Vorgestellt - Hilde Nagy leistet ambulante Sterbebegleitung für die Hospizgemeinschaft / Auch im Vorstand engagiert / Sie ermutigt andere Menschen, es ihr gleichzutun Hilde Nagy aus Brühl leistet ambulante Sterbebegleitung

Von
Volker Widdrat
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Brühl. „Zwischenräume“ heißt das Gedicht, das Hilde Nagy in der Corona-Zeit besonders berührt. Die Verse von Dorothea Müller von der Hospizgruppe Seligenstadt hat sie mit dem Bild eines Eichhörnchens an unsere Redaktion geschickt. Die 67-jährige aus Rohrhof ist selbst Wegbegleiterin in der letzten Lebensphase eines Menschen und leistet ambulante Sterbebegleitung für die Hospizgemeinschaft Schwetzingen. Die Regionalgruppe auch für Brühl, Ketsch, Oftersheim und Plankstadt ist Mitglied in der 1986 gegründeten Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand (IGSL).

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Es wäre doch schön, wenn Angehörige von schwerkranken Menschen erfahren könnten, wie Begegnung oder Begleitung aussieht, was sie da wirklich vor Ort macht, meint Hilde Nagy. Und es wäre doch toll, wenn Leser sich überlegten, selbst an einem Qualifizierungskurs für Hospizbegleitung teilzunehmen. Sterbende zu betreuen, sei ein „Zeitgeschenk“, das einem „selbst viel zurückgibt und zutiefst menschlich ist“. Und dass vor allem während der bedrohlichen Corona-Pandemie auch ein Antidepressivum sein könne: „Wir alle brauchen gerade in der dunklen Zeit einen Lichtblick.“

Vor 20 Jahren begonnen

Hilde Nagy ist seit mehr als 20 Jahren für Menschen in ihrer letzten Lebensphase da. Die frühere Krankenschwester betreut ehrenamtlich für die Hospizgemeinschaft Schwetzingen Sterbende zu Hause, im Pflegeheim, im Krankenhaus oder im stationären Hospiz. © Widdrat

Hilde Nagy, in Lauda im Main-Tauber-Kreis geboren, hat es sich vor 20 Jahren zur ehrenamtlichen Aufgabe gemacht, Schwerkranke und Sterbende sowie deren Angehörige persönlich zu beraten und zu begleiten. Etwa zu Hause, im Pflegeheim oder im Krankenhaus. Sie war 43 Jahre lang Krankenschwester, davon 32 Jahre als Fachschwester in der Praxis mit Dialysezentrum von Professor Dr. med. Peter Rohmeiß in Schwetzingen. In der ambulanten Dialyse hat sie viel Erfahrung gesammelt und dabei den Bedarf erkannt. Menschen wollten in ihrer vertrauten Umgebung sterben: „Also komme ich zu ihnen nach Hause.“

Die Mutter zweier erwachsener Töchter und zweifache stolze Oma war 17 Jahre lang im Vorstand der Hospizgemeinschaft Schwetzingen und dort unter anderem für den Datenschutz zuständig. Die ehrenamtlichen Betreuer unterliegen der gleichen Schweigepflicht wie Ärzte und Pflegedienste.

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Liebevoll zu sein mit sich selbst und mit anderen, das sei ihr wichtig. Jeder Mensch sei entscheidend für unsere Zukunft. Es gehe nicht mehr darum, „ob wir das schaffen“, erzählt Hilde Nagy, „sondern wann wir damit beginnen – am besten gleich“. Entdeckungsfreude, Gestaltungslust, Körperempfinden, Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Geborgenheit im Zusammenleben mit anderen – das könnten die Bausteine sein für eine Hospizhelferin, um einem Menschen den letzten Weg so individuell und angenehm wie möglich gestalten zu dürfen. Das habe sie sich seit ihrer Hospizbegleiter-Ausbildung 1999 zu Herzen genommen.

„Gerade in der heutigen Zeit gibt es besondere Herausforderungen. Einsam zu sterben durch oder mit Corona, alleine zu sterben ohne Angehörige an der Seite, ohne ein letztes Abschiedswort, das ist eine schreckliche Vorstellung“, meint die 67-Jährige: „Worte werden noch wichtiger als eine Berührung, gerade weil zurzeit Abstand gefordert ist. Der Blickkontakt über der Mund-Nase-Bedeckung hat an Intensität gewonnen. Die Sinne werden anders angesprochen. Erkennen, welche Termine wirklich wichtig sind. Die Lebensgeschichte hören. Den Menschen verstehen und dabei die eigenen Schwächen sehen. Auch an der Gerechtigkeit zweifeln. Sinn finden und gleichzeitig hilflos sein. Lösungen suchen und Schicksale akzeptieren. Demütig werden.“

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Sterbebegleitung sei eine besondere Form der Kommunikation, führt die ehemalige Schöffin des Landgerichts Mannheim aus. Sterbende signalisierten ganz deutlich, ob sie Nähe wünschen oder lieber alleine sein möchten, ob die Tür offen sein soll oder das Licht an sein darf.

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Ehrenamtliche Hospizbegleiter leisten einen wichtigen Beitrag im Rahmen der palliativen Versorgung, damit ein möglichst langes Verbleiben in der eigenen Wohnung ermöglicht werden kann. Alle Helfer sind durch mehrwöchige Vorbereitung in Seminaren und Praktika für ihren Einsatz qualifiziert und nehmen regelmäßig an fachlich geleiteten Supervisionen und Fortbildungsmaßnahmen teil. Die wertvolle Hilfe steht allen Menschen zur Verfügung, unabhängig von ihrer Weltanschauung oder Religion.

Einsatz ist kostenlos

Der Einsatz ist immer kostenlos und nicht von einer Mitgliedschaft oder Spende abhängig. Darüber hinaus berät die Hospizgemeinschaft auf der Grundlage der IGSL-Vorsorgemappe zu den Themen Patientenverfügung, Vollmachten und Betreuungsverfügung, veranstaltet Vorträge und informiert über aktuelle Hilfsangebote, bietet Beistand bei der Bewältigung der Trauer und zeigt Kindern im Zuge des Projektunterrichts „Hospiz macht Schule“, wie sie ungezwungen mit dem Thema Tod umgehen können. Nur die Pflege im klassischen Sinn oder hauswirtschaftliche Tätigkeiten können die Helfer nicht übernehmen.

Gern am Plattensee

Hilde Nagy ist ein sehr offener und lebenslustiger Mensch. Zusammen mit ihrem Mann Ferenc, der 69-Jährige stammt aus Ungarn, macht sie gerne Urlaub am Naturparadies Balaton (Plattensee). In Siofok am Südufer, wo dem berühmtesten Sohn der Stadt, dem Komponisten der „Csárdásfürstin“ Emmerich Kálmán ein Museum gewidmet ist, besitzen die beiden ein Haus. Und auf dem See liegt das Segelboot „AlexaJu2“, das die 67-Jährige ihrem Mann geschenkt hat. Kein Wunder, dass die Töchter Alexandra (40) und Juli (35) sowie natürlich die Enkelkinder Martha (11) und Greta (7) in den Ferien genauso gerne an den Balaton kommen.

Hilde Nagy malt, seit sie in Rente ist, oft mit ihren Enkeln zusammen. Die treue Leserin der Schwetzinger Zeitung spricht Ungarisch, Englisch und Deutsch. An der Volkshochschule hat sie zwei Semester Spanisch gelernt und das gut mit ihrem Ferenc im Urlaub auf Kuba brauchen können. Ein- bis zweimal in der Woche geht sie zu den Menschen, die sie in ihren letzten Tagen begleiten darf. Sie liest ihnen zuhause oder im Seniorenheim vor, manchmal auch Märchen, sie bringt ihnen ein von Enkelin Greta gemaltes Bild oder ein von Martha geschriebenes Gedicht mit.

Wenn es mit einem Menschen zu Ende geht, kommt die 67-Jährige dazu. Sie legt Blumen auf die Hände, zündet eine Kerze an, geht mit den trauernden Angehörigen ins Gespräch. Ihr Vater ist bereits mit 50 Jahren an Krebs gestorben. Hilde Nagy hat ihn die letzten drei Wochen zu Hause gepflegt. In Ungarn kümmert sie sich um ihren 93-jährigen Schwiegervater.

Sie bittet um Spenden

Gerade während der Corona-Pandemie säßen viele Menschen alleine zu Hause, vereinsamen, sind gestresst, vielleicht hilflos oder überfordert. „Was wir tun können, ist uns selbst Licht zu schenken“, bittet Hilde Nagy um Spenden für die Hospizgemeinschaft. Büro, Supervision und Koordination kosten viel Geld. Und die Finanzierung erfolgt hauptsächlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden.

Informationen und Kontakt

Hospizgemeinschaft Region Schwetzingen, Markgrafenstraße 2/9, 68723 Schwetzingen, Hospiztelefon: 0171/85 81 987, Telefon 06202/40 91 009, E-Mail: hospizgemeinschaft@web.de, Bürozeiten: Dienstag und Donnerstag 9 bis 12 Uhr, Mittwoch 15 bis 18 Uhr. Homepage: www.hospizgemeinschaft-schwetzingen.de.

Spenden sind immer willkommen: Hospizgemeinschaft Schwetzingen, Sparkasse Heidelberg, IBAN: DE81 6725 0020 0024 361071, BIC: SOLADES1HDB. vw

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