75 Jahre Kriegsende - Französische Truppen kommen über den Rhein und nehmen die Gemeinde kampflos ein / Zeitzeugen berichten über ihre Erlebnisse Befehl zur Räumung des Dorfes ignoriert

Von 
Esther Kraus
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Mit einem Gedenkstein auf der Friedhof erinnert die Gemeinde an die Gefallenen des 2. Weltkriegs. Mittlerweile ist er ein Symbol für alle Opfer der Nazi-Diktatur. © Wühler

Altlußheim. Am 8. Mai 1945 war der 2. Weltkrieg offiziell zu Ende. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Altlußheimer längst den Einmarsch der Franzosen hinter sich und Ruhe und Ordnung waren wieder hergestellt. Esther Kraus, ehemals Pfarrerin in Altlußheim, hat Zeitzeugen des Kriegsendes zu Wort kommen lassen um ihre Eindrücke, ihre Ängste, aber auch guten Erfahrungen im Gedächtnis zu behalten.

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Auf das Kriegsende zu heulen immer öfter die Sirenen zum Fliegeralarm. Jagdbomberstaffeln dröhnen über Altlußheim hinweg. Aus Tieffliegern heraus wird auf alles geschossen, was sich bewegt. Der Hauptbeschuss der Jagdbomber gilt der Flakstellung im Altlußheimer Wald (Richtung Reilingen bei den heutigen Tennisplätzen) und der Vierling-Flak am Herrenteich. Dort sind auch Tote zu beklagen. Granaten und Schüsse werden immer stärker vom anderen Rheinufer her auf die deutschen Landser abgefeuert. Sie liegen in den Schützengräben am Sommerdamm im Niederfeld. 14- und 15-Jährige haben ihn bis an die Rheinbrücke hin graben müssen.

Panzersperre aufgebaut

Am Ortseingang von Speyer her ist beim späteren Kiosk Litzel eine Panzersperre errichtet. Ihr gilt wohl der Granatbeschuss, dem die Vorderfront eines der ersten Häuser der Hauptstraße zum Opfer fällt. Eine weitere Granate jagt das Freiluftklo im Garten des Litzelschen Anwesens in die Luft.

Die Konfirmation verlegt Pfarrer Diefenbacher auf zwei Wochen früher. Morgens um 6 Uhr ist der Gottesdienst. Kaum war er zu Ende, heulen auch schon wieder die Sirenen. Einer dieser Konfirmanden fragt einen älteren Hockenheimer: „Der Krieg ist doch verloren, nach Stalingrad, dem Rückzug der Truppen an allen Fronten oder nicht?“ „Nein, nein“, bekommt er zur Antwort. „Wir werden den Krieg gewinnen. Das kannst du mir ruhig glauben!“ Wochen nach dem Krieg gesteht er dem 14-Jährigen: „Ich musste dir das sagen. Auch wenn ich selbst schon lange nicht mehr an den Sieg geglaubt habe.“

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Wie gefährlich Äußerungen in dieser Richtung waren, schildert eine damals 29-Jährige. In ihrem Haus sind deutsche Soldaten einquartiert. Der Tod ihrer beiden Brüder treibt sie um. Und wie ihr die Soldaten Bilder von ihren Frauen zuhause zeigen, sagt sie: „Guckt zu, dass ihr heimkommt zu euren Frauen, sonst werdet ihr alle auch noch erschossen!“ Einer der kommandierenden SS-Männer in der Nähe richtet sofort sein Gewehr auf sie. „Sei still! Du Vaterlandsverräterin!“

Die ersten deutschen Soldaten, auf der Flucht vor der näherrückenden Front von Frankreich her, kommen über den Rhein und suchen in Altlußheim Quartier. In der Hauptstraße finden 17 von ihnen in einer Scheune Unterschlupf. Am nächsten Morgen ziehen 15 von ihnen weiter. Zwei sind verletzt und blieben 14 Tage – wohl versorgt von ihrer Gastfamilie.

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In diesen letzten Kriegswochen war in Altußheim ein Kommen und Gehen der verschiedensten Nationalitäten: Ein Trupp polnischer Mädchen war im Arbeitsdienst eingesetzt – wo sie später geblieben sind, weiß keiner mehr. Russen aus Turkistan, die sich freiwillig zur deutschen Armee gemeldet hatten, lagen in Altlußheim. Sie fielen später russischen Soldaten in die Hände und wurde bis auf einen erschossen. Französische Kriegsgefangene arbeiteten bei Bauern. Sie waren im Gasthaus „Ochsen“ untergebracht. Polen und Russen arbeiteten auf den Feldern der Bauern, sie wohnten bei Familien, ebenso junge Burschen aus deutschen Ostgebieten hatten hier ihren Arbeitsdienst-Einsatz – die einen machten gute, andere schlechte Erfahrungen. Jedenfalls blieben einige nach Krieg oder kamen wieder zurück. Freundschaften entstanden, die bis heute angehalten haben.

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Eine Woche vor Ostern geht die Parole durch das Ort: „Altlußheim wird Kriegsgebiet! Das Dorf muss geräumt werden!“ Eine damals Fünfjährige aus dem „Kleinen Dörfel“ erinnert sich genau, wie ihr Mutter wenige Habseligkeiten zusammenpackt und jammert: „Wo sollen wir denn hin, wir haben doch keine Verwandten!“ Sie schließen sich dem Zug der vielen Familien an, die Altlußheim verlassen. Hinter dem Dorfrand bleibt die Mutter plötzlich stehen, sagt zu ihrer Tochter: „Es ist doch völlig gleich, wo wir erschlossen werden, ob hier oder woanders!“ Sie kehrt um und geht wieder in ihr Haus zurück.

Auf Ostern zu rücken die Menschen immer enger zusammen. Mütter gehen mit ihren Kindern zu den Großeltern. Nachbarn quartieren sich in den Häusern ein, in denen wenigstens ein Opa den Frauen und Kindern Schutz zu gewähren scheint. Beim Fliegeralarm finden sich alle in den fest gemauerten Keller ein, so auch im Eiskeller der Brauerei im dritten Untergeschoss.

Ein damals 14-Jähriger erinnert sich noch ganz genau an die Nacht zum Ostersonntag. Dumpfe Geräusche sind zu hören, da sagt der Großvater – er war Pionier im Ersten Weltkrieg gewesen: „Die Franzosen setzen über den Rhein! Ich höre wie sie die Pontonbrückenteile ins Wasser lassen!“ In dieser Nacht schläft der Enkel kaum.

Am Morgen des 1. April – es ist der Ostersonntag – tauchen vor 6 Uhr morgens in der Hauptstraße deutsche Landser auf. „Sie kamen regelrecht aus ihren Stellungen vom Niederfeld her auf die Straße gekrochen!“ Ein 64-Jähriger sagt bleich vor Schreck: „Wenn die Widerstand leisten, wird Altlußheim zusammengeschossen!“

Schon sind die ersten Schüsse zu hören. Sie gelten einem Altlußheimer Haus am Ortsrand. Dann kommen die ersten Franzosen durch die Panzersperre, ihre Gewehre im Anschlag. Mit ihren Gewehrkolben schlagen sie an Hoftore und Fenster. In kleinen Trupps durchsuchen sie die Häuser nach Soldaten. „Soldaten hier?“ rufen sie in die Keller. Gott sei Dank sind die kurz zuvor gesichteten deutschen Landser wie alle anderen in Altlußheim einquartierten Soldaten wie vom Erdboden verschluckt.

Kaum sind die Häuser durchsucht und die erste Angst, erschossen zu werden, vorbei, da geht es wie ein Lauffeuer durch Altlußheim: „Die Marokkaner kommen!“ Ein schlechter Ruf ist ihnen vorausgeeilt. Sofort verstecken Mütter ihre Töchter und sich selbst in Scheunen, auf Speichern und in Kellern.

Doch das erste Interesse der Marokkaner richtet sich weniger auf Frauen als auf Hühner. Ihr Hunger ist groß. „Huhn, Huhn!“ fragen sie überall. „Wir haben nix Huhn!“ bekommen sie von einer resoluten Altlußheimerin zur Antwort. Die Hühner waren im Hühnerstall mit Vorhängeschlössern eingeschlossen, so erzählt sie.

In der Hauptstraße verneint ein mutiger Junge ebenfalls ihre Frage nach Hühnern. Doch, so vermutet er heute, haben sie wohl die Hühnerknödel im Hof gesehen. Jedenfalls hört er in der Nacht jemanden über das Hoftor klettern. Er will hinauf zu seinen drei Schwestern auf dem Speicher. Die Geräusche jedoch locken den Marokkaner ins Haus. Sofort eilt er ihm hinterher die Treppe hinauf. Oben angekommen steht der Junge schützend vor seinen Schwestern. Wie der Marokkaner vor ihnen steht, schießen den vieren vor Angst die Tränen in die Augen. Hemmungslos weinen sie lauthals. Das errettet sie: der Marokkaner dreht sich wieder um und verlässt das Haus. Doch so glimpflich gehen nicht alle versuchten Übergriffe aus. Zwei Frauen werden vergewaltigt.

In einem Haus in der Waldhornstraße war gerade die Oma verstorben. Wie die Marokkaner sie tot in ihrem Bett liegen sehen, verhalten sie sich sehr respektvoll und verlassen unverrichteter Dinge das Haus. In einem anderen Haus ist der Vater 1940 gefallen. In der Küche hängen zwei Bilder mit Trauerflor. Als der mit seinen Soldaten eindringende französische Offizier sie sieht, zieht er sofort die Durchsuchenden ab.

In der ehemaligen Zigarrenfabrik GEG ist eine Zweigstelle der Mannheimer Miederwarenfabrik Felina untergebracht. Dort sollen französische Soldaten Quartier beziehen. Im hohen Bogen werfen sie die großen Stoffballen aus den Fenstern auf den Hof und bringen die Spezialmaschinen heraus. (Noch lange Zeit später zieren viele Altlußheimer Fenster rosa Miederwaren-Vorhänge. Auch zum Hamstern eignet sich dieser Stoff bestens.)

In dieser Nacht wird das Anwesen Ecke Rheinhäuserstraße/Beethovenstraße Treffpunkt der Marokkaner. Bald 60 Soldaten kommen und gehen. Den mitgebrachten, erbeuteten Hühnern wird der Hals zum Ausbluten aufgeschnitten, dann werden sie gerupft und gebraten. Der Hof sieht aus wie ein Schlachtfeld.

Am nächsten Morgen verlassen die Marokkaner das Haus. Kaum ist der Hof aufgeräumt und die Spuren der Nacht beseitigt, beschlagnahmen es französische Offiziere. Ihr Flakgeschütz haben sie am Dorfende aufgebaut und suchen jetzt ein Haus mit einem großen Zimmer.

Der Hausfamilie wird ein einziges Zimmer belassen. In allen anderen Räumen verteilen sich die Offiziere. Ihr Captain findet im Pfarrhaus Unterkunft. Er stammte aus Colmar und hatte in Heidelberg studiert. Mit ihm ist ein gutes Auskommen. Sein Ansinnen ist Ruhe im Dorf. So geht er allen Beschwerden der Altlußheimer wegen Übergriffen nach – vor allem auch nachts.

Ordnung aufrechterhalten

So müssen er und seine Offiziere beispielsweise in die Nähe der „Rose“. Dort hat sich ein Marokkaner in der Küche niedergelassen und weigert sich, das Haus wieder zu verlassen. In der Hauptstraße dringen am 5. April gegen 21.30 Uhr vier Franzosen und ein wohl angetrunkener Marokkaner von hinten durch den Garten in das Zimmer ein. Die 21-jährige Tochter zieht ihre fünfjährige Schwester an sich und nimmt sie auf den Arm. Panik steht ihr im Gesicht: „Wenn die jetzt über mich herfallen!“ Da richtet der Marokkaner völlig unvermittelt seine Waffe auf sie und schießt. Er trifft sie am Oberschenkel, die kleine Schwester am Bein. Die Kugel geht weiter durch ein Brot und bleibt in der Couch stecken. Es hätte noch viel mehr passieren können, denn es waren einige Leute in dem kleinen Raum versammelt. Die Verletzten werden nach Speyer ins Krankenhaus gebracht.

Der kleinen Schwester muss gar das Bein amputiert werden, da keine Mittel da sind, das Bein zu retten. Vier Wochen bleiben die beiden im Krankenhaus. Das Essen ist reichlich, aber die Verbandsmittel äußert knapp. Auf diesen Vorfall hin werden jegliche Übergriffe auf Altlußheimer Familien untersagt. Der schuldige Marokkaner wird ermittelt und bestraft. In diesen Tagen erhalten neun weitere Marokkaner in der Gärtnerei Rohleder ihre Strafe wegen Belästigung deutscher Frauen: Ihnen werden die Haare geschoren. Die Übergriffe hören schlagartig auf, ebenso die Angst.

Menschlichkeit wahren

Ein Offizier gibt zur Antwort, befragt, warum sie gegen alle Befürchtungen die Deutschen am Leben ließen: „Wenn wir hausen würden wie die SS bei uns in Frankreich, dann wäre Altlußheim binnen fünf Minuten in Asche. Aber was hätte das für einen Sinn, wenn noch mehr Menschen sterben, die nichts dafür können.“