Ortsmitte in Reilingen - Gedanken zur Erweiterung des Rewe-Marktes / Orte mit hoher Aufenthaltsqualität schaffen, an denen man sich gerne trifft Ein Plädoyer für den öffentlichen Raum

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In seiner jüngsten Sitzung hat der Reilinger Gemeinderat die Erweiterung der Verkaufsfläche des Rewe-Marktes einstimmig beschlossen. Zehn Jahre zuvor hatte die Kommunale Wohnungsbaugesellschaft (KWG) das Verkaufsgebäude im Ortskern anstelle des ehemaligen HL-Marktes errichten lassen und langfristig an Rewe verpachtet. Die aktuell eingeleitete Teiländerung des Bebauungsplans „Sondergebiet Einzelhandel“ möchten wir zum Anlass nehmen, um unsere Gedanken zum Areal in Worte zu fassen.

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Zunächst war und ist die Errichtung des Rewe-Marktes ein wichtiger Beitrag zur Nahversorgung der Bevölkerung und ein großes Privileg, um die Attraktivität in der Ortsmitte von Reilingen zu erhalten. Gleichzeitig obliegt dem Bauherrn eine Verantwortung, diese Fläche im Herzen der Gemeinde ansprechend zu gestalten und ein neues Gebäude dieser Größe sorgsam in den ortstypischen Baubestand zu integrieren.

Dieser Verantwortung ist die KWG bislang nicht nachgekommen. Bereits 2010 hat man es versäumt, ein nachhaltiges Gesamtkonzept zu erarbeiten, um damit einen öffentlichen Raum zu schaffen, der dem Ort und der Bevölkerung gerecht wird. Seit dem 1980 errichteten HL-Markt klafft eine Wunde in Form eines Parkplatzes in der typisch für ein Straßendorf geschlossenen Bebauung entlang der Hauptstraße. Unter Bezugnahme der ehemaligen Drogerie Dorn wäre nach Abbruch des HL-Marktes 2010 sicherlich eine deutlich attraktivere Setzung des neuen Verkaufsgebäudes möglich gewesen. Doch bis heute finden wir an dieser zentralen Stelle einen Parkplatz und eine Restfläche, die mit Bäumen versehen zum Europaplatz avancierte.

Eine Restfläche zwischen parkenden Autos und lärmender Hauptstraße, ohne jegliche Aufenthaltsqualität, ohne wirkliche Funktion. Dem Stellenwert Europas werden wir Reilinger mit diesem Platz nicht gerecht. Zum Glück möchte man mit den Erweiterungsmaßnahmen nun die Aufenthaltsqualität erhöhen, eine „freundliche Atmosphäre“ schaffen. Mit dem bereits existierenden Ausblick auf die rund 80 parkenden Pkw halten wir das jedoch für eine sehr anspruchsvolle Aufgabe.

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Einen Nahversorger im Ortskern zu halten, ist, wie eingangs bereits erwähnt, wichtig und Beleg für ein nachhaltiges Handeln der Gemeinde. Nachhaltigkeit bedeutet heute aber durchaus mehr, als eine Photovoltaikanlage zu installieren und einen Platz mit Bäumen zu versehen. In einer so dicht besiedelten Region wie der unseren ist die Ressource Bauland mit zum wichtigsten Gut geworden.

Umso bedauerlicher, wenn ein über 1600 Quadratmeter messendes Gebäude in bester Lage nur monofunktional genutzt wird. Supermärkte mit integriertem Wohnraum sind schon seit geraumer Zeit nicht nur Konzepte, sondern im Rhein-Neckar-Kreis bereits gebaute Realität. In Altwiesloch entsteht eine Penny-Filiale mit acht Wohneinheiten, in Eppelheim besteht bereits seit Jahren ein Edeka-Markt mit aufgesetztem Wohnraum. Nachhaltige Ortsentwicklung bedeutet daher auch ein verantwortungsbewusster Umgang mit Flächen im Innenbereich und die qualitativ hochwertige Gestaltung von öffentlichem Raum.

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Unser geltendes Baurecht macht es uns in dieser Hinsicht sicherlich nicht immer einfach. Innovative Projekte brauchen daher Mut und vielleicht etwas höhere finanzielle Ausgaben. Ein gutes Beispiel hierfür, der Schwetzinger Schlossplatz, als umstrittener Modellversuch gestartet, erfreut er sich heute sehr großer Akzeptanz und ist ein überregional anerkanntes Beispiel für die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer im öffentlichen Raum.

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So müssen auch die Gemeinden in den Randbereichen der Metropolregion ihr Verkehrsverhalten endlich umdenken. Und mal ehrlich, braucht es mitten im Ortszentrum zeitgleich Parkmöglichkeiten für 80 Haushalte, wo man in Reilingen doch alle wichtigen Einrichtungen prima per Rad oder zu Fuß erreichen kann? Das Konzept der autogerechten Stadt war doch schon vor zehn Jahren längst überholt und letztendlich dient ein Lebensmittelmarkt nicht für parkende Fahrzeuge, sondern für uns Menschen.

Spätestens zur nächsten Erweiterung des Rewe-Marktes sollten wir uns diese Gedanken wieder in Erinnerung rufen, um in Zukunft öffentliche Räume mit gut investierten Mitteln wieder für den Menschen nutzbar zu gestalten. Orte mit hoher Aufenthaltsqualität an denen man sich gerne trifft, damit das Verweilen wieder Spaß macht und man den individuellen Charakter unseres Ortes besser repräsentiert.

Katharina und Sebastian

Ehrstein, Reilingen