Corona und die Gesellschaft - Deutschland hat genügend Unternehmen, die in der Lage sind, pharmazeutische Artikel herzustellen Ich glaube an einen Wandel . . .

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Mit großem Interesse verfolge ich die Berichte zur Corona-Krise und die unterschiedlichen Auffassungen der Experten und solche, die sich dafür halten. Mit Sorge betrach-te ich die differenzierten Bewertungen der Länderchefs, die nicht zu einer einheitlichen Vorgehensweise, sondern zu unterschiedlichen Entscheidungen führen. Profilierungssucht schlägt Corona. Jeder sieht den volkswirtschaftlichen Schaden nur bei sich. Leider werden viele mittelständische und Kleinbetriebe, die nicht über Lobbyisten verfügen, den Weg zum Konkursverwalter antreten müssen. Auch diejenigen, die in der Zeit der Hochkonjunktur vergessen haben, dass Rücklagen zum betriebswirtschaftlichen System gehören, werden massive Probleme bekommen. Unterstützungsforderungen ja, aber bitte nur, wo es auch Sinn macht und gerechtfertigt ist. Die Frage darf nicht lauten: „Wie rette ich die Dividende?“– sondern: „Wie erhalte ich Arbeitsplätze?“

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Vorsicht bei großen Versprechen: Für mich klingt es wie Hohn, wenn Topmanager in großen Lettern ankündigen, auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten, aber im Kleingedruckten steht, dass es sich nur um ein Fünftel des Grundeinkommens handelt. Oder wenn Profisportler, insbesondere die Spitzenkicker, während der Krise über neue Verträge nachdenken, bei denen das Jahreseinkommen nicht unter 15 Millionen liegen sollte. Wir sprechen über 40 000 Euro täglich. Manche Pflegekräfte in Kliniken und Altenheimen wären froh über ein Jahresgehalt in dieser Höhe. Ein durchschnittlicher Rentner bezieht diese Summe in zwei Jahren. Aber ein Abo bei Sky sollen wir schon abschließen, um Geisterspiele sehen zu dürfen.

Wir leben in einer perversen Welt. Täglich sterben immer noch Tausende, aber wir ärgern uns über eventuell ausfallende Urlaubsreisen. Keine Sicht auf einen einsamen Bären auf einer Eisscholle oder auf die Flosse eines Wals. Keine Safarifahrt im Landrover, kein Schüleraustausch in Australien. Kein Kreuzfahrtschiff in der Lagune vor Venedig, kein Gang über die Rialtobrücke, um einen Espresso für 8 Euro oder ein Glas Sekt am Polarkreis schlürfen zu dürfen, wie schade. Zum Glück durften die Boutiquen wieder öffnen, kein neuer Style seit fünf Wochen, unmöglich. Damit wir uns verstehen, natürlich muss der Schuhladenbetreiber oder Modegeschäftbesitzer die Chance haben, seine Existenz zu sichern. Einzelhandel ist ein wichtiger Baustein unserer komplexen Gesellschaft. Ich möchte nur, dass wir uns auf das Wesentliche besinnen.

Ich hoffe auf eine baldige Rückkehr in eine neustrukturierte Gesellschaft, in der ein bisschen mehr Bescheidenheit einkehrt, ein Arbeitsplatz oder Nachbarschaftshilfe mehr zählt als pure Protzerei oder grenzenlose Ausbeutung und Gewinnsucht. In der ein T-Shirt in Burladingen oder sonst wo und nicht in Bangladesch unter katastrophalen Umständen und für einen Hungerlohn produziert wird.

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Gier frisst Hirn. Wir haben in Deutschland genügend Unternehmen, die in der Lage sind, pharmazeutische Artikel, Medikamente et cetera herzustellen und nicht aus reiner Gewinnsucht die Arbeiter in China oder Indien ausbeuten. Selbst den Mundschutz können wir selbst nähen.

Nach langer Zeit erfahren auch wieder die Kitas und Schulen ihre Wertschätzung. Ebenso die selbstverständliche Beziehung zwischen Oma, Opa und Enkel. So manche Eltern müssen leidvoll erfahren, dass ein Kopfbahnhof, so er funktionieren soll, nicht als Abstellgleis missbraucht werden darf. Die Lokomotive muss auf beiden Seiten einsetzbar sein. Das Virus hat auch so manche Autofahrer befallen. Kaum haben sie ihr Homeoffice verlassen, wird nicht nur das Gaspedal, sondern auch die Verkehrs- und Geschwindigkeitsregel mit Füßen getreten. Übrigens: Wer statt bei Grün bei Rot über die Ampel fährt, sollte auf Blaulicht achten. Mundschutz hilft nur bedingt. Ein dummes Gesicht erkennt jeder Blitzer. Die einzigen coronafreien Stellen in Brühl sind die Gehwege, dort wird das Virus von Radlern plattgemacht.

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Ich bedanke mich bei allen, die in dieser schweren Zeit zuerst an die Kranken und Bedürftigen denken. An die Profis der Pandemiebekämpfung und die wenigen Politiker für ihr rasches und umsichtiges Handeln. Ich glaube an einen Wandel, ein Lernen aus dieser Krise. Nicht jeder ist ein Trump.

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Ludwig Wocheslander, Brühl