Großchance wird leichtfertig vertan

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Zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar erreichen uns folgende Briefe:

Den vollmundigen Ankündigungen des DFB, sich in Sachen One-Love- Kapitänsbinde mit klarem Statement für Diversität, Menschenrechte und Meinungsfreiheit zu positionieren, folgte leider die beschämende und nicht nachvollziehbare Kehrtwende. Die großen Worte im Vorfeld waren also nur heiße Luft und das Einknicken gegenüber der Fifa ist eine einzige Enttäuschung.

Wie kann man sich als DFB, immerhin der weltweit größte nationale Fußballverband, von dem korrupten System Fifa derart vorführen, gängeln ja sogar einen Maulkorb verpassen lassen? Nur auf eine vage angekündigte und nicht konkrete, wenn auch mit Drohgebärden formulierte Sanktionierungsmaßnahme seitens der Fifa reagieren die DFB-Funktionäre ratlos und resignieren vor deren Allmacht.

Offensichtlich wird ein drohender Punktabzug als höher und wichtiger erachtet wie ein klares Statement, zu den sich selbst auferlegten Werten von Toleranz, Vielfalt und gegenseitigem Respekt. Dass der Weltverband Fifa sich öffentlich und mit aller Vehemenz gegen diese Grundprinzipien freier Gesellschaften stellt, macht schlichtweg sprach- und fassungslos. Anstatt sich aber laut und unüberhörbar zu artikulieren, halten sich die deutschen Nationalspieler, nach Maßgabe des DFB, bei der ersten öffentlichen Präsentation bei dieser WM in Katar den Mund zu, was die ursprüngliche Absicht konterkariert und so auch die Interpretation zulässt, man habe hierzu ohnehin nichts mehr zu sagen. Die Einschüchterungstaktik der Fifa hat obsiegt, den Emir wird’s freuen und den Fifa-Boss allemal.

Schade nur, dass es der DFB versäumt hat, klare Kante zu zeigen – vor einem Millionenpublikum in aller Welt. Die Chance hierfür war nie besser als zum jetzigen Zeitpunkt. Andeutungen des DFB-Präsidenten, weitere Schritte beim nächsten Fifa-Kongress unternehmen zu wollen, sind leider nur wohlgemeinte Lippenbekenntnisse ohne tiefgründige Substanz. Die Chance auf Veränderung ist leichtfertig vertan und Glaubwürdigkeit wurde in hohem Maße verspielt.

Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Fußball-WM nicht ausnahmslos von Machtspielchen und pekuniär ausgerichteten Interessen dominiert wird und der Sport, um den es ja primär gehen sollte, nicht zur nebensächlichen Staffage verkommt. Den DFB-Funktionären als Anregung zum Nachdenken: „Es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun.“ (Johann Wolfgang von Goethe) Gerhard Kiermeier, Hockenheim

Der Binden-Skandal

Dass die Fifa vor zehn Jahren eine WM in ein rückwärtsgewandtes Land schummelt, ist der eigentliche Skandal. Sepp Blatter ist Platini auf den Leim gegangen. Katar ist der umstrittenste Gastgeber in der WM-Geschichte. Die Fifa verbietet den Belgiern das Wort „Liebe“ in den Trikotkragen zu sticken und den europäischen Mannschaften die One- Love-Kapitänsbinde – aber sollte der DFB jetzt die WM canceln?

Viele Eventfans und Fußballhasser echauffieren sich in den sozialen Netzwerken und fordern, sich der Fifa zu widersetzen. Aus moralischer Sicht, könnte man ihnen vordergründig recht geben, aber aus sportlicher Sicht nicht. Jeder unserer Spieler hat viele Jahre dafür gearbeitet, um da zu sein, wo er jetzt ist und vielleicht ist es für einige die einzige Möglichkeit, jemals an einer WM teilzunehmen. Ich bin da bei Chris Kramer von Borussia Mönchengladbach: „Man kann die Fifa scharf kritisieren, aber ich warne davor, den Spielern moralische Vorwürfe zu machen.“ Norbert Theobald, Schwetzingen