Schwetzinger Wiesen (Teil 2) - Schilf ist Lebensraum für viele Vögel, Insekten und Säugetiere / Flächenbrände hinterlassen Spuren „Großes Problem für Jungtiere“

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Catharina Zelt
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Das Schilf regeneriert sich: Dort, wo es vor wenigen Wochen gebrannt hat, wachsen jetzt neue grüne Halme. Bis sich das Schilf allerdings wieder vollständig erneuert hat, wird es noch eine Weile dauern. © Nabu/Zelt

Brühl/Schwetzingen. Es raschelt und brummt, flattert und zwitschert im Schilf der Schwetzinger Wiesen. Die langen Halme bieten vielen Tierarten Unterschlupf und sind gerade jetzt, in der Brutzeit, ein begehrter Lebensraum für Vögel. So war es auch für die Tierwelt ein herber Schlag, als gleich dreimal innerhalb kurzer Zeit große Mengen Schilf auf Schwetzinger Gemarkung in der Nähe des Rohrhofer Friedhofes in Brand gerieten (wir berichteten). In allen Fällen sichteten Zeugen Jugendliche in unmittelbarer Nähe der Flammen. Inwiefern diese mit den Bränden in Verbindung gebracht werden können, ermittelt nun die Polizei.

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„Im Schilf kommt eine ganze Reihe von Vogelarten vor, die genau an diesen Lebensraum angepasst sind. Das Schilfrohr ist beispielsweise ein wichtiger Versteck- und Brutplatz für Blaukehlchen und Teichrohrsänger, die im Volksmund auch Rohrspatzen genannt werden“, erklärt Christiane Kranz, Bezirksgeschäftsführerin des Naturschutzbundes (Nabu), im Gespräch mit unserer Zeitung.

Durch die Brände haben die Vögel einen Großteil ihres Brutreviers verloren: Sie brauchen die langen Halme des Schilfs um ihre Nester hoch oben sicher vor Feinden zu befestigen und die Schilfblätter um daraus kunstvolle Nester zu weben. „Einige Vögel werden in diesem Jahr sicherlich keine Nester bauen und dadurch auch keine Jungen erfolgreich großziehen können“, meint Kranz. Die Brutzeit beginne allerdings erst jetzt, so dass wohl keine fertigen Nistplätze oder Jungvögel verbrannt seien. Zahlreiche Insekten hingegen, die in den hohlen Stängeln überwintern, haben das Feuer nicht überlebt.

Halme regenieren sich rasch

Das Schilfrohr ist auf vielen Tausend Quadratmetern vollständig abgebrannt. Die Halme selbst werden sich relativ rasch regenerieren, sofern die Wurzeln im Boden nicht beschädigt wurden. Unter günstigen Bedingungen wächst Schilf nämlich bis zu fünf Zentimeter pro Tag – man kann den Stängeln also buchstäblich beim Wachsen zusehen und auch auf den Schwetzinger Wiesen blitzen an einigen Stellen bereits grüne Spitzen aus der Asche. „Als Brutplatz ist das nachgewachsene Schilf in diesem Jahr trotzdem noch viel zu kurz“, weiß Kranz, dass die Vögel nun ins übrig gebliebene Schilf ausweichen müssen.

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Und auch Hegeringleiter Frank Lück meint: „Ein Brand ist immer ein gravierender Einschnitt in die Lebensraumstruktur der in einem Brandgebiet lebenden Tierarten.“ Denn ungeachtet der Großzahl an Insekten lebe dort eine Vielzahl von Amphibien, Kleinsäugern und Vögeln. Die Artenvielfalt in den Schwetzinger Wiesen unterscheide sich darüber hinaus nicht stark von der im Naturschutzgebiet Karl-Ludwig-See in Ketsch.

Neben dem Teichrohrsänger und dem Blaukehlchen sei unter anderem auch der Schilfrohrsänger, der in den Schilfstreifen seine Nester baut und dort die Jungen großzieht, auf den Wiesen zu finden. In diese Nester legt auch der Kuckuck gerne seine Eier, der gerade aus seinem Winterquartier zurückkehrt. „Brände – gerade in der Brut- und Aufzuchtzeit – wiegen für jede Art natürlich besonders schwer“, erklärt der Hegeringleiter.

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„Das Schilf ist für viele verschiedene Tiere eines der wenigen Rückzugsgebiete, das ihnen noch bleibt“, fügt der Brühler Jagdpächter Dr. Frank Eitner hinzu. Die Monokultur übernehme in dem hiesigen Gebiet – sowohl auf Schwetzinger als auch auf Brühler Gemarkung – eine wichtige schützende Funktion. Flächenbrände seien daher vor allem für Jungtiere ein großes Problem. „Ein erwachsenes Wildschwein oder Reh kann relativ schnell rennen – das sieht bei den Jungen anders aus“, meint der Jagdpächter. Darauf könne man gerade jetzt ein besonderes Augenmerk legen, den aktuell gebären die Rehe ihre Kitze und verstecken sie im hohen Gras – auch in der Nähe des Schilfes. Selten, wenn das Gras außerhalb nicht hoch genug sei, würden die Weibchen ihren Nachwuchs sogar direkt zwischen den Halmen des Schilfes tarnen.

Fluchtinstinkt nicht ausgeprägt

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„Frisch geborene Rehe haben noch keinen ausgeprägten Fluchtinstinkt“, macht Eitner auf ein weiteres Problem aufmerksam. Da könne es durchaus passieren, dass die Tiere gar nicht oder nicht schnell genug vor den Flammen fliehen, je nachdem wie der Wind die Ausbreitung des Feuers begünstigt. „Vor den Bränden hatten wir niederschlagsarme, sonnige Tage und das Schilf war entsprechend trocken – da konnte sich das Feuer schnell ausbreiten“, meint der Jagdpächter.

Eitner hofft, dass es nicht noch einmal zu einem Schilfbrand komme – vor allem jetzt in der Brutzeit nicht. „Wir haben hier ein paar wenige bodenbrütende Vogelarten, die im Brandfall alle ihre Jungen verlieren würden“, erklärt er, dass die Folgen fatal wären. Das Schilf ist also auf jeden Fall mehr als nur ein Haufen trockener Halme: Vögel, Insekten und Säugetiere finden dort ein schützendes Zuhause.

Volontariat Volontärin der Schwetzinger Zeitung