Bundespräsidentenwahl Es sind Menschen, nicht die Parteien

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Dass er vor einem Jahr unaufgefordert den Finger hob, als noch niemand fragte, wer nächster Präsident werden will, sah Frank-Walter Steinmeier als entscheidend für seine Wiederwahl. Aber daran lag es nicht allein. Schauen wir weiter zurück. Im Herbst 2017 nach der Bundestagswahl schien die Bundespolitik gelähmt. Die SPD hatte nur ein Ziel: die Opposition, um sich zu „regenerieren“. Eine Einigung überließ sie der CDU, der FDP und den Grünen. Was folgte, war ein Schauspiel – Komödie oder Tragödie? – zwischen Balkonen, Straßen und Handys. Über Wochen, die drohten, Monate zu werden wie in Belgien oder Holland. Dann zog sich die FDP zurück, das Patt war perfekt. Kein Zug mehr möglich.

In dieser vom Grundgesetz nicht vorgesehenen Lage ergriff Steinmeier die Initiative. Er bestellte die SPD-Führung in den Amtssitz, erinnerte sie an ihre Verantwortung vor den Wählern und ihre Pflicht für das Land. Die Kopfwäsche wirkte. Am Ende stand wieder eine Regierung. Eine große, aber wiederum ungeliebte Koalition.

Doch dafür wurde er am Sonntag belohnt und konnte seine „erste große Rede“ halten, wie die Medien urteilten. Seine alte Partei platzte vor Stolz. Neben der Regierung und dem Bundestag erhielt sie nun ein drittes Spitzenamt. Im abendlichen ZDF-Interview bremste Steinmeier je-doch die Euphorie: Die Menschen entscheiden, nicht die Parteien. Und die Aufgaben, der Schutz des Friedens und des Klimas, sind gewaltig.

Helmut Mehrer, Brühl