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Sexualstraftaten - Opfer müssen oft jahrelang darum kämpfen, überhaupt gehört zu werden / Umdenken ist notwendig Missbrauch darf nicht verjähren

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Er ist widerwärtig, abstoßend, eklig und unverzeihlich. Der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen. Also an Kindern, Jugendlichen oder Personen, die aufgrund von Gebrechlichkeit, jeglicher Art von Krankheit oder Behinderung wehrlos sind. Fast noch perfider wirken diese Vergehen, wenn sie in „vertrauensvollen“ Einrichtungen wie der Kirche, den Kitas, Vereinen, Heimen et cetera begangen werden.

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Wie schwer sich speziell die katholische Kirche mit der Aufarbeitung und dem Umgang mit solchen Verbreche(r)n tut, ist hinreichend bekannt. Eine in Kooperation von ARD und dem Mannheimer Morgen entstandene 45-minütige Filmdokumentation untersuchte unter anderem, ob es früher in dem Kinderheim in der Engelsgasse in Speyer ein pädophiles Netzwerk zwischen Priestern und Nonnen gab.

Wirklich beweisen ließ sich dies nach so langer Zeit jedoch nicht. Zumal diese Verbrechen in den 1960er- und 70er-Jahren begangen wurden. In einer Zeit, in der ein sehr rigides, patriarchisches Obrigkeitsdenken herrschte und gelebt wurde, man Kindern und Jugendlichen keinen Glauben schenkte (was ja heute leider immer noch der Fall ist) und in dem sich jeder diesen Normen und Strukturen unterordnen musste. Umgesetzt mit viel Willkür in Form von häuslicher Gewalt bis hin zum sexuellen Missbrauch. Bis heute wird vertuscht und totgeschwiegen.

Zu Recht erhitzt der am 21. Oktober in der Schwetzinger Zeitung erschienene Artikel „Staatsanwalt ermittelt gegen eine Nonne aus Speyer“ die Gemüter. Hier geht es um Vergewaltigungsvorwürfe einer Ordensschwester vom Göttlichen Erlöser (Niederbronner Schwestern) im Speyerer Kinderheim in den 1990er-Jahren. Nachdem die Justiz zunächst von einer Verjährung ausging, werden die Vorwürfe gegen die Ordensschwester nun untersucht. Bravo Staatsanwaltschaft!

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Für mich stellt sich die Frage, warum solche Taten, egal von wem und wann sie begangen wurden, überhaupt verjähren? Was hat sich der Gesetzgeber dabei gedacht? Wo spiegelt sich hier Paragraf eins unseres Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ wider? Was ist mit dem Leid der Opfer?

Den physisch und psychisch Geschändeten und verletzten Seelen, deren angetanes Leid sie ein ganzes Leben begleiten wird. Menschen, die tagtäglich an ihr grausam Erlebtes erinnert werden, das Geschehene nicht verarbeiten können, nachts wach liegen und die im Innern keine Ruhe mehr finden. Die in kein normales Leben mehr zurückfinden. Opfer, die zum Teil jahrelang unerbittlich dafür kämpfen mussten, um überhaupt gehört zu werden. Denen nicht geglaubt wurde beziehungsweise wird und deren Scham ins Unermessliche geht. Und was ist mit den Geschädigten, denen eingebläut beziehungsweise suggeriert wird, dass sie schließlich selbst daran schuld seien, was ihnen angetan wurde. Und das solange, bis sie es selbst glauben.

Kümmert sich der Staat mehr um die Täter als um die Opfer? Was sind das für Menschen, die andere körperlich und seelisch misshandeln, sexuell missbrauchen oder die durch böswillige Vernachlässigung Mitmenschen gesundheitlich und psychisch schädigen? Die ihre Fürsorgepflicht gegenüber Schutzbefohlenen schändlich missbrauchen. Sind das Menschen wie du und ich?

Wie man weiß, kommen die Täter aus allen gesellschaftlichen Schichten. Oft handelt es sich um Personen, denen selbst schweres Leid angetan wurde und deren Traumata sich in Wut, Hass, Selbstzerstörung, einer Psychose oder anderem krankhaften Verhalten äußern, wodurch sie vom Opfer zum Täter werden. Aber rechtfertigen diese Umstände eine mögliche Strafmilderung oder eine andere Sicht der Dinge? Hier gehen die Meinungen weit auseinander.

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Wie schwer ist unsere satte und wohlstandsverwöhnte Gesellschaft erkrankt? Was läuft da schief? Ist uns das Wohl unserer Mitmenschen mittlerweile egal? Treibt uns unsere Ichbezogenheit in den sozialgesellschaftlichen Abgrund? Sei es wie es ist. Solche Vergehen müssen entsprechend geahndet werden. Sie dürfen nicht bagatellisiert werden. Das Strafmaß muss der Schwere der Tat angepasst werden. Missbrauchsnetzwerke müssen noch intensiver aufgespürt, bekämpft und zerschlagen werden. Hier sind vor allem die Justiz und unser Rechtsstaat gefordert. Es muss gewährleistet werden, dass sich „nicht nur“ intensiv um die Täter, sondern besonders auch um die Opfer gekümmert wird.

Keine Frage: Resozialisierung von Straftätern durch entsprechende Therapieformen oder andere präventive Maßnahmen sind sinnvoll. Selbst wenn ihre Wirksamkeit oft in Frage gestellt werden beziehungsweise umstritten sind. Auf keinen Fall darf es weiterhin eine Verjährung dieser schweren Verbrechen auf Kosten der Opfer geben! Hier muss ein Umdenken stattfinden. Die Zeit dafür ist überreif.

Thomas Proft, Schwetzingen

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