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Geimpfte und Ungeimpfte - Es sterben jährlich mehr Raucher als Corona-Infizierte / Sie müssen auch häufiger intensiv behandelt werden / Pfeile gegen nicht geimpfte Bürger bringen leichte Zustimmung Ansteckend sind eben doch alle – getestet aber leider nicht

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Zum Leserbrief von Dr. Ullmann zum Impfen wird uns geschrieben: Der Verfasser lamentiert, die Debatte über die Impfung drohe, die Gesellschaft in zwei Lager zu spalten. Jedoch enthält der Leserbrief selbst nebst medizinisch inkorrekten Aussagen zur Impfung viele herablassende und polemisierende Äußerungen über Ungeimpfte. Immerhin heißt es, Ungeimpfte würden die Bevölkerung dominieren. Das Wort „tyrannisieren“ verkniff man sich wohl. Aber inwiefern Ungeimpfte dies tun, wird nicht gesagt. Schlicht durch das Sich-Nicht-Impfen-Lassen? Und was ist mit den „herausragenden Solidarleistungen“ gemeint, die Geimpfte (und damit Ungeimpfte nicht) seit Monaten erbringen sollen? Schlicht das Sich-Impfen-Lassen?

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Die Impfung schützt nachweislich primär den Geimpften. Bei diesem Thema ist es wichtig, zwischen einer Infektion (Krankheitserreger dringen in den Organismus ein und vermehren sich) und einer Erkrankung (der Erreger oder die Immunantwort auf den Erreger löst Symptome aus) zu unterscheiden. Laut einer Studie aus Katar liegt die Wirksamkeit im Hinblick auf den Schutz vor einer Infektion – und damit im Hinblick auf den Schutz Dritter vor einer Infizierung durch Geimpfte – im ersten Monat nach der zweiten Impfdosis (in der betreffenden Studie mit Comirnaty) bei 77,5 Prozent. Danach nimmt diese Schutzwirkung erst langsam und nach dem vierten Monat rapide ab und liegt in den Monaten fünf bis sieben bei etwa 20 Prozent (Quelle: pharmazeutische-zeitung.de).

Was bleibt, ist in der Regel ein guter Schutz des Geimpften vor einer schweren Erkrankung. Was nicht bleibt, ist ein relevanter Schutz des Geimpften vor einer Infektion und ein Schutz Dritter vor Infizierung durch Geimpfte. Eine britische Studie hat ergeben, dass sich Ge-impfte nicht nur infizieren können, sondern bei einem Impfdurchbruch eine ähnliche Spitzenviruslast aufweisen wie Ungeimpfte und das Virus an vollständig geimpfte Kontaktpersonen wirksam weitergeben können (thelancet.com).

Das heißt: Sowohl Geimpfte als auch Ungeimpfte können Geimpfte als auch Ungeimpfte anstecken. Es entbehrt schlicht der sachlichen Grundlage, „die Ungeimpften“ weiterhin als Infektionstreiber darzustellen, obwohl alle größeren Veranstaltungen mindestens auf 3G-Basis (Testpflicht nur für Ungeimpfte) oder auf 2G-Basis (keine Ungeimpften) stattfinden und Geimpfte höchstens getestet werden, wenn sie bereits Symptome aufweisen.

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Dänemark und Island sind zwei Länder mit sehr hohen Impfquoten (über 75 und über 80 Prozent der Gesamtbevölkerung). Auch dort steigen wieder die Inzidenz- und folglich die Sterbezahlen. Eine ähnlich hohe Impfquote würde auch für Deutschland nicht „Zero Covid“ bedeuten. Vulnerable Personen schützt man am besten, indem man sich ihnen gegenüber vorsichtig verhält (Test vor einem Besuch) und es ihnen ermöglicht, größere Menschenansammlungen zu meiden (indem man für sie einkauft).

65 Prozent der Hospitalisierten und 95 Prozent derer, die in den Jahren 2020 und 2021 an und mit Covid verstorben sind, waren mindestens 60 Jahre alt (der Altersmedian bei den Verstorbenen liegt laut RKI um die 80). Laut statista.de sind 85,6 Prozent der Personen in dieser Altersgruppe inzwischen doppelt geimpft, 11,4 Prozent haben den Booster erhalten. Aus dieser Gruppe, die es besonders zu schützen galt und gilt, stammen nach wie vor zwei Drittel der hospitalisierten Covid-Fälle. Möglicherweise hat das Vertrauen auf die Impfung so manchen dazu verleitet, im Hinblick auf Kontakte und Menschenansammlungen weniger vorsichtig zu sein, als ratsam gewesen wäre. Es ist zu hoffen, dass viele von ihnen dank der Impfung Corona überwinden können.

In Deutschland herrscht kein Mangel an Krankenhaus- und Intensivbetten. Uns fehlt es an Pflegekräften und an spezialisiertem medizinischem Personal, das Patienten in diesen Betten betreuen kann. Ungeimpfte Pflegekräfte (größtenteils Menschen unter 60) werden regelmäßig getestet und stellen eine geringere Gefahr für ihre Schützlinge dar als geimpfte, aber ungetestete Verwandte oder Pflegekräfte.

Verbietet man diesen Personen, ihren Beruf auszuüben, weil sie nicht geimpft sind, kann das böse Folgen für den Personalschlüssel in Pflegeheimen und Krankenhäusern haben. Ich hoffe, man wird diese Folgen nicht den Ungeimpften zur Last legen, sondern fairerweise fehlgeleitetem politischem und gesellschaftlichem Aktionismus. Anstatt immunstarke Menschen unter 40 zur Impfung zu drängen und damit auch Impfstoff-Engpässe zu riskieren, sollte man sich darauf konzentrieren, die immunologisch Schwachen der Gesellschaft zu schützen.

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Wenn man sich zum Ziel setzen möchte, Krankenhäuser langfristig zu entlasten, wäre ein guter Ansatzpunkt das Thema Rauchen. Laut Bundesgesundheitsministerium sterben ganz ohne Covid deutschlandweit jährlich mehr als 127 000 Menschen an den Folgen des Rauchens (gegenüber 98 278 an Corona Verstorbenen in 2020 und 2021 zusammen, Stand 17. November). Ich weiß jedoch von keinem Politiker, der sich dieses Thema auf die Fahne geschrieben hat. Raucher mit Covid-19 müssen im Übrigen häufiger im Krankenhaus und auf Intensivstationen behandelt werden und haben ein höheres Risiko, an Covid-19 zu sterben, als Nichtraucher (laut aerzteblatt.de).

Es gibt wenig, womit man sich derzeit als Politiker oder Privatperson mehr Zustimmung sichern kann, als mit verbalen Pfeilen gegen Ungeimpfte. Aber weder Verunglimpfungen noch das Credo „und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt“ sind angemessen. Immerhin geht es nicht darum, eine möglichst hohe Impfquote zu erzielen, sondern darum, möglichst viele vulnerable Personen vor dem Virus zu schützen.

Annette Kosmala,

Schwetzingen

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