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Corona-Protestaktionen - Mit Demokratie haben Handlungen und Äußerungen nicht mehr viel zu tun Wohin steuert das Land der Dichter und Denker?

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Wie sagte einst der Pessimist zum Optimisten: „Schlimmer geht’s nimmer.“ Darauf erwiderte der Optimist: „Doch!“ Bei allem Humor und Sarkasmus: Wohin steuert unsere Gesellschaft?

Zurzeit erleben wir eine nie da gewesene aufgeheizte Stimmung, gezeichnet von Aggression, Depression und Resignation, die wie ein Krebsgeschwür unkontrollierbar metastiert. Realitätsverlust, Unvernunft, Wut machen sich breit.

Täglich erreichen uns Nachrichten, die uns fassungslos, wütend, ratlos machen, irritieren und nur annähernd erahnen lassen, in welcher Lage wir uns bereits befinden. Ob mutierende Corona-Viren, Rassismus, schwerste Menschenrechtsverletzungen, ertrinkende Flüchtlinge, Kriege und Kriegsdrohungen, Hasstiraden gegenüber Andersdenkenden oder Eltern, die bewusst ihre Kinder zu sogenannten „Spaziergängen“ (Anti-Corona-Demonstrationen) mitnehmen, damit die Ordnungshüter bei Verstößen nicht einschreiten können – wie krank und unverantwortlich ist das denn? Besonders aufhorchen lassen Verschwörungstheoretiker, die offen zu Hass, Mord und Totschlag aufrufen, Polizisten und Journalisten angreifen, ihre eigene Unversehrtheit und Freiheit über die der anderen stellen und deren Handeln immer bizarrere Formen annehmen.

Dazu zwei aussagekräftige Beispiele: In der Ausgabe der Schwetzinger Zeitung vom 22. Dezember war zu lesen „AfD-Parteikollegen heroisieren Impfgegner“. Ein an Corona verstorbener Pforzheimer AfD-Landtagsabgeordneter wird „als Held der Freiheit“ von seiner Partei bezeichnet, weil er sich nicht impfen ließ. Verstehen sich diese Menschen als Märtyrer, die für ihre Ideologie, Partei, Freiheit oder aus falsch verstandenem Patriotismus für „ihr Vaterland“ ihr Leben opfern, ohne Rücksicht auf Verluste?

In der gleichen Ausgabe stand, dass eine Frankenthaler AfD-Stadträtin (also jemand, der ein öffentliches Amt innehat) bei einem „Spaziergang“ „Heil Hitler“ rief und den Hitler-Gruß zeigte. Warum sehen sich Bürger vom Staat in ihrer Freiheit eingeschränkt, angegriffen, kontrolliert oder in Stich gelassen, begreifen und bezeichnen ihn als Diktatur?

Warum unterstützen sie eine Richtung, die das Wohl aller und unsere Demokratie gefährden? Ist das wirklich ihre innere Haltung? Warum lassen sich Menschen in die Irre führen, sich durch Überschriften täuschen, ohne den eigentlichen Inhalt zu kennen oder lassen es zu, dass sie durch bewusst und gezielt gestreute, nicht verifizierte Behauptungen beeinflusst werden, ohne den Wahrheitsgehalt genau zu hinterfragen, um sich selbst eine eigene Meinung zu bilden?

Sicherlich spielt hier, ob begründet oder unbegründet, Angst eine wesentliche Rolle. Angst ist der Wegbereiter für irrationales Handeln.

Können wir uns denn nicht alle glücklich schätzen, bei noch so größtem Frust und unterschiedlicher Meinung in ein Land hineingeboren worden zu sein, in dem jeder seine Meinung sagen und frei leben kann, wo Grundrechte und Werte oberste Prioritäten haben, wo man seinem friedlichen Protest freien Lauf lassen kann?

Sicherlich hat es die Politik von Anfang an versäumt, in der Corona-Frage richtig zu handeln beziehungsweise die Notwendigkeit möglicher Maßnahmen den Bürgern richtig zu vermitteln. Das hat bis heute viele Bürger – und das zu Recht – verunsichert und hat das Vertrauen in die Politik wesentlich beschädigt oder verspielt. Dadurch ist eine Misstrauenskultur gegenüber dem Staat und Verantwortlichen entstanden, die alle notwendigen Corona-Maßnahmen, egal wie diese aussehen, als irreal angesehen, in Frage gestellt oder abgelehnt werden. Das alles artet letztendlich in ein irrationales, intolerantes, ich-bezogenes, entsolidarisierendes Handeln aus.

Was wird aus dem Land der Dichter und Denker? – Ein Land der Richter und Henker?

Apropos Dichter und Denker. Eine kleine Glosse dazu: AfD-Chef Chrupalla verlangte unlängst in einem Interview mit einem Kinderreporter der Nachrichtensendung „logo“, dass an Schulen wieder mehr deutsche Volkslieder und auch deutsche Gedichte gelernt werden müssten. Daraufhin wird er vom Kinderreporter gefragt, was denn das deutsche Lieblingsgedicht von Chrupalla sei. Darauf hatte dieser keine Antwort.

Mittlerweile warnt der Verfassungsschutz vor einer Radikalisierung im Corona-Protestmilieu. Vielerorts beteiligten sich an Protesten Rechtsextremisten und „Reichsbürger“. Die aktuelle Radikalisierung habe kaum noch etwas mit den Querdenken-Protesten zu tun. Mit Sorge betrachte er auch die Übergriffe auf Polizisten und Journalisten bei Demonstrationen sowie Drohungen gegen politische Entscheidungsträgern.

Eine Anmerkung dazu: Es nützt wenig, wenn vor einer Entwicklung gewarnt oder diese mit Sorge betrachtet wird. Hier ist direktes und rasches Handeln angesagt.

Eine wesentliche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die „sozialen“ Medien. Besonders der Messengerdienst Telegram machte in dieser Frage negativ auf sich aufmerksam. Mittlerweile ist dieses „soziale Medium“ zum „Propaganda-Sprachrohr radikaler Kräfte“ mutieret, in dem jeder frei, schamlos und ungeniert zu Hass, Rassismus bis hin zum Mord aufrufen kann. Ein Vorgang, der nun wirklich nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun hat. Vergessen wir nicht: Jeder Tat geht ein Gedanke voraus. Hier sind Staatsschutz, Politik aber auch wir alle gefordert.

Gehen wir daher besonnen und respektvoll miteinander um, auch wenn wir anderer Meinung sind. Zeigen wir denen die Rote Karte, die unser Land in eine andere Richtung „führen“ wollen und lassen uns nicht von Hass, Lüge, Rassismus anstecken. Verteidigen wir unsere demokratischen und menschlichen Grundwerte. Es geht um unsere gemeinsame Zukunft! Unsere Kinder und Kindeskinder werden es uns danken.

Ein passendes Zitat von Martin Luther King: „Ich habe zu viel Hass gesehen, als dass ich selber hassen möchte.“

Thomas Proft, Schwetzingen

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