Katholische Kirche - Mit dem Leid der Opfer und der Schuld der Täter transparent umgehen und endlich Konsequenzen ziehen Ist das etwa Gottes Wille?

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Er breitet sich aus, wie eine Seuche. Gemeint ist der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen – also von Kindern und heranwachsenden Jugendlichen. Ob in pädophilen Netzwerken, Campingplätzen wie in Nordrhein-Westfalen oder anderswo, ob zu Hause oder wo auch immer.

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Mit Abscheu, Ekel, Wut, Sorge und Trauer verfolge ich nicht nur diese Entwicklung, sondern auch die Aufdeckung eines in den 1960er Jahren verübten niederträchtigen und perfiden Verbrechens im Bistum Speyer: dem sexuellen Missbrauch von in Obhut und Abhängigkeitsverhältnis stehenden Kindern und heranwachsenden Jugendlichen unter anderem begangen von sogenannten „Geistlichen“ in einem Kinderheim in Speyer in der Engelsgasse.

Dabei klingt der Name Engelsgasse schon wie ein Hohn. Denn in der Domstadt wurde die Engelsgasse für viele zum Teufels-Höllen-Qual-Pfad. So wurden hier nachweislich systematisch Heimkinder geschändet, missbraucht, ihnen ihre Würde, Ehre und letztlich ein wesentlicher Teil ihrer Seele und des Lebens genommen. Die innerlichen Narben und psychischen Schäden der Opfer werden wohl nie verheilen. Die damaligen Akteure: Nonnen, die als Zuhälterinnen „dienten“ und die die Kinder für Geld anboten, sie selbst missbrauchten und „Geistliche“ und pädophile Politiker, die diese widerwärtigen Taten begangen.

Also ausgerechnet die Menschen, die sich anmaßen Vertrauenspersonen Gottes zu sein und sich erdreisten, in dessen Namen zu handeln? Allein schon diese Tatsache ist einfach abscheulich und ekelerregend. Ein Opfer nannte diese Täter trefflich „Schweinepriester“. Und nicht zu vergessen, die pädophilen Politiker, die nicht nur ihr Amt missbrauchten. Dieser Vorgang ist daher, wenn auch unter anderen Vorzeichen, aktueller denn je.

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Und was macht die katholische Kirche? Sie zeigt sich so wie man sie seit jeher kennt: Sie zögert, schweigt, hält wichtige Dokumente von Missbrauchsakten zurück, vertuscht. Und was das Schlimmste ist, sie deckt damit die Täter. Lässt sie straffrei und macht sich somit mitverantwortlich an dem Geschehenen. Zudem möchte sie sich für das ergangene Leid freikaufen. Eine moderne Art des Ablasses. Nur diesmal andersherum.

Es wäre jedoch unfair, von „der Kirche“ als Ganzes zu sprechen und alle in der Kirche Tätigen an den Pranger zu stellen. Nein. Es sind die verantwortlichen (Un)-Würdenträger von denen man eine angemessene Reaktion ungefiltert erwartet. Die energisch und unmissverständlich gegen diese unsäglichen perversen Umtriebe vorgehen. Diejenigen zur Verantwortung ziehen und entweihen, welche Unheil über Wehrlose und Schutzbefohlene gebracht haben. Und als Konsequenz muss sich die Kirche von Menschen mit pädophilen Neigungen trennen.

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Immer wieder ist zu hören, diese Vorgänge seien verjährt. Ich frage mich jedoch: Sind sie das wirklich? Was ist mit den Opfern? Den geschändeten und verletzten Seelen, deren angetanes Leid sie ein ganzes Leben begleiten wird. Keine Entschuldigung oder noch so hohe finanzielle Entschädigungszahlung kann das jemals wieder gutmachen, was diesen Menschen angetan wurde. Es wäre daher an der Zeit, nein überfällig, dass die Verantwortlichen in der Kirche endlich mal zeitgemäß reagieren, so, wie es der gesunde Menschenverstand eigentlich erwarten lässt. Mit entsprechender Aufarbeitung, Anerkennung der Schuld und der nötigen Transparenz nach außen.

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Was ich im Zusammenhang mit den Missbrauchsvorwürfen vermisse, ist die Reaktion und der Aufschrei von den aufrichtigen, ehrlichen Christen und Gläubigen. Von denen, die selbst Kinder und Enkel haben, die sie der Kirche anvertrauen. Den Menschen mit Verantwortung.

Ist die Kirche immer noch so mächtig, dass sie sich nicht trauen, ihr entgegenzutreten und dass diese schalten und walten darf und kann, wie sie will?

Hier geht es auch nicht darum, Gläubige zu diffamieren oder an den Pranger zu stellen. Es geht rein um den Machtmissbrauch der Institution katholische Kirche. Denn wen schützt die Kirche eigentlich? Man könnte vermuten, nur sich selbst! Auch sollte die Frage erlaubt sein: Wie „glaub-würdig“ und zeitgemäß ist die Kirche noch (angefangen beim Zölibat)? Und: Hat die Institution Kirche aus ihrer unrühmlichen Vergangenheit wirklich nichts dazugelernt? Was muss denn noch alles passieren, damit sich die Kirche endlich mal ihrer Verantwortung bewusst wird, sich ihr stellt und angemessen auf solche abscheulichen Geschehnisse reagiert? Übrigens: Der Glaube an Gott hat nichts mit der Institution Kirche zu tun.

Also: Genau hin- und nicht wegschauen! Nicht nur in der Kirche. Sondern auch dorthin, wo Unrechtes und Unheil geschieht. Denn das ist bestimmt nicht Gottes Wille.

Thomas Proft, Schwetzingen