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„Hohen Besuch“ vermisst

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Erhält die ältere Generation in Schwetzingen die gebührende Wertschätzung vonseiten der Stadt?

Vor Kurzem erzählte mir eine Bekannte von einer Schwetzingerin, die sich zu ihrem 100. Geburtstag extra zum Friseur fahren und flott frisieren ließ. Außerdem gönnte sich die alte Dame noch ein neues Outfit, damit sie besonders schick und gut aussähe für den „hohen Besuch“, den sie voller Vorfreude erwartete.

„Der Oberbürgermeister kommt ganz sicher oder der Bürgermeister – da müssen Sie sich flott und schick machen“, sagte ihre Pflegerin zu ihr, um sie entsprechend zu animieren.

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Der Tag verging, die Spannung wuchs. Leider kam kein „hoher Besuch“ zum Gratulieren. Niemand von der Stadt. Weder ein Oberbürgermeister, noch ein Bürgermeister und auch kein entsprechend beauftragter Stadtrat oder sonstiger „Geburtstagsbotschafter“. Bedauerlich, dachte ich. Vielleicht ein Versehen?

Inzwischen lebt die ältere Dame leider nicht mehr. Einige Tage später erzählten mir andere Bekannte, dass jemand von der Stadt bei ihnen geklingelt habe, um dem Nachbarn einen Geburtstagsgruß und ein Präsent zu überbringen. Verwundert antworteten die Bekannten damals, dass der Nachbar bereits seit 16 Jahren tot sei.

Diese Woche unterhielt ich mich beim Einkaufen in einem Schwetzinger Geschäft und was bekam ich da von der Inhaberin zu hören? Auch sie berichtete mir, dass sie eine ältere Dame kenne, die jetzt vor einiger Zeit ihren 100. Geburtstag erleben durfte und auch hier sei niemand von der Stadt da gewesen. Kann das sein, fragte ich mich. Erhalten unsere älteren Mitmenschen keine Wertschätzung mehr?

Ich kann mich an Zeiten erinnern, da saß ich bei hochbetagten Bekannten, die schon am Vormittag feine Brötchen und süße Leckereien für den „hohen Besuch“ aus der Stadt richten ließen. Damals kam Oberbürgermeister Kappenstein persönlich und gesellte sich zum Gratulieren und für den kleinen Imbiss dazu. Nicht nur fünf Minuten.

Ganz zu schweigen von Gerhard Stratthaus – der immer ein offenes Ohr und ein „Schwätzchen“ für die älteren Menschen übrig hatte. Gerade die ältere Generation ist es doch, die sich ganz besonders freut, wenn sie das Gefühl vermittelt bekommt, auch von „höherer Stelle“ entsprechend wertgeschätzt, respektiert und nicht vergessen zu werden. Vielleicht ist das „Geburtstagsprozedere“ bei der Stadt während den Corona-Zeiten etwas ins Stocken geraten. Mag sein – aber ein kleiner Besuch – zur Not auch mit Maske – sollte meines Erachtens für jeden Jubilar drin sein, das beweist Achtung und Respekt vor dem hohen Alter. Wenn tatsächlich jemand von der Stadt kommen sollte, sollte es meiner Meinung nach auch möglich sein, dies vorher zu klären und anzukündigen.

Damit sich eben die älteren Geburtstagsjubilare schick machen und auf den „hohen Besuch“ gebührend vorbereiten können und nicht im Zweifelsfall im Schlafanzug oder Nachthemd angetroffen werden und sich dadurch nicht flott genug für den Besuch fühlen würden.

Raquel Rempp, Schwetzingen

Anmerkung der Redaktion: Wir haben bei der Stadtverwaltung nachgefragt. Aufgrund von Corona habe man gerade die gefährdeten älteren nicht besucht. Inzwischen sei man aber wieder unterwegs. Manchmal sei trotz vieler Versuche niemand zu erreichen, dann gehe man nicht vorbei. Aber momentan sei Elfriede Fackel-Kretz-Keller sehr oft auf Gratulationstour und natürlich schätze man die älteren Mitbürger sehr.

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