Die Brücke - Sind wir zu einer Gesellschaft der Reichen, Schönen und Ichbezogenen geworden? Wenn das soziale Gewissen in eine Schieflage gerät . . .

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Zum Leserbrief „Nicht gern gesehen“ vom 12. Februar wird uns geschrieben: „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt.“ (Zitat des Ex-Bundespräsidenten Gustav Heinemann).

Kein Mensch wird geboren, um auf der Straße zu leben. Obdachlosigkeit ist mehr als nur ein unbeständiger Schlafplatz. Menschen, die in provisorischen, unsicheren oder minderwertigen Unterkünften leben, gelten ebenfalls als Obdachlose. Die Ursachen für Obdachlosigkeit sind unter anderem: persönliche Schicksalsschläge ungeahnten Ausmaßes, menschliche Tragödien, Armut, Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Drogensucht, Alterung, Gesundheitsprobleme, Trennung oder Scheidung, Mangel an bezahlbarem Wohnraum, mangelnde Betreuung von Menschen, die aus Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, Gefängnissen oder anderen öffentlichen Einrichtungen entlassen werden.

Das Bild des übel riechenden, verdreckten, unnützen und Stadt verschandelten Individuums hat sich leider in vielen Köpfen manifestiert. Ob es der Einzelne nun wahrhaben möchte oder nicht. Auch diese Menschen sind wertvoll und kostbar und haben das Recht, dass man ihnen mit dem nötigen Respekt und Menschenwürde begegnet, sie nicht ausgrenzt, ignoriert oder wie Aussätzige behandelt. Egal, aus welcher Schicht man kommt, welchen Status man besitzt, Mensch bleibt Mensch. Selbst, wenn er nicht, warum auch immer, den eigenen Vorstellungen entspricht.

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kaba/zg
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Deswegen ist es geradezu wohltuend, dass die Schwetzinger Zeitung in ihrem Artikel vom 2. Februar „Schwetzinger Trägerverein ,Die Brücke’: Gefüllte Taschen statt Mahlzeit“ öffentlich auf die räumlichen und andere Missstände des Trägervereines aufmerksam macht. Der Artikel hat mich nachdenklich, sprachlos, aber auch wütend gemacht. Ich konnte im ersten Moment gar nicht glauben, was da geschrieben wurde. Mein erster Gedanke war: „Und das in Schwetzingen?“

Daher ist es für mich unverständlich, erschreckend und nicht nachvollziehbar, dass eine Große Kreisstadt wie Schwetzingen es nicht hinbekommt (oder vielleicht nicht hinbekommen will), ihrer Fürsorgepflicht und sozialem Gewissen nachzukommen, um eine befriedigende Lösung in Sachen Räumlichkeiten für den Trägerverein „Die Brücke“ zu finden, um so auch letztendlich ihrer Verantwortung der gesamten Bürgerschaft nachzukommen. Stadtspitze und Stadtrat dürfen sich daher nicht aus ihrer Verantwortung stehlen. Bauen Sie daher eine Brücke zur „Brücke“.

Natürlich kann man mit solchen Themen in der Öffentlichkeit nicht punkten oder gar eine Wahl gewinnen. Da erzeugen oder versprechen eher teure kostenaufwendige „Prestigeobjekte“ Aufmerksamkeit in der Bevölkerung. Eines jedoch sollte sich jeder, aber auch jeder, ins Gedächtnis rufen: Der Fahrstuhl des Lebens kann ganz rasch, plötzlich und unaufhaltsam nach unten fahren. Und schneller wie man sich versieht, wird man zur „Persona non grata“, zum „Schmuddelkind“ oder „Schattenkind“ in unserer Gesellschaft abgestempelt.

Vielleicht findet man sich dann selbst eines Tages in einer Situation wieder, in der man auf Hilfe anderer angewiesen ist und dann leidvoll erkennen muss, dass man mit seinem Problem allein gelassen wird und keiner da ist, der einem hilft. Umso dramatischer wäre es, wenn man sich als Obdachloser wiederfindet, sich in einer Wärmestube aufwärmen wollte, aber vor verschlossen Türen – wie in Schwetzingen – steht. Utopie? Nein, das spiegelt die derzeitige hiesige Situation wider.

Wie sagte doch Bertolt Brecht in seinem Stück „Die Dreigroschenoper“: „Denn die einen sind im Dunkeln und die anderen sind im Licht. Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“ Dieses aussagekräftige Zitat beschreibt im engsten Sinne den gelebten „Lifestyle“ unserer, zum Teil satten, Konsum- und Komfortzonen-orientierten bis gleichgültigen Gesellschaft. Wo früher das soziale Gewissen und Solidarität einen hohen Stellenwert hatten und auch gelebt wurden, verkommt sie heute immer mehr zu einer nie dagewesenen Ichbezogenheit mit verheerenden Ausmaßen. Und das Erschreckende: Immer wieder liest man in den Medien von Übergriffen auf die Schwächsten unserer Gesellschaft. Dazu gehören vor allem auch die Obdachlosen.

Sind wir wirklich mittlerweile eine Gesellschaft der Reichen, Schönen und Ichbezogenen geworden? In der Besitztum und Prestige mehr bedeuten, als Menschenwürde und der Mensch selbst?

An dieser Stelle sei es mir gestattet Jan Fuhrmann und Raquel Rempp zu danken. Menschen, denen es nicht egal ist, was mit ihren Mitmenschen passiert. Die nicht einer Wackeldackel-Mentalität unterliegen beziehungsweise ausgesetzt sind und zu allem „Ja und Amen“ sagen, sich positionieren und kritisch zu bestimmten Themen Stellung nehmen. Solche Menschen wünschte ich mir mehr.

Besonders in bestimmten öffentlichen Positionen. Wehren wir uns daher gemeinsam gegen eine Politik, die keinen Raum für die Schwachen in unserer Gesellschaft bereithält.

Thomas Proft, Schwetzingen