Sprache - Amerikanische Branchenriesen bestimmen, was in den deutschen Rundfunkanstalten läuft / Die Hörer werden vergrault

Radiosender im Englisch-Rausch

Lesedauer: 

Bei Begegnungen mit französischen Jugendlichen in den 1960er Jahren, das Jugendwerk war gerade gegründet, hörten wir Deutschen gerne die charmanten Chansons des Nachbarlandes: Brassens, Greco, France Gall, Montand, Halliday und viele andere. Musikalität mit Esprit und Stil. Und bei uns zuhause? Lieber deutsche Panzer als deutsche Schlager, meinte einer unserer deutschsprachigen Freunde sarkastisch.

AdUnit urban-intext1

Der Qualitätsunterschied war mehr als peinlich. Ein frankophiler Rebell wie der junge Reinhard Mey („Frederic“) startete seine künstlerische Karriere in Paris und besang auf französisch seine Freundin Christine. Die progressive Liedermacher-Szene kam hierzulande erst einige Jahre später langsam in die Medien.

Und heute? Um die Flut englischer Titel einzugrenzen, hat Frankreich seit 1994 eine Quote, die mindestens 40 Prozent französisch-sprachige Titel garantiert. Den einheimischen Künstlern kam das sehr zugute. Je nach Ausrichtung der Sender liegt der Schnitt immerhin bei der Hälfte Eigenproduktion, der Rest kommt aus Europa und den USA.

In Deutschland empfahl der Bundestag 2004 den Sendern die Selbstverpflichtung zu einer Quote von 35 Prozent deutschsprachiger einheimischer Musik. Wie heute täglich hörbar, verpuffte die gut gemeinte Empfehlung völlig wirkungslos.

AdUnit urban-intext2

Eine Studie im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI) ermittelte für 2019 lediglich 11 Prozent als deutschsprachigen Anteil von den hundert am meisten gespielten Liedern. Bei fast allen der 35 bundesweit per Stichprobe erfassten Programmen von ARD-Musiksendern liegt der Anteil englischer Titel bei 80 bis 100 Prozent, löbliche Ausnahmen sind nur HR4 und SWR4, die Quoten zwischen 46 und 71 Prozent – je nach Tageszeit – schaffen.

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten müssen laut Staatsvertrag die Ausgewogenheit ihres Angebots beachten. In Wirklichkeit sendet die übergroße Mehrheit offensichtlich am Zwangsgebührenzahler und dessen Bedürfnissen vorbei. Sprachliche Einöde statt kultureller Vielfalt! Und was machen die geneigten Hörerinnen und Hörer? Sie laden sich die gewünschte Musik von Plattformen wie Spotify herunter, laut Angaben eines Branchenmagazins davon zu 65 Prozent deutschsprachig. Unser Rundfunksystem kann es sich offenbar leisten, Hörer zu verlieren, denn sie müssen trotzdem für eine nicht erwünschte Dienstleistung bezahlen.

AdUnit urban-intext3

Gerne greifen die Einkäufer der großen Sender auf die billigen Angebote aus den USA zurück, dort sitzen die grössten Musikunternehmen: Universal, Warner, Sony. So klingt es dann auch, nach billigem Synthesizer-Einheitsgedudel. Die Branchenriesen haben einen Weltmarktanteil von mehr als 70 Prozent und bestimmen daher, was wir im Radio hören. So wir nicht, genervt von der anglizistischen und oft unverständlichen Einöde, abschalten.

AdUnit urban-intext4

Vor dem Hintergrund der Diskussion um höhere Rundfunkgebühren, immerhin mit zusätzlichen Einnahmen für die GEZ von 400 Millionen Euro jährlich – und der aktuell darniederliegenden Musik-Kulturszene wäre eine Neuorientierung mehr als überfällig.

Die Radiosender wären gut beraten, sich stärker als bisher als Partner für lokale und regionale Künstler zu positionieren und deren Überleben zu sichern. Ein bisschen nachhelfen kann jeder: Die Sender haben Hörertelefone und E-Mail-Adressen auf ihren Webseiten. Meistens antworten sie sogar auf Beschwerden. Und vielleicht hilft ein lästiger Hörer-Reklamations-Dauerton.

Winfried Wolf, Plankstadt