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Europapolitik - Fehler der Vergangenheit rächen sich / Besser einen maßvollen Patriotismus an den Tag legen als in der Ecke verkriechen Der deutsche Sonderweg

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Innerhalb weniger Wochen scheint Deutschland politisch ein anderes Land geworden zu sein. Nebensächlich scheinen Pandemie, Klimawandel, Genderei und die angeblich wertebasierte feministische Außenpolitik einer Bildungshochstaplerin. Die fatale Energieabhängigkeit vom russischen Despoten zwingt den grünen Wirtschaftsminister unter Demutsgesten („Habück“) zu den arabischen Öl-Islamisten. Überraschend taucht ein Dämon aus vergangenen Zeiten in Europa wieder auf: Krieg! Wenn Politiker aus allen Wolken fallen, weil etwas längst Absehbares geschieht, handelt es sich um ein Wolkenkuckucksheim-Syndrom. Die schillernde Seifenblase des Wunschdenkens zerplatzt vor der brutalen Wirklichkeit.

Dabei haben die üblen Fehler der Vergangenheit ihre Namen: Schröder und Merkel bei der vermurksten Energiepolitik, Steinmeier bei der anbiedernden Außenpolitik, Von der Leyen und nachfolgende kompetenzfreie Verteidigungsdamen bei der nackt dastehenden Bundeswehr. Vom Ende her gedacht? Wohl eher nicht! Oberflächliche Ursachenerklärer meinen, man habe zu wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten Russlands und des Neostalinisten Putin genommen. Das „absprachewidrige“ Heranrücken der Nato an die Grenzen der slawischen Großmacht habe Moskau provoziert. Eine Behauptung, die einer ernsthaften Analyse nicht standhält. Das gescheiterte Demokratieexperiment „Perestroika“ (Wandel) ist die eigentliche Ursache. Wer einmal unter Russenherrschaft gelebt hat, will das nie wieder tun. Nachbar Russlands zu sein gilt seit Erfindung des Nationalstaats im 19. Jahrhundert als geografischer Fluch. Fazit: Der gewalttätige Putinismus erzwang die Nato-Osterweiterung (siehe auch Der Spiegel Nr. 7/22).

Nicht Waffen sind es, vor denen sich die russische Führung ebenso wie die Politbüro-Kaste in Peking fürchtet. Es ist die Idee des freien Individuums mit ihrer Dynamik, ihren Widersprüchen und Meinungsstreitereien. Deren Feind ist der Kollektivismus von roten Mandarinen und Autokraten, die sich zur legitimationslosen Herrschaft berufen fühlen.

Die neue Situation, Krieg in Europa, scheint unsere verwöhnten Wohlstandsdeutschen total zu überfordern. Am liebsten würden sie sich in einer geschützten Ecke verkriechen und sich ergeben, wie es Minister Lindner dem ukrainischen Botschafter und der Küchenphilosoph Richard David Precht dem angegriffenen Land empfohlen haben. Zwar bekennt sich eine Mehrheit laut Umfragen zu einer verteidigungsfähigen Bundeswehr. Doch irgendwie will man persönlich nichts damit zu tun haben. Wie in so vielen anderen Bereichen besteht das Verlangen, dass irgendwer – die Amerikaner, die EU oder die UNO – das Ganze schon richten werde. Zu dieser realitätsfernen Vorstellung kommt hinzu, dass jedes militärische Denken über die vergangenen Jahrzehnte verpönt und in die Tradition des Dritten Reiches verortet wurde. Deutschland glaubte, dass es sich auf einer „Insel der Glückseligen“ bequem machen könne, geprägt durch eine Kultur, die tradierte Männlichkeit als toxisch brandmarkt und neben einer Feminisierung des Männlichen auch noch ein maskulines Frauenbild propagiert.

Als Bedrohung werden teils imaginäre Ängste gepflegt, Kapitalismus als Verursacher der Ungleichheit, Weltuntergang durch Klimakrise, biologische Geschlechterunterschiede als Pathologie. „Bunte Aktivisten“ sind davon überzeugt, aufgrund eigener moralischer Überlegenheit die gesamte Gesellschaft einer Kulturrevolution unterwerfen zu können. Der LGBT-Ideologie ist es dabei gelungen, aus einer verfolgten eine verfolgende Minderheit zu machen. Gerade ist das links-pazifistische Milieu in Medien, Gewerkschaften und Kirchen dabei, das Entsetzen über den Krieg mit folkloristischen Friedensbekenntnissen à la „Ostermarsch“ zu kultivieren und an der zentralen Frage des Gegensatzes von Freiheit und Unfreiheit vorbeizuführen. Man muss kein Pessimist sein, um an den Kräften noch verbliebener realistisch-bürgerlicher Weltsicht, sich diesem Trend entgegenzustellen, zu zweifeln.

Deutschland steht vor der Alternative, sich auf die eigene Kraft zu besinnen, zu der auch – wie überall sonst in der westlichen Welt – ein maßvoller Patriotismus gehört und sich von seinem Nationalmasochismus zu befreien. Oder sich in einem Akt der Schwäche und vorauseilender Unterwerfung aus der Reihe ernstzunehmender Nationen zu verabschieden.

Winfried Wolf, Plankstadt

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