Missbrauch in der Kirche - Wir als Gesellschaft sind es den Geschädigten schuldig, für eine ehrliche Aufarbeitung zu sorgen Wohin führt der „synodale Weg“?

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In der Vergangenheit wurde bereits viel zum Thema Missbrauch rund um die Institution Kirche geschrieben, gesprochen, analysiert und auch vielfach kontrovers diskutiert, doch von einer allumfänglichen Aufarbeitung oder sogar befriedigenden Lösung für die Opfer ist man meilenweit entfernt. Es ist beschämend, denn schaut man sich die Aufarbeitungsaktivitäten von Kindesmissbrauchsfällen im Verlaufe der letzten Jahre genauer an, so muss man leider feststellen, dass außer öffentlich verlautbarten Bekundungen und Absichtserklärungen seitens der betroffenen Institutionen wenig passiert ist, um dem qualvollen Leid der Betroffenen gerecht zu werden.

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Stattdessen offenbaren sich immer mehr Missbrauchsopfer mit Enthüllungen ihrer erlittenen Demütigungen durch Kirchenvertreter. Die aktuellen Berichte, speziell aus dem Bistum Speyer, verschlagen einem die Sprache ob der unsäglichen Vorkommnisse. Und genau zu diesem Zeitpunkt verordnet sich nun der zuständige Bischof selbst eine zweimonatige Auszeit. Das sei ihm durchaus gegönnt, doch sollte dabei auch bedacht werden, dass die Opfer sich keine Auszeit nehmen können. Sie müssen mit all den physischen und psychischen Belastungen weiterhin zurechtkommen, zumal für sie nun eine transparente und zeitnahe Aufarbeitung bedauerlicherweise in immer weitere Ferne rückt.

Im Erzbistum Köln sieht es mit der Bereitschaft zur Transparenz nicht besser aus, solange eine Offenlegung von Erkenntnissen der Untersuchungskommission durch den Oberhirten verhindert wird. Was soll hier eigentlich vertuscht werden und warum wird rangniederen Geistlichen mit Disziplinarmaßnahmen gedroht, nur weil sie detaillierte Aufklärung einfordern?

Obrigkeitskonformismus darf nicht dazu führen, dass diese speziellen Straftatbestände verharmlost oder gar so lange verschleiert werden, bis eine Aufarbeitung nicht mehr möglich ist. Man ist versucht zu glauben, dass hier gezielt auf Intransparenz, auf Zeit und nicht zuletzt auch auf eine verzögerungstaktische Linie gesetzt wird, denn vieles regelt sich dann irgendwann von ganz alleine. Zumal die Folge ist, dass immer mehr dieser skandalösen Vorfälle der Verjährung anheimfallen. Wenn das wirklich gewollt und Ziel dieser Institutionen ist, dann ist ein derartiges Verhalten rational nicht mehr erklär- und nachvollziehbar, wo die Kirchen doch eigentlich als höchste moralische Instanz gesehen werden wollen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen hier aufs Extremste auseinander und die Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke.

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Wir als Gesellschaft sind es den vielen Geschädigten aber schuldig, für eine umfassende und ehrliche Aufarbeitung zu sorgen und wir müssen auch sicherstellen, dass sich Täter nicht hinter Paragrafen verstecken können, um sich auf diese Weise einer möglichen Sanktionierung zu entziehen. Empathie als Grundvoraussetzung und Kern menschlichen Zusammenlebens muss absolute Priorität bekommen, denn ansonsten werden wir als Gesellschaft verlieren.

Wenn man die vielen weltweit schwelenden Konflikte im Namen von Religionen sieht, muss man sich schon auch fragen, ob respektvolles und harmonisches Zusammenleben in säkularer Ethik, ohne Religionen, nicht doch ein guter und vielleicht viel besserer und praktikablerer Lösungsansatz wäre, denn allen Religionen ist ein unkalkulierbares Gewaltpotenzial inhärent.

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Doch offenbar sind noch zu viele klerikale Entscheidungsträger in mittelalterlich orientierten Denkstrukturen verhaftet und hier tut eine Veränderung und zeitgerechte Weitsicht absolut Not. Aber eine Veränderung zum Positiven gelingt auch nur mit dem Willen und der Bereitschaft, eigene Denkstrukturen zu hinterfragen und aufzubrechen.

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Den Missbrauchsopfern wurde die im Grundgesetz verbriefte und garantierte Würde genommen. Es darf daher nicht sein, dass um den Wert der Menschenwürde gefeilscht wird. Und wo bleibt in diesem Kontext eigentlich der Reformprozess „Synodaler Weg“ und wo ist der Wille der kirchlichen Autoritäten glaubwürdig erkennbar, zu einer uneingeschränkten Aufklärung beizutragen? Gerhard Kiermeier, Hockenheim