Sind Klimaaktivisten wirklich Staatsfeinde?

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Zur Wortwahl im Umgang mit den Klimaaktivisten schreibt uns dieser Leser seine Meinung:

Kein anderes Thema beherrscht und polarisiert derzeit die bundesdeutsche Gesellschaft mehr, als die Aktionen der Umweltaktivisten der „Letzten Generation“ und die Räumung des von Demonstranten besetzten Braunkohledorfes Lützerath.

Doch wer sind diese, meist jungen Menschen, die in Kauf nehmen ihre eigene Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel zu setzen, eingesperrt oder durch ihre gewollt provozierenden Aktionen von aufgebrachten, wütenden, aggressiven und zum Teil auch handgreiflichen Bürgern angegriffen oder diskreditiert zu werden? Sind das alles Spinner, Traumtänzer, Kriminelle, Staatsfeinde oder gar „Klimaterroristen“, wie sie mittlerweile zum Teil in Politikerkreisen und in der Öffentlichkeit verunglimpft werden?

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Apropos „Klimaterroristen“: Dieser Begriff wurde aus meiner Sicht zu Recht zum Unwort des Jahres 2022 von einer sprachkritischen Jury in Marburg gewählt: „Klimaterroristen“ sei im öffentlichen Diskurs benutzt worden, um Aktivisten und deren Proteste für mehr Klimaschutz zu diskreditieren, hieß es in der Begründung der Jury. Sie kritisierte die Verwendung des Begriffs, weil Aktivisten mit Terroristen „gleichgesetzt und dadurch kriminalisiert und diffamiert werden“. Gewaltlose Protestformen zivilen Ungehorsams und demokratischen Widerstands würden so in den Kontext von Gewalt und Staatsfeindlichkeit gestellt, rügte die Jury.

Warum kleben sich Menschen an Straßen fest, blockieren Einrichtungen und Flughäfen. Aus Langeweile? Nein! Das sind Menschen, denen ihre Zukunft nicht egal ist. Sie möchten wachrütteln, darauf hinweisen, dass wir uns bereits mitten in einer Klimakatastrophe befinden. Ihre Proteste sollen aber auch auf das jahrelange Versagen und Nichtstun der Politik und die daraus resultierenden Folgen des Klimawandels hinweisen. Eine weitere Botschaft der Akteure ist, dass das Gemeinwohl unserer Gesellschaft über dem der Lobbyisten stehen muss. Damit der Einfluss und die Macht der Konzerne auf die Politik Einhalt geboten wird, um uns nicht in die falsche Richtung zu lenken. Da gilt es in der Tat, genau hinzuschauen.

Außergewöhnliche Situationen erfordern manchmal außergewöhnliche Maßnahmen. Ob jedoch die von den Demonstranten zum Teil grenzüberschreitenden eingesetzten Mittel dazu geeignet sind, auf die Dringlichkeit der Problematik hinzuweisen, erscheint fraglich – zumindest bei manchen Aktionen.

Bevor wir jedoch diese Menschen, die für ihre und unser aller Zukunft kämpfen und einstehen, verurteilen, sollten wir alle erst einmal in uns gehen und uns näher und intensiver mit dieser Problematik befassen. Hinterfragen, was jeder Einzelne von uns zur derzeitigen Situation beigetragen hat und was jeder selbst tun kann, damit wir aus diesem Dilemma so schnell wie möglich rauskommen. Er sollte eigene Lösungen finden, um das Fortschreiten des Klimawandels zu stoppen. Übernehmen wir die nötige Verantwortung, die es braucht, etwas zu ändern. Das heißt: Gemeinsinn muss vor Eigensinn stehen.

Wollen wir weiterhin wegschauen und die Wahrheit nicht hören. Seltsamerweise regt sich fast niemand mehr darüber auf, wenn Querdenker, Verschwörungstheoretiker und Tatsachenleugner, nach wie vor die Umweltkatastrophe leugnen und stattdessen Unwahrheiten in die Welt schleudern. Dem müssen wir entgegensteuern, damit aus Wahrheit keine Lüge wird!

Eine Demokratie darf, kann und muss viel aushalten. Sie lebt von Freiheit und Diversität. Das geht oft an die eigene Toleranz- und Schmerzgrenze. Bei allem Respekt und Verständnis für Gegner als auch für Befürworter einer Sache, gilt es aufzupassen, dass Grenzen nicht verwischt und zu agitatorischen Zwecken missbraucht werden. Deshalb darf es keine Verrohung der politischen, gesellschaftlichen Sprache und Kultur geben. Eine Demokratie besteht, aus der Bereitschaft tragbare Kompromisse zu finden.

Jetzt muss reagiert werden. Bei der Klimafrage rennt uns die Zeit davon. Mischen wir uns ein und machen mit, wenn es um unsere Zukunft geht. Lehnen wir das Feindbild und den üblen Sprachgebrauch, dass Umweltaktivisten „Umweltterroristen“ sind, ab. Tragen wir mit dazu bei, dass die Umweltverschmutzung und das Artensterben endlich ein Ende nehmen. Dass wir wieder frei atmen, uns unbekümmert bewegen können, unsere Meere und Seen wieder plastikfrei und sauber werden sowie unsere Wälder wieder zu Erholungsstätten werden.

Das bedeutet im Klartext, dass wir endlich aus unserer Komfortzone rauskommen und uns bewegen müssen. Nicht müde werden, uns für das einzusetzen, für was es sich lohnt, zu kämpfen. Für eine umweltgerechte Zukunft.

Lassen wir daher die Klimaaktivisten nicht für uns stellvertretend kämpfen, sondern streiten gemeinsam mit ihnen für eine saubere, klimaneutrale und lebenswerte Welt. Hier sind wir alle gefordert!

Thomas Proft, Schwetzingen