Die zehn Gebote im Blick

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Zum Leserbrief „Advent bringt Licht in unsere Welt“ in der SZ-Ausgabe vom 26. November wird uns geschrieben:

Advent bringt Licht in unsere dunkle Zeit, gewiss doch‚ das Licht des Kommerzes, dem wir alle frönen. Die alten Glaubensstücke der Bibel dagegen, können unsere Zeit kaum noch erhellen. Und das Licht der modernen Bibelwissenschaft und der profanen Wissenschaften, das entsprechend dargeboten unsere Zeit erhellen könnte, wird von den Kirchen unbegreiflicherweise unter den Scheffel gestellt.

Denken wir nur einmal an die zehn Gebote der Israeliten, die in der Verkündigung kaum noch eine Rolle spielen. Dabei handelt es sich bei ihnen um einen epochalen Verhaltenskodex, wie man heute weiß, der auch uns noch etwas zu sagen hätte. Man muss sich fragen, wie es vor zweieinhalbtausend Jahren einem einfachen Hirtenvolk wie dem der Israeliten gelingen konnte, eine zeitlose Proklamation fürs richtige Verhalten der Menschen zu erlassen.

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Von
Stefan M. Dettlinger
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Eine Antwort wäre: Die Israeliten wollten sich nicht nur räumlich von den Ägyptern trennen, sondern haben sich auch in ihrem Gottes- und Menschenbild von ihnen absetzen wollen, wobei sie ins Schwarze trafen. So lehnten sie die Vorstellung von Gott als Person ab. Wenn aber Gott in unserer Vorstellung keine Person mehr ist, dann kann man von ihm auch keine Rachegedanken erwarten. Der Eindruck, dass Gott rächt, könnte entstehen, wenn Nachfahren von Menschen, die Untaten begannen haben, von Unheil betroffen sind. Dieses Unheil ist dann aber nur Folge eigenen Fehlverhaltens und sonst nichts. Der Zusammenhang von Fehlverhalten und erfahrenem Unheil ist tatsächlich gegeben. So haben auch die Nazis in Deutschland für ihre monströsen Untaten mit ihrem spektakulären Untergang bezahlen müssen. Das war’s dann aber auch schon – leider werden manche denken.

Der Verhaltenskodex der zehn Gebote betrifft sowohl das Verhältnis der Menschen zu Gott als auch das Verhältnis der Menschen untereinander. Sie sollen von Respekt geprägt sein, was von den Israeliten in Ägypten anders erlebt wurde. Die zehn Gebote sind auch kein abgeschlossener Kanon. Sie stehen nur beispielhaft für den geschuldeten Respekt des Menschen. Meines Erachtens würde auch Respekt vor wilden Tieren dazugehören, etwa vor freilebenden Krokodilen in Afrika. Um sie mache man besser einen großen Bogen, anstatt mit „Eisenbahnschienen“ auf sie einzuschlagen.

Diese Reptilien verfügen über einen mächtigen Schwanz – wenn sie den einsetzen, bringen sie die Serengeti zum Beben. Beschwichtigung wäre die richtige Antwort bei einer Begegnung mit einem Krokodil in Afrika oder sonst wo in der Welt. Ich hoffe, die Leser haben die Anspielung auf jüngere Vorkommnisse in Europa bemerkt. Die zehn Gebote kann man ja auch entwicklungsgeschichtlich betrachten. Sie sind Ergebnis der naturüberschreitenden Entwicklung der Menschen, die vermutlich noch im Gange ist. Zur Bewältigung der großen Krisen unserer Zeit müssten wir uns jedenfalls ein wenig strecken können. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Israeliten den Jenseitsglauben der Ägypter aufgeben konnten. Das war der Not geschuldet, die sie tagtäglich zu bewältigen hatten. Aber geht es uns nicht noch genauso, zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung? Die naturüberschreitende Tendenz des Menschen verlangt vom Menschen auch nicht, dass er Naturgesetze überschreitet. Das wäre falsch verstandene Naturüberschreitung.

Das Christentum ist von den kulturellen Errungenschaften der Israeliten zum Teil wieder abgekommen. Das lag nicht an Jesus Christus, sondern an seinen Interpreten, die die eigentlichen Urheber des Christentums sind. Jesus Christus war für ein lebendiges und inniges Verhältnis der Menschen zu Gott eingetreten. Demzufolge legte er weniger Wert auf die buchstabengetreue Gesetzeserfüllung als vielmehr auf eine Gesetzeserfüllung, die von Herzen kommt. Das brachte ihm die Gegnerschaft der streng regelkonformen Pharisäer ein, die als kaltherzige Hüter des Regelwerks auftraten, das sie von den Geboten abgeleitet hatten. Sie ließen Jesus Christus von den allein befugten Römern zum Tod am Kreuz verurteilen, was ihre Kaltherzigkeit einmal mehr unterstreicht. Kurz vor seinem Tod hat Jesus noch davon gesprochen, dass er seinen Tod als „Opfer für viele“ ansieht. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass er seinen Tod als Opfer für seine Missionstätigkeit betrachtet. Der Ausspruch „Opfer für viele“ ist vom zeitnahesten Evangelium, dem Matthäus-Evangelium, überliefert. Spätere Evangelisten entwickelten daraus die Idee vom Sühneopfer Jesu Christi. Das will sagen, dass Jesus Christus für die Sünden der Menschen mit seinem Tod an Kreuz vor Gott gesühnt hat. Die Weiterführung der Idee meint dann, dass dadurch Gott den Menschen ihre Sünden vergeben konnte; man müsse nur daran glauben.

Um meine Ausführungen nicht mit solch einer Zumutung an den menschlichen Verstand beschließen zu müssen, möchte ich den folgenden Schluss anbringen: Das innige Gottesverhältnis von Jesus Christus verlangte natürlich auch nach einer passenden Anrede für Gott. Jesus Christus nannte Gott Abba – also Vater. Eine innigere Anrede ist kaum denkbar. Wir können sie auch für uns übernehmen, was nicht schwerfallen dürfte, sofern wir aus christlichem Elternhaus stammen. Herauszufinden, wer oder was Gott nun tatsächlich ist, wird künftig noch etliche zerkaute Bleistifte kosten. Siegfried Eberhard, Schwetzingen