Geothermie in der Hardt - Wenn der Experte schon sagt, dass er sich keinen Bauplatz in Brühl kaufen würde / Seismische Gefahr bleibt Schutzzonen für Menschen nötig

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Zum Artikel „Es bleiben viele offene Fragen“ vom 4. Juni wird uns geschrieben: Die Bürgerinitiative gegen Geothermie Brühl/Ketsch hat neulich eine Fülle von unbewältigten Problemen technischer, ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Art aufgezeigt, die alle auf der Basis aktueller Ereignisse und Erfahrungen innerhalb der letzten zehn bis 15 Jahren im Oberrheingraben beruhen! Hier kann nicht alles wiederholt werden. Man darf jedoch gespannt sein, was die Projektbetreiber MVV und EnBW dem entgegenzusetzen haben.

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Versprechungen und Behauptungen, die allesamt regelmäßig bisher nicht eingehalten wurden, ja nicht eingehalten werden konnten, hat man inzwischen genug gehört, hier und andernorts – das wird nicht mehr genügen. Aber Verantwortung heißt auch „antworten“; Rede und Antwort stehen – eben nicht links liegen lassen, sondern in ehrlicher und redlicher Weise beantworten!

Viele der aufgeworfenen Fragen und Probleme sind in verantwortbarer Weise überhaupt nicht zu beantworten, es sei denn mit dem Fazit: Hände weg von der Erde unter unseren Füßen und Häusern! Schon gar unter den gegebenen Umständen: Seismisch hochempfindlicher Oberrheingraben; Bevölkerungs- beziehungsweise Bebauungsdichte hierzulande; technische Unzulänglichkeit; rechtlich sehr problematisches Feld für durch Geothermie Geschädigte; wirtschaftlicher Wahnsinn bei lächerlich geringer Ausbeute trotz hoher Risiken für die Bevölkerung. Daher ist aus meiner Sicht das Vorhaben von MVV und EnBW für unsere Region nicht zu verantworten! Seismizität, einmal in Gang gesetzt, lässt sich nicht stoppen – alles andere sind, wie die Erfahrung immer wieder lehrt, Illusionen und Lügen (siehe zuletzt Straßburg)!

Hier noch ein paar Anmerkungen zur Debatte: Wer hat dem Staat erlaubt, das Recht zu verkaufen, unter unseren Häusern ohne unsere Mitwirkung zu bohren? Wäre es nicht an der Zeit, das total veraltete Bergrecht (aus totalitären Zeiten) den modernen, demokratischen Verhältnissen anzupassen?

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Für Windkraft gibt es einen Mindestabstand zur nächsten Wohnbebauung – und bei geothermischen Anlagen darf man ohne Weiteres unter die Wohnbebauung bohren?

Für Käfer und Vögel gibt es Schutzzonen – und für Menschen mit ihrem Hab und Gut? Sind sie nicht schutzwürdig? Wie wird es einer Familie gehen, selbst wenn sie es schaffen kann, von der Versicherung eine unzulängliche Entschädigung auf „Zeitwertbasis“ zu erhalten, wenn sie komplett neu bauen müsste, weil ihr Haus (in dritter Generation bewohnt) unbewohnbar geworden ist.

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Das Bergamt ist für das Geschehen unter der Erde verantwortlich, andere Behörden fürs Kraftwerksgeschehen über der Erde (Gebäude, Betriebssicherheit) – wer trägt aber die Gesamtverantwortung, einschließlich einer vernünftigen Haftung? Wer hat das letzte Wort? Wer hat die Verantwortung der Bevölkerung gegenüber? Das Bergamt zum Beispiel ist für die Vorgänge unter der Erde zuständig – es genehmigt munter, trotz verheerender Erfahrungen im Rheingraben, neue Projekte, denn Schäden, die über der Erde auftreten, interessieren es nicht! In welchem Verhältnis werden Geothermieprojekte gesehen zu sonstigen Projekten und Gegebenheiten im Oberrheingraben, Ölbohrungen und -förderungen. Zum Beispiel: Bei Sandhausen befindet sich ein riesiger unterirdischer Vorratsspeicher für Gas – wie sicher kann der noch sein, wenn nicht weit davon gebohrt, in größeren Mengen Wasser gefördert, zurückgepresst und die Erde in Unruhe versetzt wird?

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Kann es Sinn machen, bei all diesen offenen Fragen und Problemen, Geothermieprojekte in der „Hardt“ zwischen Mannheim und Heidelberg, Walldorf und Altlußheim zu verantworten? Sicher nicht! Noch mal nachdenken, Ihr Herrschaften! Prof. Dr. Antonius Sommer, Brühl

Erstaunlicher Faktenwandel

Der Berichterstattung kann ich in der Überschrift folgen. Die Widersprüche sind schon im dargestellten Interview deutlich erkennbar. Die Aussage, zwischen 2500 und 4000 Meter zu bohren und dann „statt ins tiefere Grundgebirge zu gehen, nur die wasserdurchlässigen oberen Schichten zu nutzen, seien technisch und geologisch ein riesen Unterschied. Eine Farce. Als hätten die damaligen „Experten“ der gescheiterten GeoEnergy das nicht in Betracht gezogen.

Weiterhin wurde bisher suggeriert, dass seismische Ereignisse nicht auftreten können, weil keine Stromerzeugung stattfinde. Ganz anders im Interview, da denkt man über den Stromanteil nach. Und dass man eine GmbH mit begrenzter Haftung aus gesetzgeberischen und bergrechtlichen Gründen braucht – netter Versuch, aber das kommentiere ich jetzt erst gar nicht. Nach Aussagen von Fachleuten war schon in der Planungsphase von Block 9 des Großkraftwerkes klar, dass der Kohleausstieg kommt und Gas der alternative Brennstoff sein wird. Die Angstmache, dass mit dem Kohleausstieg die Wohnungen kalt bleiben, dient meines Erachtens nur – welche Überraschung – der Einforderung von Steuermitteln für die mögliche und geplante Umrüstung.

Bei einer nach Angabe der MVV zu erwartenden Leistung einer solchen Geothermieanlage von fünfzehn bis 30 Megawatt wären alleine für Mannheims Wohnungen, die derzeit mit Fernwärme versorgt werden, weit über 50 derartige Anlagen nötig. Wie unrealistisch ist doch das Vorhaben. Von alternativer Wärmeerzeugung wird überhaupt nicht gesprochen. Der Grund ist klar. Würde man diese unterstützen, zum Beispiel mit der Sonne und Latentspeicher, wo bliebe da der dauerhafte Profit?

Am 27. November 2020 fand bereits eine virtuelle Informationsveranstaltung der EnBW und MVV zum Geothermievorhaben mit dem Landtagskandidaten Andre Baumann statt, der ich beiwohnte. Auf meine Frage an den EnBW-Experten für Geothermie, Dr. Thomas Kölbel, ob man heute noch so eine Anlage in die Nähe einer Wohnbebauung wie in Brühl errichten würde, antwortete er klar mit „Nein“. Seismische Ereignisse durch den Betrieb schloss er nicht aus. Meine weitere Frage, ob er in der Nähe einer solchen Anlage wohnen wollte, kam die Antwort, dass er sich in Brühl keinen Bauplatz kaufen würde. Ich bin froh, dass diese Aussagen von weiteren mindestens 30 Teilnehmern der Veranstaltung gehört wurden.

Klaus Triebskorn, Brühl