Das macht keinen Sinn

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Zur Einweihung der Bahnstrecke Wendlingen-Ulm wird uns geschrieben:

Jetzt ist sie fertig: die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, Teil des umstrittenen Bahnprojekts „Stuttgart 21“. Das „neue Herz Europas“, wie es die Bahn bewarb. Die Schweiz hat sich Ende der 1980er Jahre in einem Volksentscheid für die Stärkung des öffentlichen Verkehrs ausgesprochen. Rund 5,5 Milliarden Euro flossen in die Sanierung – das Projekt Bahn 2000. Federführend umgesetzt wurde es vom früheren Schweizer Bahnchef Benedikt Weibel. Auf meine Einladung sprach er 2012 bei einer Montagsdemo in Stuttgart vor 10 000 Zuhörern und sagte am Schluss, dass mit dem Geld für „Stuttgart 21“ die Schweiz zu einem S-Bahn-Netz ausgebaut wurde. Die Inkarnation des Unsinns wird mit der Schnell-strecke nach Ulm fortgesetzt.

Zitat Weibel: „Deutschland hat, wie die Schweiz oder England, ein verzweigtes System mit vielen Städten auf engem Raum. Da ergeben Hochgeschwindigkeitsnetze wie in Japan oder Frankreich wenig Sinn. Zwar kann der ICE von Frankfurt nach Köln mit 300 Stundenkilometern fahren. Wenn er aber dreimal anhalten muss, sinkt die mittlere Geschwindigkeit auf 160 – der Nutzen wird überschaubar. Bei der Bahn geht es immer darum, Kosten und Nutzen abzuwägen. Warum in Deutschland nie versucht wurde, mit möglichst wenig Investitionen einen möglichst großen Netzeffekt zu erzielen, kann ich nicht verstehen.“

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Bahn 2000 schaffte seit 1987 ein Wachstum von 80 Prozent mehr Fahrgästen, so erreicht man Klimaziele, aber nicht mit den sündhaft teuren Hochgeschwindigkeitstrassen. Was bringen 15 Minuten Zeiteinsparung von Mannheim nach München, wie die Firma Roche für 60 Pendler schwärmt. Jeder Bahnreisende hat heute einen Laptop dabei und Wlan im Zug. So kann er bei einer Tasse Kaffee gemütlich arbeiten oder sich zerstreuen. Da kommt es auf ein paar Minuten nicht an. Der Fernreisende aus dem ländlichen Bereich um Mannheim hat da schon mehr Ärger, bis er endlich die Hauptbahnhöfe zur Weiterfahrt nach München erreicht hat.

Auch für uns Grüne ist die neue Schnellstrecke keine Lobeshymne. Gerade mal 90 Züge – darunter kein einziger Güterzug wegen der steilen Trasse – fahren hier pro Tag. Im vergleichbaren Gotthardtunnel sind es 260. Aufgrund eines falsch formulierten Volksentscheids wurde der Weiterbau von „Stuttgart 21“ möglich und wird nach meiner Einschätzung wahrscheinlich nie vollendet werden. Es wird eine ewig hässliche Baustelle im Herzen von Stuttgart bleiben.

Auch eine Zerschlagung der DB in Infrastruktur und Betrieb macht wenig Sinn. Weibel dazu: „Ich habe mein ganzes berufliches Leben bei der Bahn gegen die Trennung gekämpft. Das ist ineffizient, weltfremd und führt zur Schwächung des Gesamtsystems. Schiene und Zug gehören zusammen. Die Vorhaben sind in Frankreich gescheitert. England, das sie zuerst zerschlagen hat, macht alles rückgängig.“

Ulrich Pfeiffer, Schwetzingen