AdUnit Billboard

Nur scheinbare Bürgerbeteiligung

Lesedauer

Zum Artikel „Fernwärme aus 3500 Meter“ (SZ-Ausgabe vom 13. Juni) wird uns geschrieben:

„Die Bürgerinnen und Bürger werden das Projekt nicht verhindern können.“ So äußerte sich Matthias Wolf, Geschäftsführer der Firma GeoHardt GmbH (eines gemeinsamen Tochterunternehmens von MVV und EnBW) gegenüber der SZ. Mit „Projekt“ ist ein bisher beispielloses Experiment zur Tiefengeothermie im Oberrheingraben gemeint und die Aussage bezieht sich auf ein sogenanntes „Dialogforum“ mit Bürgerinnen und Bürgern aus sieben Gemeinden zwischen Mannheim und Heidelberg.

Es bedarf schon einiger Dreistigkeit, sowohl den zu dem Dialogforum eingeladenen Menschen, als auch dem Rest der betroffenen Bevölkerung in den sieben Gemeinden und damit den eigenen späteren Kunden, bereits vor der Eröffnung dieses „Dialogs“ das Ergebnis mitzuteilen! Es gibt noch kein „Projekt“, über das man diskutieren könnte. Es gibt noch nicht einmal Standorte für die Bohrungen – im selben Artikel ist die Rede von Messfahrzeugen, die im kommenden Winter erst einmal den Untergrund erkunden sollen, um mögliche Standorte zu identifizieren. Mit diesen Daten ist auch erst eine Prognose für die möglichen Fördermengen und Temperaturen und die nötigen Drücke möglich – auch wenn von Vertretern der Tiefengeothermie-Lobby jetzt schon häufig unseriöse Aussagen hierzu gemacht werden, mit Zahlen, die zum Teil haarsträubend weit über alle bisher real erreichten Ergebnisse in ähnlichen Anlagen hinausgehen, ohne dafür eine plausible Begründung zu liefern.

Mehr zum Thema

Geothermie

Brühler Bürgerinitiative gegen Geothermie kritisiert Pläne

Veröffentlicht
Von
Ralf Strauch
Mehr erfahren

Leserbrief Wie wird Fernwärme ersetzt?

Veröffentlicht
Von
Franz Grossmann
Mehr erfahren
Krise

Scholz beschwört den Zusammenhalt

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Dass ein Wirtschaftsunternehmen im Rahmen seiner Marketingaktivitäten solche blumigen Versprechen macht, ist zu erwarten. Doch leider werden diese aus der Luft gegriffenen Zahlen auch von einigen Politikern völlig ungeprüft übernommen und auch in der Presse bekommen die Firmen jede Menge kostenlose Werbefläche. Es scheint noch nicht einmal Einigkeit zu herrschen, was man mit dem heißen Wasser vor hat. Laut GeoHardt geht es nun doch „nur“ um Wärmegewinnung, obwohl in dem schier endlosen Kanon ähnlicher Lobby-Mitteilungen in letzter Zeit häufig auch von Lithiumgewinnung und Stromerzeugung fantasiert wurde. Wie praktisch also, dass der zitierte Geologe zufällig genau dort, wo es ein Fernwärmenetz gibt, „das vielversprechendste Potenzialgebiet“ sieht.

Stehen die Standorte am Ende also schon fest, weil man sie dort haben will? Wozu also der ganze Zirkus und die Öffentlichkeitskampagne? Mit den 50 ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern aus den sieben Gemeinden, darunter zwei Großstädten, wird wohl eine neue Art von „Demokratie“ installiert – völlig intransparent. Wer wählt sie aus, nach welchen Gesichtspunkten, wen vertreten sie und wem sind sie verpflichtet – außer der GeoHardt? Über was soll in dem Dialog diskutiert werden, wenn nicht klar ist, was eigentlich wo und wie genau gemacht werden soll? Eine fundierte Risikoanalyse kann erst gemacht werden, wenn all diese „Details“ geklärt sind. Und hängt nicht von solchen Details auch die endgültige Wirtschaftlichkeit solcher Anlagen ab – und damit auch die Entscheidung für oder gegen sie? Das Ergebnis des Dialogs mit den Bürgern scheint jedenfalls für die Verantwortlichen von GeoHardt nicht zu den Voraussetzungen für eine solche Entscheidung zu gehören. Neben fehlenden Standorten und konkreten Planungen fehlen nicht zuletzt auch noch sämtliche Genehmigungen für solche Bohrungen. Aber ist es nicht gerade angesichts so vieler Unklarheiten und Ungereimtheiten beruhigend zu wissen, dass wenigstens eines schon fest steht: Gebohrt wird auf jeden Fall und „die Bürgerinnen und Bürger werden das Projekt nicht verhindern können“!

David Sommer, Brühl

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1