Rückhaltung am Rhein - Flut zu Beginn des Monats war für den Geografen und BUND-Experten Thomas Kuppinger ein normales Ereignis / Dämme haben standgehalten Altlußheimer Sommerdamm ist kein Hochwasserschutz

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Andreas Wühler
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Der Rhein beim Hochwasser aus der Luft fotografiert in Richtung Speyer. Rechts die B 39 und links von ihr, anhand der Bäume zu erkennen, der überschwemmte Radweg Richtung Domstadt. Über den Damm ist das Wasser nicht geschwappt, doch die Auen sind überschwemmt. Das gehört jedoch zu deren Lebensrhythmus. © Feuerwehr

Altlußheim. Die zwei jungen Trauerweiden am Rheinufer, als Ersatz für den im Spätjahr gefällten Baum gepflanzt, haben wieder trockenen Boden unter den Füßen und auch der hölzerne Anzeiger des Hochwasserpegels, der beim Höchststand des Rheinhochwassers wie ein Mast aus den Fluten ragte, ist nicht mehr vom Wasser umspült. Einzig die Reste des Druckwassers im Niederfeld auf der anderen Seite des Sommerdamms und längs des Kriegbachs künden noch vom stark angestiegenen Pegel zu Beginn des Monats.

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Der Geograf und zweite Vorsitzende des BUND-Ortsverbands Hockenheimer Rheinebene, Thomas Kuppinger, spricht angesichts des Ereignisses Ende Januar von einem normalen Hochwasser, keinem Grund zur Besorgnis. Um acht Meter habe der Höchststand des Pegels gelegen, kein Vergleich zum Hochwasser 1999, als die Marke auf 8,55 Meter kletterte. Damals, erinnert sich Kuppinger, stand das Wasser eine Handbreit unter der Krone des Sommerdamms, der diesmal zu keiner Zeit Gefahr lief, überstiegen zu werden.

Schutz für Felder

Doch wenn man über Hochwasser spreche, so Kuppinger, müsse man sich eines vor Augen führen: Auch wenn der Sommerdamm gerissen wäre, wie beispielsweise jener in Brühl – für den Hochwasserschutz wäre dies belanglos gewesen. Eine Aussage, die unweigerlich zur Frage führt, ob es einen Unterschied zwischen einem Sommerdamm und einem Hochwasserschutzdeich gibt.

Eine Frage, die sich schon mit dem Blick auf die Dämme beantwortet. Hier der Rheindamm, hoch aufgeschüttet und weder mit Büschen noch mit Bäumen bestanden, dort der Sommerdamm, der sich mit der Allee auf seiner Krone zum beliebten Spazierweg in der Gemeinde gemausert hat.

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Auf einem Damm, der dem Hochwasserschutz dient, dulde das Land, das in der Regel für solche zuständig ist, keinen Bewuchs, erinnert Kuppinger an die im Mannheimer Stadtteil Lindenhof um den Bestand der alten Bäume geführte Diskussion, die den Damm bevölkern und die nun gefällt werden sollen.

Doch zurück zum Sommerdamm in Altlußheim. Um dessen Bedeutung einschätzen zu können, wie die anderer Sommerdämme in anderen Gemeinden gleichermaßen, veranschaulicht Kuppinger den Jahreszyklus des Rheins. Der führt normalerweise zwischen November und Januar am wenigsten Wasser – die Niederschläge werden in dieser Zeit in den Alpen, aber auch den Mittelgebirgen als Schnee gebunden.

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Gleichzeitig sei dieser Jahresabschnitt der mit den meisten und gefährlichsten Hochwassern am Rhein. Denn kommt es zu einem Wärmeeinbruch, schmilzt plötzlich in den Hochlagen der Schnee und muss der Fluss gewaltige Wassermassen aufnehmen. Es kann zu großen Flutwellen kommen, denen nur der Hochwasserschutz gerecht wird. Die Fluten ebben jedoch, wie gerade erlebt, schnell ab, wenn es in den Bergen wieder friert, der Schnee also nicht mehr abfließt.

Fluten im Frühsommer

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Bei einem normalen Verlauf des Frühjahrs kann es bis zum Frühsommer, bis zum Juni dauern, bis die Schneeschmelze der Hochlagen die Region in Form von Hochwasser erreicht. Diese Form des Hochwassers kann länger verweilen und auf den Feldern stehenbleiben. Felder, die um diese Jahreszeit schon bestellt sind und für die es fatal wäre, wenn Wasser die Pflanzen zerstörte.

Das galt besonders in früherer Zeit, als die Menschen direkt auf die Erzeugnisse der Landwirtschaft angewiesen waren – Hungersnöte drohten. Weshalb die Bauern und in der Folge die Gemeinden ihre Felder mit eigenen Dämmen schützten, den sogenannten Sommerdämmen.

Exakt so verhält es sich mit dem hiesigen Sommerdamm, der das Niederfeld vor Überschwemmungen schützen, die Frucht retten soll. Mehr nicht. Denn der eigentliche Ortsretter liegt außerhalb des Hochwassergebiets, bedarf keines Schutzes vor diesem. Was sich auch daran erkennen lässt, dass kein Hochwasserdamm die Gemeinde zum Rhein hin abschirmt.

Fährt man mit dem Rad von Neulußheim vom Eichelgartensee kommend am Blausee vorbei in Richtung Rhein, so radelt man auf dem Hochwasserdamm, der bis zurück zur Schnellbahntrasse reicht und das Gebiet südlich von ihm vor dem Hochwasser des Rheins schützen soll. In Altlußheim quert der Damm die Rheinhäuser Straße, um dann fast im rechten Winkel nach Rheinhausen abzubiegen. Nach rechts, flussabwärts des Rheins, findet sich kein Hochwasserschutz mehr. Erst mit dem Rheindamm in Richtung Ketsch setzt der Schutz wieder ein.

Gleiches gilt übrigens auch für die Gemeinden Ketsch und Brühl, deren Bebauung außerhalb der Niederungen liegt und keines besonderen Hochwasserschutzes bedarf. Die einzige Ausnahme in der Region bildet Rheinhausen, das in der Niederung erbaut wurde und deshalb mit einem Hochwasserdamm vor dem Rhein geschützt wird – was bei dem Hochwasser zum Monatsbeginn sehr schön zu sehen war, als die in den Damm eingelassene Durchfahrt dichtgemacht wurde.

Bach braucht Raum

Der Sommerdamm dient dem Schutz der Felder, nicht jedoch dem Hochwasserschutz, für den Dämme längs des Rheins für ein Hochwasser ausgelegt sind, wie es statistisch alle 200 Jahre zu erwarten ist, resümiert Kuppinger. Weshalb die Flut Anfang Februar für den Rheindamm eigentlich eine leichte Übung war.

Allerdings schwappt der Rhein bei Hochwasser nicht nur über sein Ufer, er drückt auch das Grundwasser nach oben, weshalb es auf den Feldern und Wiesen zum sogenannten Druckwasser kommt, das meist länger stehenbleibt, als der Fluss Hochwasser führt, denn es braucht seine Zeit, wieder im Boden zu versickern.

Stichwort Druckwasser: Hier verweist Kuppinger noch auf zwei Methoden, dem in die Zuläufe der Bäche aufgestauten Wasser Herr zu werden, die in Altlußheim mit wenigen Metern Abstand nebeneinander existieren. So hat der Kriegbach zwischen der verlängerten Rheinhäuser Straße und dem Rhein viel Platz, sich auszubreiten, staut ihn der angeschwollene Flusslauf zurück.

Ganz anders wenige Meter weiter flussaufwärts bei der Mündung des Wagbaches, der gänzlich ohne Dämme oder Schwemmgelände auskommt. Der Grund ist ein Pumpwerk, über das die Straße führt. Östlich davon wird das Bachwasser eingesaugt, westlich fließt es weiter Richtung Rhein. Ist dieser überschwemmt und will den Bach zurückdrücken, wird das Bachwasser mit Pumpen in ihn abgeleitet, so dass es zu keinem Rückstau kommt.

Doch solche Pumpwerke sind die Ausnahme, in der Regel lässt man dem Wasser Raum, sich auszubreiten. Wie beim Kriegbach, den Schwetzinger Wiesen in Brühl oder auf der Rheininsel. Weshalb es für den Geografen nicht richtig ist, von Schäden zu sprechen, die das Hochwasser dort angerichtet habe.

Im Gegenteil: Die Natur habe sich in den Überschwemmungsgebieten angepasst, viele der Pflanzen sind gar auf den Wechsel von Trocken- und im Wasserstehend angewiesen. Und wird mal ein Stück Land fortgerissen, dockt es woanders an – auch das gehört für Thomas Kuppinger zum dynamischen Bild einer Auenlandschaft und ist deren Lebenselixier.

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