Geschichte - Die Gründung des Kaiserreichs vor 150 Jahren spiegelt sich auch im Ort auf dem „Weg der Erinnerung“ wider Denkmal diente der Wehrertüchtigung

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ras
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Die Bronzereliefs nennen die Veteranen, die bis auf drei den deutsch-französischen Krieg überlebten, und zeigen das Konterfei des Großherzogs. © strauch

Brühl. Auf französischem Boden wurde vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871, das Deutsche Kaiserreich ausgerufen. Damit fanden die von Kanzler Otto von Bismarck forcierten Einigungskriege ihren symbolischen Höhepunkt und Abschluss. Mit „Eisen und Blut“ war ein deutscher Nationalstaat geformt worden und somit ein langgehegter Traum vieler Bürger in Erfüllung gegangen.

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Es war der Großherzog von Baden, Friedrich I., ein Anhänger der deutschen Einheit unter preußischer Führung, der damals vor den versammelten Fürsten im Spiegelsaal von Versailles den ersten Hochruf auf den zum Kaiser proklamierten preußischen König Wilhelm I., als „Seine Majestät, Kaiser Wilhelm“, ausbrachte.

Und diesem Großherzog begegnet man noch heute im Brühler Ortsbild. 40 Jahre nach dem deutsch-französischen Krieg und der Proklamation des Kaiserreiches stand Europa erneut vor einem Sterben auf Schlachtfeldern. „Der Krieg wird kommen. Je früher, desto besser“, war Generalfeldmarschall von Moltke überzeugt. Valentin Eder und Heinrich Merkel, Backsteinfabrikanten und Vorsitzende des Brühler Kriegervereins, hätten deshalb eine Werbeaktion beschlossen, um junge Männer als Mitglieder zu gewinnen, blickt Helmut Mehrer in die Ortsgeschichte. Die beiden Unternehmer entschieden sich 1911 für ein Denkmal zur Erinnerung an den vier Jahre zuvor verstorbenen Großherzog Friedrich II. und an die Brühler Soldaten des Kriegs von 1870/71.

Dieses Denkmal bildet inzwischen den Startpunkt des von Helmut Mehrer konzipierten Wegs der Erinnerung durch die Hufeisengemeinde. „Diesen Weg durch die Brühler Geschichte des 20. Jahrhunderts sind seit 2007, als die letzte Station, der Platz der Partnerschaften, errichtet wurde, schon zahlreiche Gruppen gegangen“, stellt der frühere Geschichtslehrer fest. Er zeichne den Weg Europas und Deutschlands nach, heruntergebrochen auf die Ebene der Gemeinde Brühl und letztlich auch auf das Fühlen und Denken seiner Bürger.

Viele Kriege und Frieden

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Die ersten drei Stationen sind von der Phase der Kriege bestimmt, erklärt Mehrer im Gespräch mit unserer Zeitung. Das 1911 im Beisein von Großherzog Friedrich II. – dem Sohn des darauf abgebildeten Fürsten – eingeweihte Denkmal diente demnach der Wehrertüchtigung. Junge Menschen sollten für den Krieg begeistert werden. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs sei ein beachtlicher Teil der deutschen Jugend davon überzeugt gewesen, dass der Tod fürs Vaterland ein süßer Tod sei, so Mehrer. Allerdings wird auf dem Denkmal nicht der Gefallenen des deutsch-französischen Krieges gedacht – die Liste auf den Bronzetafeln nennt die Veteranen, also alle Brühler Teilnehmer des Kriegs, an dessen Ende nicht nur die Proklamation des Kaisers, sondern ein weiterer Höhepunkt der „Erbfeindschaft“ zwischen den beiden Nationen stand. Die Saat ging im 20. Jahrhundert mit den beiden Weltkriegen weiter auf.

Auf sie geht der von Mehrer konzipierte Weg der Erinnerung auf seinen nächsten Stationen ein. Da sind die frühere Ziegelei Merkel mit der Arbeiterkantine, die 1931 der Brühler SA als Sturmlokal diente, und der „Krieger-Ehrenhain“ auf dem Friedhof, der von der örtlichen NSDAP zwei Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg auf den Weg gebracht worden war, wie Mehrer erinnert.

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„Die Kriegerkapelle bildet den Übergang zur Neubesinnung“, so Mehrer, „dass man dort ab 1945 nicht mehr der Krieger, sondern der Gefallen gedenkt, hat den Weg zum Frieden geöffnet“. Die Einheitslinde an der Schutzengelkirche, das Mahnmal für die jüdische Familie Rhein beim Rathaus und der Platz der Partnerschaft in unmittelbarer Nähe zum Kriegerdenkmal sind in seinem ortsgeschichtlichen Projekt Zeugen dieser Veränderung. ras