Die Bildungslücken sind fatal für uns

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Zum Artikel „Vorkurse auch für Azubis?“ vom 29. November schreibt uns diese Leserin ihre Meinung:

Ich lese ziemlich geschockt diesen Artikel, der beschreibt, dass Unternehmer besorgt sind über die Lerndefizite schon bei Viertklässlern. Die Firma Medizintechnik- und Industrieelektronik-Hersteller H & B Electronic in Deckenpfronn wird erwähnt. Rechtschreibung und Schriftbild von Bewerbern um einen Ausbildungsplatz seien zum Teil erschreckend, heißt es. Die Firma sei bereit, für Azubis im ersten Lehrjahr Nachhilfe in Deutsch anzubieten. Thomas Bürkle, Landesvizepräsident des Verbandes Unternehmen, schlägt vor, zwischen Schulabgang und Ausbildungsstart Vorbereitungskurse zwischenzuschalten, um Lernrückstände aus der Schulzeit auszugleichen. In dem Artikel heißt es, dass Bildungsforscher befürchten, dass Kinder solche Wissenslücken in der Schulzeit nicht mehr schließen können. Soweit der Artikel.

Ich gehöre zur älteren Generation und blicke zurück auf meine Schul- und Ausbildungszeit. Wir waren 44 Mädchen in einer Klasse, der Lehrer war eine Respektsperson und es herrschte Disziplin. Es gab Noten und Zeugnisse, die widerspiegelten, wo jeder stand. Einen seelischen Schaden hat dadurch niemand bekommen, aber war die Note schlecht, war die Botschaft klar: Sich auf den Hosenboden setzen und lernen.

Wenn wir Jugendliche im Alter von 14 oder 15 Jahren nach acht Jahren die Volksschule – so wurde das damals genannt – verließen, konnten alle lesen, schreiben und selbstverständlich rechnen und wir waren ausbildungsfähig! Wir begannen eine dreijährige Lehre, durchliefen in einem größeren Betrieb alle relevanten Abteilungen, um die dortigen Arbeiten und Abläufe kennenzulernen, und besuchten parallel die Berufsschule. Nach drei Jahren musste eine Prüfung bestanden werden. Im Alter von 17 oder 18 Jahren hatten wir eine seriöse Ausbildung und einen anerkannten Beruf. Das mag sich heute antiquiert anhören, aber es hat funktioniert.

Heute scheint das unmöglich. Sicherlich ist nicht alles eins zu eins umsetzbar, die Zeiten und Anforderungen ändern sich, aber ein solch gravierender Abfall im Bildungswesen ist für mich unerklärlich. Der große Unterschied heute zu damals ist die Tatsache, dass Deutsch für uns die Muttersprache war, in der Bildung vermittelt werden konnte. Wenn heute in einer Klasse 50, 70 oder gar 80 Prozent der Kinder kaum Deutsch sprechen, ist das Vermitteln von Bildung fast unmöglich.

Im Artikel „Schulpolitik vom Ex-Lehrer“ in der SZ vom 18. November ist zu lesen, dass die Viertklässler im Land sich laut der jüngsten Bildungsstudie deutlich verschlechtert haben. Im Lesen, Zuhören und beim Rechnen bleiben 19 Prozent unterm Mindeststandard, den jeder Viertklässler erreichen müsste, beim Rechtschreiben sind es sogar 28 Prozent. Hinzu kommen weitere 25 Prozent, die die Mindestanforderungen gerade erfüllen. Miserabel haben Schüler mit Migrationshintergrund abgeschnitten. Sie haben beim Zuhören – der Schlüsselfertigkeit für alles Lernen – einen Rückstand von über zwei Jahren auf Klassenkameraden ohne Zuwanderungsgeschichte. Der Artikel besagt, dass seit 2011 alle Länder bildungsmäßig bergab gegangen sind; schlechte Zensuren seien mittlerweile der Normalfall. Als Ursachen wird für den Südwesten der starke Rückgang der Gesamtschülerzahl und die starke Zuwanderung in den vergangenen zehn Jahren genannt. Mit einem Migrationsanteil von 49,2 Prozent ist im Flächenland Baden-Württemberg das Niveau der Stadtstaaten erreicht.

Der Bildungsforscher und frühere Direktor des Institutes zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), Olaf Köller, spricht von einer dramatischen Entwicklung für ganz Deutschland. Zitat: „Wir haben große Gruppen von Risikokindern, die weder lesen, noch schreiben, noch rechnen können.“ Und: Immer mehr Jugendliche kämen mit so großen Defizite aus der Schule, dass die Betriebe sie nicht einstellen können. In dem Artikel heißt es ferner, dass die Mängel bei den elementaren Grundfähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen seit der ersten Pisa-Studie von 2001 bekannt sind.

Kinder aus Zuwanderungsfamilien, wo zu Hause nur die jeweilige Muttersprache gesprochen wird, haben kaum eine Chance auf Bildung, von den Eltern ist keine Unterstützung zu erwarten und die Schule kann es nicht immer richten. Sie sind die Verlierer einer seit Jahrzehnten fatalen Zuwanderungspolitik. Verlierer ist aber auch Deutschland, wenn diese abgehängten Jugendlichen aufgrund mangelnder Bildung nicht in ein Berufsleben integriert werden können.

Deutschland war einst das Land der Dichter und Denker, heute sind wir das Land der Parallelgesellschaften und der sozialen Brennpunkte in allen Ballungsgebieten mit den immer gleichen Problemen hoher Ausländeranteil, hohe Arbeitslosigkeit und hohe Kriminalität. Unsere Politiker rufen seit Jahren nach noch mehr Zuwanderung, um den gravierenden Fachkräftemangel zu beheben. Wir haben seit Jahrzehnten Zuwanderung, hat das den Fachkräftemangel behoben? Irgendwie scheint diese Rechnung nicht aufzugehen.

Jetzt, nach Jahrzehnten der ungesteuerten Zuwanderung, oft nur in die Sozialsysteme, die in keiner Weise unseren Fachkräftemangel behoben hat, will die Politik es mit einem Punktesystem besser machen. Man darf gespannt sein.

Gaby Gehring, Schwetzingen