Festhalle - Maximal 84 Besucher sind in der Spielstätte zugelassen Kleinkunst vor einem ganz kleinen Kreis?

Von 
Ralf Strauch
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Brühl. „Das schmerzt wirklich“, sagt der Brühler Kulturbeauftragte Jochen Ungerer und schaut sich in der Festhalle um. Probeweise hat er zusammen mit Mitarbeitern die Stühle im Saal so aufgestellt, wie es in Corona-Zeiten mit ihrer Abstandsregelung maximal zulässig ist. Statt der normal knapp 400 Plätze bietet die Festhalle so nur noch 84 Besuchern die Möglichkeit, am Kulturprogramm teilzunehmen – „das sind weniger als in normalen Zeiten in die Villa Meixner passen“, sagt Ungerer und schüttelt den Kopf. Publikum, Künstlern und Institutionen dürften da keine leichten Zeiten bevorstehen.

Mehr geht nicht: Jochen Ungerer, Kulturbeauftragter der Gemeinde Brühl, überprüft die Abstände bei der Bestuhlung für Kulturveranstaltungen in der Festhalle mit einer entsprechend zugesägten Holzlatte. © strauch
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Und so plant der Kulturbeauftragte seine Veranstaltungen im Herbst bereits um. Künstler, die eigentlich das intime Ambiente der Jugendstilvilla für ihren Auftritt nutzen wollten, werden jetzt angefragt, ob sie in die Festhalle umziehen wollen. Das bedeutet, statt des engen Kontaktes mit dem Publikum wird vor sehr, sehr lichten Stuhlreihen aufgetreten.

Bei den großen Kleinkunstabenden, die in der Festhalle geplant waren, weiß Ungerer noch gar nicht, wie er die verfahrene Situation lösen kann. „Bei den Spitzklickern habe ich von der ersten abgesagten Veranstaltung noch 170 Karten verkauft“, sagt er, „die Leute kann ich jetzt noch nicht einmal alle bei zwei Auftritten in der Festhalle unterbringen“.

Und so treibt es ihm die Sorgenfalten auf die Stirn, wenn er daran denkt, welch tolles Kleinkunstprogramm sein Vorgänger Lothar Ertl und er in Brühl etabliert haben. „Das steht jetzt alles auf der Kippe“, sagt er.

Kulturangebot stützt Wirtschaft

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Dabei geht es nicht nur darum, die Menschen gut zu unterhalten, denn hinter dem Kulturprogramm stünden jede Menge zusätzliche Arbeitsplätze von den Tontechnikern über das Hotellerie- und Gastgewerbe bis hin zu den Taxiunternehmen. „Rechnet man das alles zusammen, ist die Kulturarbeit für Deutschland systemrelevanter als fast alle anderen Branchen bis hin zur Automobilindustrie“, bilanziert Ungerer im Gespräch mit unserer Zeitung.

Und dann gerät der Rathausmitarbeiter noch stärker ins Grübeln. Lassen sich die 84 Karten pro Veranstaltung überhaupt verkaufen? Will das Publikum mit Maske durchs Foyer hasten, um schnell die luftig verteilten Plätze aufzusuchen? Geht es, das Programm drei- bis viermal für die vorgeschriebenen Lüftungspausen zu unterbrechen – freilich ohne Bewirtung der Besucher? Zur Verringerung der Aerosol-Belastung in Sälen und Innenräumen werden solche ergänzende Konzepte empfohlen. Zudem sollen Kontaktdaten von Besuchern zur Nachverfolgung bei Erkrankungen gespeichert werden. Jeder Toilettengang müsse reguliert werden.

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Und wollen die Künstler vor einem dünnbesetzten Auditorium auftreten? „Insbesondere solche Künstler wie Jörg Knörr oder Christian Habekost, die es meisterlich verstehen, mit dem Publikum auf Tuchfühlung zu gehen und zu interagieren, blicken hier und jetzt auf einen fast leeren Saal“, stellt sich Ungerer vor.

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Und wie sollen bei so wenig Besuchern die Gagen der Künstler bezahlt werden? „Zum Glück sind wir ja kein Wirtschaftsunternehmen, das davon leben muss“, stellt Ungerer lapidar fest und bedauert die selbstständigen Kulturschaffenden – auch die Künstler, denen seit Monaten der Lohn für ihre Arbeit und damit oft die wirtschaftliche Existenz wegbricht.

Die Krise bedeute einen tiefen und weitreichenden Einschnitt in ihre künstlerischen Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Es werde auch in Zukunft durch die Schutzmaßnahmen hohe Einnahmeverluste geben.

Testballon geht an den Start

Um die noch offenen Fragen zu beantworten, möchte Ungerer einen Testballon starten. Er plant einen Künstler aus der Villa Meixner in der Festhalle auftreten zu lassen, um zu sehen, ob es möglich ist, den Auflagen der Krise zum Trotz und ohne gesellige Plauschmöglichkeiten in der Pause einen möglichst unterhaltsamen Abend für die Besucher zu gestalten. „Ich weiß aber noch nicht, wie wir das bewerkstelligen sollen“, zeigt sich der ansonsten stets optimistische Kulturbeauftragte nun fast schon resigniert.

Und Jochen Ungerer hat noch mehr schlechte Nachrichten: Der Herbst- und der Weihnachtsmarkt werden abgesagt, sollten sich nicht die Vorgaben noch absolut grundlegend ändern – womit der Kulturbeauftragte allerdings nicht wirklich rechnet. „Auf diesen Märkten rund um die Villa Meixner herrscht in normalen Jahren so ein Gedränge, dass im Zusammenhang mit Corona an Abstandsregelungen gar nicht zu denken ist.“

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