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Erzbistum Freiburg - Dass Dekan Grabetz nicht weitermachen darf, ist eine verpasste Chance / Modell Kirche hat ausgedient Moderner Märtyrer darf gehen

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Es ist Fakt: Das Modell Kirche hat längst ausgedient. Mehr als in die Jahre gekommen, angestaubt, eingefahren in ihren zum Teil mittelalterlichen Ansichten, zu oft in negative Schlagzeilen geraten, durch Übergriffe an wehrlose Schutzbefohlenen. Damit allein hätte sie allen Grund gehabt, ihr Image gründlich aufpolieren zu wollen. Die stetig wachsenden Austritte sprechen doch ein Übriges.

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Denn die Kirche hat es gerade dringend nötig, ist sie doch für die jüngere Generation nur (noch oder überhaupt) das letzte Puzzleteil in Verbindung mit einer perfekten Märchenhochzeit. Dann die unnötig hohen Kirchensteuern, erst einmal für nichts, gegebenenfalls die Angst der Älteren, ohne Kirche und ordentlichen Pfarrer irgendwann mal nur wie ein Hund verscharrt zu werden.

Nun hätte sie eine echte Chance gehabt, ein Exempel statuieren zu können und statt einem modernen Märtyrer – einem Robin Hood des 21. Jahrhunderts – zu huldigen, lässt sie ihn ziehen, wenn auch angeblich in zumindest einigen Ehren, wegen seiner langjährigen Verdienste positiven Wirkens in der Vergangenheit.

Die Rede ist von Dekan Jürgen Grabetz, der laut Medienberichten Gelder der Seelsorgeeinheit unrechtmäßig an Bedürftige weitergegeben hat. Warum? Weil er Elend erkannte und helfen wollte. Weil er wie Sankt Martin zuerst den eigenen Mantel teilte, indem er zuallererst auf sein Privatvermögen zugriff, bevor er an den „obligatorischen Klingelbeutel“ ging. Damit hat Grabetz doch offensichtlich erstmal alles richtig gemacht, weil er das praktizierte, wofür er Jahre bereits gepredigt hatte: Nächstenliebe, Fürsorge, Brüderlichkeit.

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Und was macht die Kirche? Statt ihm einen Pokal oder eine Auszeichnung für besondere Dienste zu verleihen, verpasst sie klassisch die Gelegenheit, um mit diesem „Fehlverhalten“, die Botschaft, die sich die Kirche auf die Fahne geschrieben hat, gerade an die jüngere Gesellschaft heranzutragen: Voll Vertrauen zu Gott beten. „Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet!“ – Matthäus 7,7.

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf. Sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, die Liebe erfreut sich nicht an anderer Menschen Sünden, sie erfreut sich an der Wahrheit. Sie ist immer gewillt, zu ertragen, zu vertrauen, zu hoffen und zu erdulden, gleich was kommen mag.“ Erster Korinther, 13,4.

Und das, um nur zwei Bibelbeispiele zu nennen. Was wäre das für eine Möglichkeit gewesen, die Bibel unter einer ganz anderen, moderneren Sichtweise unter die Menschen zu bringen!

Natürlich weiß Jürgen Grabetz um die falsche Vorgehensweise, der er sich bemächtigt hat, um offensichtliches Elend zu lindern. Sein schlechtes Gewissen zwingt ihn deshalb zur Selbstanzeige. Er will volle Verantwortung für diese „Riesendummheit“ – wie er es selbst formuliert – übernehmen. Dabei war es doch reine Nächstenliebe, denn: Als Nächstenliebe wird ein helfendes Handeln für andere Menschen bezeichnet. „Liebe“ beinhaltet hier jede dem Wohl des Mitmenschen zugewandte aktive, uneigennützige Gefühls-, Willens- und Tathandlung, nicht unbedingt eine emotionale Sympathie. Resultat: sofortige Entpflichtung aus verantwortlichen Ämtern und Beurlaubung von seiner Aufgabe als Dekan.

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Was bleibt, sind leere Phrasen in einem Schreiben. Statt Pauken und Trompeten leere Floskeln wie, die besten Wünsche für die kommende Zeit und eine gelingende Suche nach einem guten neuen Anfang – wie und wo soll der nach 27 Jahren Kirche eigentlich aussehen? Vielleicht geht er als Dorfpfarrer in irgendein Provinznest, vielleicht schreibt er nun seine Memoiren.

Klar, Grabetz muss der Kirche ordnungsgemäß den Verzicht seiner Ämter anbieten, das ist schließlich in der Politik nicht anders und warum sollte die Kirche das ablehnen? Einfacher geht es doch kaum. Dabei wäre der Augenblick gut gewesen. Gut, um besagtes Exempel zu statuieren: Vermeintliches Fehlverhalten Gutem gleichzusetzen, weil eben keine eigene Bereicherung stattgefunden hat, weil Grabetz zuallererst den Menschen und sein Leid sah, nicht die mögliche Konsequenz für ihn selbst, weil er das praktiziert hat, wofür die Kirche angeblich steht: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – 3. Mose 19,18. „Es ist kein anderes Gebot größer als dieses.“ – Markusevangelium 12,29-31.

Statt mit der Zeit zu gehen, neue Wege einzuschlagen, auch auf die Gefahr hin, wegen möglicher Nachahmer eine Gratwanderung zu begehen, bleibt die Kirche sich selbst wie seit Ewigkeiten treu, der „Mohr“ hat seine Schuldigkeit getan, der „Mohr“ kann gehen. Dabei kennt die Weisheit beinahe jeder, wer eben nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Schade eigentlich. Agnes Schindelar-Böhm, Reilingen

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