Demonstrationen - Florian Schröder hat klar gemacht: „Verantwortung ist der Preis der Freiheit“ „Querdenker“ holen sich eine Abfuhr

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Vor zwei Wochen organisierte eine Stuttgarter Initiative in Berlin eine Großdemonstration. Sie protestierte gegen die Maßnahmen, mit denen die Corona-Pandemie eingedämmt werden soll: Hygiene, Abstand und vor allem die Maskenpflicht. Zugegeben, diese Auflagen des Staates zum Schutz vor Ansteckungen zu beachten, fällt nicht jedem und nicht ständig leicht. Bei 1000 Neuinfektionen pro Tag, einem achtzigstel Promille der Bewohner, hält das mancher für weit übertrieben. Zudem erschwert es den Neustart der Wirtschaft – vom Kranbau bis zur Hotellerie.

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Die Chance, den renommierten Kabarettisten Florian Schröder zu hören, der ihrer Anti-Masken-Kampagne zustimmen sollte, war es den Stuttgartern wert, ihn letzten Samstag zu ihrer Demo einzuladen. Aber sie holten sich eine Abfuhr, bekamen dafür eine Lehrstunde zum Thema Menschenrechte von ihm gehalten: Das Coronavirus lebt und verbreitet sich ständig weiter – auf der ganzen Erde. Staaten wie Brasilien und die USA, die ihre Bürger nicht dafür gewinnen, seine Ausbreitung konsequent zu bekämpfen, mussten als Preis ihrer Inkonsequenz jeweils über 100 000 Tote hinnehmen. Weltweit nähert sich die Zahl der Opfer der Million. Niemand kann den Deutschen garantieren, dass sie bei ähnlicher Nachlässigkeit, bezogen auf die Einwohnerzahl weniger Opfer zu beklagen hätten.

Jeder an der Corona-Infektion Verstorbene wurde mit der Vernichtung seiner Existenz bestraft. Da muss man doch fragen, ob, verglichen mit dem Tod, die Pflicht, eine Mund-Nase-Bedeckung zu tragen, nicht einen sehr bescheidenen Eingriff in sein Selbstbestimmungsrecht darstellt? Und dann geht es ja auch nicht nur um jeden Einzelnen, sondern um die Gesamtheit. Jeder, der die Maske trägt, schützt zunächst einmal seine Mitbürger vor einer Ansteckung und in einem zweiten Schritt erst sich selbst. Klarer lässt sich der Sinn zivilbürgerlichen Engagements nicht beweisen. Es verlangt auch die Freiheit, sich für andere und für sich selbst zu engagieren.

Dann muss man noch wegen einer anderen Sache seufzen: Der Diktator Lukaschenko hat der Mehrheit seiner Bürger den Wahlsieg geraubt und sofort Glückwünsche seiner Amtsbrüder in Russland und China erhalten. Gegen Belarus hatte die Europäische Union im Jahr 2016 ihre Sanktionen nach der Befreiung von Gefangenen aufgehoben. Nach zwei Protestnächten hat er aber wieder genug Demonstranten eingesperrt, um sie gegen mögliche neue Sanktionen einzutauschen. Also: Neustart der Sanktionen?

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Der einzige sinnvolle Rat jenseits dieser unwürdigen Spielerei war, an das „zivilbürgerliche Engagement“ zu appellieren. Doch wie soll sich das auswirken in einem Land ohne Freiheit? Es könnte nur ein gewaltfreier Protest sein, der vor den Augen der freien Welt die prügelnde „Spezialpolizei“ ins Unrecht setzt und die Europäische Union zu energischeren Maßnahmen zugunsten der Menschenrechte bewegt.

Ganz aussichtslos scheint dieser Kampf dennoch nicht. In der nach aller Erfahrung eher staatsfrommen belarussischen Kirche haben sich – laut Deutschlandfunk – einzelne Geistliche für die Freiheit und die Demonstranten ausgesprochen.

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Und in Hongkong, wohin viele chinesische Christen geflohen waren, haben die Bürger den einzig freien Protestweg gefunden: Sie haben die Auflage der Zeitung eines festgenommenen Verlegers um das Achtfache gesteigert. Wenn sich die Bürger ihrer Verantwortung stellen, ist die Freiheit also nicht chancenlos.

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Helmut Mehrer, Brühl