WM in Katar: Hinschauen oder Wegschauen?

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Die Fußball-WM beginnt in Katar. Boykott oder Mitfiebern – hier erreichen uns zwei Meinungen:

„Fußball ja, Folter nein“ – das war der Slogan der Kritiker der WM 1978 in Argentinien. Es gab kein Internet, man hatte wenig Informationen über das Militärregime in Argentinien. Kapitän Berti Vogts stammelte diese Worte in die Mikrofone: „Ich habe hier keine Folter gesehen.“ Im Laufe der WM erlebte man bei den Spielen faschistische Militärs in Uniformen und Sonnenbrillen auf den Tribünen, Bilder, die stark an die Olympiade 1936 in Berlin erinnerten. Die Welt nahm stärker Notiz von der Militärjunta. Es war der Anfang des Niedergangs dieses Regimes.

Bei der Olympiade 1936 waren in den Wochenschauen klar die Großmachtfantasien der Nazis zu sehen – und der Rassismus gegen dunkelhäutige Sportler zeigte sich in der schlechten Behandlung durch die Veranstalter. Dem herausragenden Jesse Owens konnte diese Diskriminierung nichts anhaben. Auch hier wäre die Möglichkeit gewesen, sich rechtzeitig gegen die Nazis zu organisieren. Man entschied sich aber wegzuschauen und für eine unheilbringende „Appeasement-Politik“.

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Eine ähnliche Haltung sollte es 80 Jahre später dem mörderischen Diktator Putin ermöglichen, Kriege vom Zaun zu brechen, die im Endeffekt uns bedrohen. Vor vier Jahren bei der WM in Moskau hörte man kaum kritische Stimmen. „Wandel durch Handel“ war angesagt. Putin konnte sowohl die Olympischen Spiele in Sotschi als auch die WM in Moskau gestalten – ebenso wie China seine Sommer- und Winterspiele. Man sieht die Wichtigkeit solcher Spiele für die einzelnen Länder.

Boykotts bringen aus meiner Sicht nichts außer der Verhärtung der Fronten, was man bei den Olympiaden in Moskau und Los Angeles gesehen hat. Will man was ändern, dann muss man den Kontakt suchen. Das funktioniert zwar nicht immer, aber ein Versuch ist es wert.

Hierbei muss das Land in der Kritik aber auch sein Gesicht wahren können. Unsere Regierung scheint im Moment in Katar auf dem richtigen Weg zu sein. Es sind tatsächlich Reformen angegangen worden und es sollen Hilfsfonds für die Opfer eingerichtet werden. Die Organisation und Umverteilung der erwirtschafteten Gewinne sind der Schlüssel des Problems. Das Geld kann den beteiligten ärmeren Ländern zugutekommen beziehungsweise den Opfern von Menschenrechtsverletzungen. Vorher muss der Sumpf der Korruption aber bei der FIFA ausgetrocknet werden. Auch hier ist man auf dem richtigen Weg. Man hört oft, dass dies sowieso nichts bringen würde, aber es lohnt sich, einen Blick auf die Geschichte des Rassismus zu werfen.

Bei den Olympischen Spielen 1968 sendeten einige dunkelhäutige US-Sportler mit ihrem Protest der Black-Power-Bewegung ein starkes Zeichen, das in der ganzen Welt gesehen werden konnte und nachgewirkt hat – bis hin zum Sturz des Apartheidregimes in Südafrika und der Befreiung Nelson Mandelas. Natürlich gibt es immer noch genug Rassismus, aber längst nicht mehr in dem früheren Maße und das Bewusstsein darüber hat sich geändert.

Übrigens Mexiko: Bei jeder WM werden ärmere Länder von reicheren projektartig unterstützt. Das Kinderheim in Mexiko, dessen Schirmherrschaft Rudi Völler seit der dortigen WM übernommen hat, bekommt 35 Jahre später immer noch zahlreiche Spenden. Gleiches gilt für Südafrika und Brasilien.

Überhaupt Brasilien: Vielleicht hätte man dort sogar die Möglichkeit, mit derartigen Hilfsfonds auf die zerstörerische Klimapolitik des Landes einzuwirken. Bei 10 000 Quadratkilometer zerstörtem Regenwald in einem Jahr macht sich zwar eine gewisse Hoffnungslosigkeit breit, aber eine WM kann allemal solche Zugangskanäle öffnen.

Auch die Themen Homosexualität und Frauendiskriminierung sollten mit weniger Selbstherrlichkeit und Arroganz diskutiert werden, wie es ganz richtig Sigmar Gabriel forderte.

In Deutschland ist es erst seit den 1990er Jahren möglich, einigermaßen unbehelligt als Schwuler zu leben. Rechtlich in allen Bundesländern erst seit wenigen Jahren. Im Fußballbereich noch gar nicht. Entsprechende Gesänge sind in Stadien immer wieder zu hören. Viele schwule Fußballer trauen sich immer noch nicht, sich zu outen.

Auch Frauen waren noch in der 1970er Jahren nicht mit den gleichen Rechten ausgestattet wie Männer und werden auch heute meist schlechter bezahlt. Aber die Situation wird besser.

Um die Situation der Frauen und Homosexuellen in diesen Diktaturen zu verbessern, muss man erst recht hinschauen. Nichts wünschen sich die Frauen im Iran und in Afghanistan mehr als Öffentlichkeit und Internet. Sieht man sich die verzweifelten Proteste der Bevölkerungen an, insbesondere der Frauen im Iran, sind die hasserfüllten Demonstrationen von Pegida, Reichsbürgern, Querdenkern gegen unsere Regierung schwer nachzuvollziehen.

Wie gerne hätten die Bürger von Belarus, Kasachstan, Hongkong, oder dem Iran eine solche Demokratie, wie wir sie haben. Ich finde, man sollte die WM in Katar anschauen. Frithjof Roes-Wies, Schwetzingen

Warum eigentlich erst jetzt?

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar mehren sich urplötzlich die Stimmen, die deren Boykott fordern. Die Gründe sind durchweg einleuchtend und nachvollziehbar, zumal in allen Statements der Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen zum Ausdruck gebracht wird. Seit der WM-Vergabe an Katar 2010 war schon die Rede von Stimmenkauf, Ausbeutung von Arbeitskräften nicht-katarischer Herkunft auf den WM-Baustellen sowie Korruption bei allen Beteiligten.

Insbesondere das FIFA-Exekutivkomitee hielt bei der Vergabe die Hände weit auf, bevor die Stimmabgabe erfolgte. Man schätzt, dass mehrere hundert Millionen US-Dollar auf diese Weise an korrupte FIFA-Funktionäre und Günstlinge geflossen sind. Seitdem hat die FIFA ein massives Imageproblem, was größtenteils den Machenschaften des FIFA-Präsidenten Gianni Infantino zuzuschreiben ist, denn es wundert schon sehr – oder auch wieder nicht – dass Herr Infantino ausgerechnet in diesem Jahr seinen ständigen Wohnsitz nach Doha, also in Katars Hauptstadt, verlegt hat. Man darf in diesem Zusammenhang getrost auch nach der Rolle der diversen einflussreichen Fußballverbände fragen, die ja offensichtlich nicht genau hingeschaut beziehungsweise nur den eigenen Profit im Fokus hatten.

Wie heuchlerisch ist ein derart verlogener Pragmatismus, dem ausschließlich die eigenen Interessen als Maßstab dienen. Leider ist bei allen Beteiligten eine ungezügelte Profitgier zu beobachten, was dem Verhalten der antidemokratischen Systeme natürlich sehr in die Karten spielt. Höher, schneller, weiter kann und darf nicht mehr die vorrangige Maxime sein, es muss ein Umdenken stattfinden.

Doch es steht zu befürchten, dass sich an den Grundprinzipien der FIFA nichts ändern wird, zumal das vorrangige Ziel, maximale Gewinne zu generieren, bleibt. Allein für die TV-Rechte an dieser WM kassiert die FIFA Milliarden Schweizer Franken. Den Versprechen und Verpflichtungen auf Nachhaltigkeit und Wahrung der Menschenrechte steht ein gigantischer Ressourcenverbrauch mit unvorhersehbaren Folgen gegenüber.

Und ändern wird sich wenig, wie sportliche Großereignisse aus der Vergangenheit im Nachhinein belegen. Mit dem derzeitigen Blick auf die WM in Katar sollte man sich auch klar darüber sein, welchen Argumenten man folgt, denn einerseits Kritik üben und andererseits Energiepartnerschaften eingehen, das ist auch unehrlich, ja geradezu doppelmoralisch.

Deshalb noch einmal die eingangs gestellte Frage: Warum kommt der Aufschrei erst jetzt? Es hätte im Verlauf der vergangenen zwölf Jahre doch so Vieles schon bewegt und zum Besseren verändert werden können. Für die Verantwortlichen einfach zum Nachdenken empfohlen: „Nicht wer wenig hat, sondern wer viel wünscht, ist arm“, schrieb Seneca, der römische Philosoph. Gerhard Kiermeier, Hockenheim