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Demonstrationen - Auch die Rote Armee Fraktion hat in der außerparlamentarischen Opposition begonnen / Aufmerksamkeit ist geboten Gefährden Angst und Wut die Demokratie?

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Welcher Beitrag einer Zeitung wird am meisten beachtet? Vermutlich der „Eckenbrüller“, der kurze Text auf der ersten Seite oben rechts oder links. Vergangenen Samstag trug er den Titel „Wie Angst und Wut Ausdruck finden“. Der Leser verstand spontan: Es muss um Corona gehen, um die Angst der Menschen vor der Spritze und ihre Wut über die drohende Impfpflicht.

Dagegen protestieren Tag für Tag Zigtausende. Derzeit mit „Montagsspaziergängen“, einer scheinbar milden, aber regelmäßig in Gewalt gegen die Polizei endenden Form. Dass der Verfasser in diesem Modus eine für die Demokratie gefährliche Ausdrucksweise sieht, ist verständlich. Dass er aber auch Gegendemonstrationen verurteilt, fordert Widerspruch. Man muss nur die mutigen Menschen erlebt haben, die sich in Mannheim vors Rathaus stellten, um „Spaziergänger“ abzuwehren. Sie leisten einen wichtigen Dienst, ganz gewiss der Demokratie, dazu der Gesundheit aller und damit auch der Ängstlichen und Wütenden.

Dass Gewalt gegen die öffentliche Ordnung und die Grundrechte verstößt, versteht sich wohl von selbst. Dass sie aber wachrüttelt und zum Umdenken beiträgt, beweisen die Couragierten und der Anstieg der Impfwilligen, der lange unter 70 Prozent verharrte, inzwischen aber auf über 80 Prozent steigt. Jeder einzelne Neubekehrte verbessert seine eigenen und die Überlebenschancen aller.

Besonders nachdenklich macht uns ein Blick in die jüngere Vergangenheit. In den 1960er Jahren begann ein ständig kleiner und bedenkenloser werdender Teil unserer Studenten in Gewalt und Mord abzurutschen, weil sich keine zivile Gegenkraft bildete, um sie zurückzugewinnen. Hochbegabte junge Leute wie die Autorin Ulrike Meinhof, die Theologin Gudrun Ensslin, Tochter eines Pfarrers, und der Fabrikantensohn und Diplom-Soziologe Jan-Carl Raspe, drifteten mit Andreas Baader auf einen Weg, der in Gewalt, Morden und ihrer kollektiven Selbsttötung endete.

Ihr Ausstieg begann in breiten Bewegungen wie der außerparlamentarischen Opposition, im sozialistischen Studentenbund oder in Demos gegen den Besuch des Schahs von Persien. Schrittweise glitten sie in Gewalt: Ein Kaufhaus wurde angezündet, ein Häftling befreit und Waffen eingesetzt. Mitstreiter distanzierten sich, am Ende stand die winzige Rote Armee Fraktion, die ihre gesamte Intelligenz brauchte, um der Einsicht in den Irrtum zu verschließen.

Wie weit sind wir von solchen Zuständen noch entfernt? Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber Aufmerksamkeit ist geboten und den Mutigen zu danken.

Helmut Mehrer, Brühl

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