlen sie sich als Bürger zweiter Klasse. Wie die Afroamerikaner in den USA. Christen, als jüngere Geschwister der Juden, sehen erfreuliche Folgen. Vor allem im Gaza-Streifen, wo ständig neuer Hass entstand, geht er zurück: Keine Raketen mehr, nur Luftballons mit Brandsätzen, die eher wenig Schaden anrichten.

Bleibt noch der Iran mit seiner Hamas, der Hisbollah im Libanon, seinem Wächterrat und dem als aggressiv geltenden neuen Präsidenten Ebrahim Raisi. Auf ihn setzen manche Beobachter große Zuversicht. Sie vertrauen auf das Versprechen, das sie in seinem Vornamen entdecken: Ebrahim – Abraham, das heißt „Vater der Völker“.

Die USA und Europa können das als Aufruf zum Frieden deuten, den 20 Jahre Krieg in Afghanistan nicht näher gebracht haben. Es wäre eine Freude, wenn so die Traumatisierungen ein Ende fänden.

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Tim Focken, der einstige Fallschirmjäger, könnte 2024 in Paris das Finale erreichen.

Helmut Mehrer, Brühl

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