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Entwicklungspotenziale - Aktuelle Katastrophen verlangen eine weltweite Kooperation / Hoffnung auf eine Geschwisterlichkeit Das Streben nach Würde und Freiheit

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Seit einem halben Jahrhundert beschäftigt ein rätselhafter Satz viele nachdenkliche Bürger: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Er stammt vom einstigen Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, der ihn 1967 zu Papier gebracht hat. Zu der Zeit, als Studenten an Deutschlands Universitäten für mehr Freiheit demonstrierten.

Böckenförde geht es aber nicht um die Freiheit selbst, sondern um ihre Voraussetzungen. Sie liegen tiefer als der Machtbereich des Staates: In den Ängsten und Hoffnungen der Bürger, die sich zwischen Auflehnung und der Einsicht in Notwendigkeiten entscheiden müssen. Dazu brauchen sie Selbstständigkeit, das heißt einen Bereich, in den der Staat nicht eingreifen darf. Im Gegenteil sogar: Er muss ihn schützen, schon wegen der Grundrechte und der Meinungsfreiheit – kurz wegen der der Menschenwürde. Sie zu verteidigen, liegt vermutlich im Charakter der Menschheit.

Staaten sollen aber auch „säkularisiert“ sein. Diese Forderung stammt aus dem 18. Jahrhundert. Bis dahin rechtfertigten Regierende ihre Macht mit der Übertragung dieser durch Gott und nannten sich zum Beispiel „Könige von Gottes Gnaden“. Bei den Religionen bedankten sie sich, indem sie deren Besitz sicherten und das Tun und Denken ihrer Untertanen überwachten. Davon haben sich die Revolutionäre in den USA und Frankreich gelöst, als sie sich mit areligiösen Verfassungen „säkularisierten“.

Der letzte Reflex der einstigen Beziehung durchzuckte Deutschland im Zweiten Weltkrieg, als Hitler „Gott mit uns“ auf die Koppelschlösser seiner Soldaten prägen ließ. Das endete zwar 1945, aber deutsche Katholiken und Reformierte übernahmen wieder einen großen Teil ihrer früheren Aufgaben in der Erziehung, der Bildung und der Krankenpflege. Eine Innovation ist freilich hinzugekommen. Die Ordensregel der Benediktiner wurde von Personalleitern als Ideal eines optimalen Lebens und Arbeitens entdeckt. Immer wieder hört man sie lächelnd das innere Gleichgewicht zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft loben.

Die Bundesrepublik ist also kein völlig säkularisierter Staat, sie nutzt in aller Freiheit, was die Religion ihr bietet: Freiheit, Gleichgewicht und gegenseitiges Fördern, es gibt keine sinnvolleren Brücken zwischen dem Glauben und den säkularen Gesellschaften. Derzeit sind sie aber noch begrenzt auf die westliche Welt. Die leidet zum Glück der Menschen nicht unter Bürgerkriegen und hat auch die religiöse Unterdrückung überwunden, wie sie in der islamischen Welt noch herrscht.

Dessen ungeachtet verehrt jeder Muslim Allah als seinen einzigen Gott und Schöpfer. Das heißt auch, dass er sich seiner Verantwortung vor ihm und für seine Mitgeschöpfe bewusst ist. Vermutlich sind auch die meisten informiert über die Pandemie und die Klimakatastrophe und über die Notwendigkeit, Frieden zu schaffen, um diese Bedrohungen zu überwinden.

Auf ein selbstständiges Nachdenken über eine weltweite Kooperation darf man auch in China mit seinen etwa 20 Prozent der Erdbevölkerung hoffen. Die Äußerungen seines Präsidenten Xi Jinping weisen zwar auf eine absolute Ichbezogenheit und das Streben nach einer alle Staaten dominierenden Rolle hin.

Zugleich jedoch beteiligt sich das Land aktiv an den Umweltkonferenzen. Seine Bevölkerung kennt also die Gefahren der Klimakatastrophe. Das wiederum lässt auf eine weltweite Verantwortung und Geschwisterlichkeit hoffen.

Viele Gründe sprechen also dagegen, die Zukunft der Menschheit infrage zu stellen und unsere Erde aufzugeben.

Helmut Mehrer, Brühl

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