Befreiung des KZ Auschwitz - Der silberne Holocaust-Gedenktag – ein wichtiges Jubiläum für die Menschenwürde und den Frieden Die Liebe ist Gott unverzichtbar

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Vor 25 Jahren – also 1996 – wurde der Tag der Auschwitz-Befreiung, der 27. Januar, als nationaler Gedenktag an die Opfer des Holocaust festgelegt. Den hätten wir im letzten Monat zum 25. Mal begehen müssen, haben es aber nicht.

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Warum? Weil es sich nur um ein „kleines“ Jubiläum handelt? Nun, so unbedeutend ist es nicht. Silberhochzeiten werden ja auch gefeiert. Wollen wir die Täter schonen? Inzwischen sind doch fast alle verstorben. Ihre Taten vergessen?

Niemals, an diese Verbrechen wird sich die Welt noch in Jahrhunderten erinnern! Dabei hat man sie bis Mitte der 1960er Jahre allenfalls flüsternd erwähnt. Erst seit dem Film „Holocaust“ aus dem Jahr 1978 ist der Massenmord am jüdischen Volk in das deutsche Bewusstsein eingedrungen. Geschichts- und Religionslehrer haben diesen Impuls aufgegriffen und vertieft, haben mit ihren Klassen ehemalige Konzentrationslager besucht, Überlebende in ihren Unterricht eingeladen und mit ihnen über ethische Konsequenzen diskutiert.

Sie seien nicht schuldig an den Verbrechen, hörten die jungen Menschen, wohl aber verantwortlich, dass sie sich nicht wiederholten. Im ersten Augenblick haben die Schüler aufgeatmet. Sie fühlten sich entlastet. Doch wie können sie Völkermorde verhindern? Den überzeugendsten Ausgangspunkt lieferte die Bibel: Menschen sind Kinder Gottes, also Geschwister. Sie sind mit der gleichen Würde begabt, bilden eine große Familie und müssen einander schützen. Doch an diesen Aufruf denken nur noch wenige. Erst recht strahlt er nicht mehr auf Nachbarvölker aus, als besonderes Vermächtnis der deutschen Geschichte.

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Schon dieses Vergessen wäre ein Grund gewesen, die Gedenkfeier 2021 hervorzuheben. Nachdenklichkeit freilich hat sie geweckt: Zwei jüdische Frauen waren in den Deutschen Bundestag eingeladen. Die ältere, Charlotte Knobloch, berichtete, wie sie in München dank ihrer Großmutter und ihrer Familie den Holocaust überlebte. Die jüngere, Marina Weisband, eine in der Ukraine geborene Psychologin, war 1994 nach Deutschland gekommen und sprach über ihre Aufnahme: Antisemitisches Verhalten habe sie oft erlebt, es zwinge jüdische Menschen dazu, sich zu verbergen. Man drucke keine Briefköpfe mehr auf Umschläge und verzichte auf offene Einladungen zu Gesprächen.

Schließlich habe sie selbst erkannt, dass die Erwartung ihres Großvaters bei der Emigration sich nicht verwirklichte. Er hatte gehofft, dass „in Deutschland niemand merkt, dass wir Juden sind“. Doch sie spüre gerade das Gegenteil. Deshalb wolle sie ihre ethnische Herkunft verheimlichen und einfach „ein Mensch sein.“ „Mensch“ taucht in ihrem Text 14mal, und am Ende ihres Vortrags noch einmal auf: „Ich bin ein Mensch.“ Gottes Namen fehlt jedoch.

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Sie sprach also nur von Menschen, nicht aber von Gott. Beides verwundert bei einer Jüdin. Sie gehört zu einem Volk, dessen Existenz und Wesen in einer engen Beziehung zu ihm entstanden ist und seine Erfahrungen in der Bibel aufgezeichnet hat. Besonders in den Psalmen hat es ihn angefleht, mit ihm gehadert, ihm aber auch gedankt und ihn gelobt. Dieser Schatz ging in die Lehre Jesu ein und wurde von den Christen in die Welt getragen. Er findet sich auch seitenlang im Koran und dem „100-Namen-Gottes-Gebet“, in dem Muslime Gott als einen starken und allmächtigen Herrscher anrufen. Das Gebet selbst enthält kein für Christen anstößiges Wort, ebenso wenig wie Jesu „Vater unser“ für Muslime und die jüdischen Psalmen für Andersgläubige. Die Unterschiede wirken unbedeutend. Dennoch, die allen gemeinsame Verehrung des Vaters und Schöpfers, hat Verachtung und Missachtung, ja sogar Kriege zwischen den Religionen nicht verhindert. Marina Weisband kann sich für oder gegen Gott entscheiden. Wenn sie sich nicht von ihm trennen will, bieten ihr Gebetstreffen der drei Religionen ein breites Arbeitsfeld.

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Sie kann den Spuren des weltweit verehrten Papstes Franziskus folgen. Er hat am 4. Februar mit dem Kairoer Großimam Ahmad Mohammad Al-Tayyeb das „Dokument über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ unterzeichnet. Menschen als Kinder Gottes und als Geschwister zu betrachten, ist Ausdruck ihrer Würde, aber noch kein Ziel an sich: Es geht um ihr Überleben und die Erhaltung der von Gott geschenkten Welt. Auch daran erinnert uns der Holocaust-Gedenktag.

Helmut Mehrer, Brühl