Soll denn die EU einfach zu zuschauen?

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Zum Leserbrief „Wir sind doch keine Vasallen der Ukraine“ vom 17. Dezember wird uns geschrieben:

Die Ukraine gehört zur Welt der Freiheit und der Demokratie. Sie zu unterstützen, ist gerecht und menschlich – keine „Äquidistanz“! Nein!

Völlig verständnislos und unhistorisch ist der oben genannte Leserbrief nicht gewesen. Dennoch: Sein Verfasser wirkte ungerecht und unmenschlich. Zunächst stellt er die Ukraine auf dieselbe Stufe wie Russland. Derlei wurde nach dem Zweiten Weltkrieg „äquidistant“ genannt, als die USA von vielen Bürgern genau so kritisch beäugt wurden wie die UdSSR. Der Geist der Freiheit und der Grundrechte verlangt jedoch grundsätzlich von den Demokratien, einander gegen die Diktaturen beizustehen. An der Spitze steht der Schutz des Lebens der Menschen und der Völker. Daraus ergibt sich ein Verbot von Kriegen, gegen das Russland derzeit in der Ukraine grob verstößt.

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Leserbrief Wir sind doch keine Vasallen der Ukraine

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Wir sprechen vom bösartigen Überfall eines Staates auf seinen Nachbarn, der in den vergangenen zehn Monaten 13 000 Soldaten verloren hat. Dazu ungezählte Zivilisten: Kinder, erwachsene und alte Menschen. Vergessen wir auch nicht die Zerstörung von Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten und Wohnungen, die sich nicht rechtfertigen lässt – und deren Wiederherstellung Hunderte von Milliarden Euro kosten wird.

Soll die Europäische Union all das teilnahmslos geschehen lassen und Not, Tod und Elend einfach hinnehmen? Bei ihrem Nachbarn, dessen Bewohner in schwerster Lebensgefahr, in Hunger, Elend, Kälte und Regen überleben müssen und wollen. Ihnen beistehen zu dürfen, ist doch mehr als ein Recht, es ist sogar ein unfragliches, menschliches Gebot.

Dass die Ukraine sich nicht mit eigenen Waffen gegen einen mehrfach überlegenen Feind zur Wehr setzen kann, muss jedem wohlmeinenden Demokraten einleuchten. Gewiss, der Staat ist nicht perfekt. Für Korruption jedoch ist er nicht anfälliger als Rumänien oder Ungarn.

Was den aktuellen Krieg anbelangt, wirft man ihm vor, mit verantwortlich für den Angriff Putins zu sein. Ungerechter geht es kaum. Eher hat der Westen Putin dazu verlockt. Jahrelang von einem Minsk-Abkommen zum nächsten, auch mit der Hinnahme des Angriffs auf Georgien haben ihm Merkel und Macron signalisiert, dass sie einen Angriff auf die Ukraine tolerieren würden. Wenn Deutschland den Angegriffenen heute „schwere“ Waffen liefert, ist das doch nur eine Teilwiedergutmachung für den von uns mitverantworteten Schaden.

Was wir derzeit erleben, sollte der Bundesregierung zu denken geben. Sie scheint jetzt, also fast ein Jahr nach dem Angriff, bereit zu sein, die dringend benötigten „schweren“ Waffen – Puma-Panzer etwa – zu liefern. Ihre Überprüfung hat aber gezeigt, dass sie untauglich für einen Einsatz sind. Die Bundeswehr muss das gewusst haben, hat es aber verschwiegen. Dank der Ukraine wurde es nun endlich entdeckt.

Ein Wort der Anerkennung war von Kanzler Scholz indessen nicht zu hören. Trotz solcher Pannen sind die Ukrainer uns Deutschen dankbar. Besonders für ihre Aufnahme. Das erlebten die Schwetzinger am vergangenen Samstag auf ihrem Weihnachtsmarkt. Trotz Kälte und Wind boten ein halbes Dutzend von ihnen leckere nationale Spezialitäten an. Deutlicher lassen sich Freundlichkeit und Integrationsbereitschaft nicht zeigen.

Heißen wir sie willkommen!

Helmut Mehrer, Brühl