75 Jahre Kriegsende - Der NSDAP-Bürgermeister Kammerer wird interniert / Keßler wird von den Amerikanern als Nachfolger bestimmt Mangelverwaltung prägt das Amt

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Ralf Strauch
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Das Bild zeigt die Brühler Hauptstraße im Jahr 1937 von der Schwetzinger Straße aus gesehen. Auf der linken Seite das erste Gebäude ist das Rathaus, rechts der Bildmitte ist der markante Turm der Schutzengelkirche zu erkennen. © Gemeindearchiv

Brühl. Sie rückten von Rheinau aus über die Rheinwiesen Richtung Rohrhof vor. Doch auf wirklichen Widerstand stießen die Soldaten der Sondereinheit „TF Chamberlain“ der zehnten US-Panzerdivision nicht, als sie an Karfreitag, 30. März 1945, in die Hufeisengemeinde einmarschierten – Brühl wurde kampflos genommen, wie es in den Militärberichten hieß. Der Ort zählte damals rund 5000 Menschen. Und die konnten sich glücklich schätzen, dass zum lokalen Ende des Zweiten Weltkriegs kaum Zerstörungen zu beklagen gewesen sind. Brühl war noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.

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Kaum war der Ort von den Soldaten besetzt, gingen die Amerikaner unverzüglich daran, die Überreste des sogenannten Dritten Reiches aus dem Weg zu räumen. Überall enthoben sie die von den Nationalsozialisten eingesetzten Bürgermeister ihrer Ämter. Sie übertrugen die Verwaltungsaufgaben politisch unbelasteten Bürgern, die die Vorgaben der Militärregierung mit ihren Verwaltungen umzusetzen hatte.

So verlor auch Karl Kammerer sein Amt und seine Freiheit. Er war 1934 ins Rathaus eingezogen, nachdem sein Vorgänger Valentin Eder zum „freiwilligen Rücktritt“ veranlasst worden war. Und obwohl der leitende Mitarbeiter eines Industrieunternehmens auch der Ortsgruppenleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gewesen war, bescheinigen ihm Zeitzeugen, dass er „kein schlimmer Nazi“ gewesen sei. Im Gegenteil wird er oft als sachlich und menschlich rücksichtsvoll geschildert. Dennoch wurde er von den Alliierten wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP und seiner politischen Rolle in der Gemeinde nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes zweieinhalb Jahre lang in Ludwigsburg interniert.

Der Pfarrer gibt den Ausschlag

Wer sollte den Chefsessel im Rathaus nun übernehmen? Zunächst einmal führt wohl der damalige Amtsschreiber Ludwig Schnepf die kommunalen Geschäfte weiter – sofern es überhaupt etwa zu entscheiden gab. Währenddessen wurde ein neuer Bürgermeister gesucht. Und dazu wandten sich die Amerikaner – eventuell auch stellvertretend für sie der von ihnen eingesetzte Landrat Karl Geppert, das ist historisch noch unklar – an den katholischen Pfarrer von Brühl, Johannes Beykirch. Und der empfahl seinen Stiftungsrat und früheren Gemeinderat der Deutschen Zentrumspartei, Wilhelm Keßler, für diese Aufgabe.

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Der vom Seelsorger ins Gespräch gebrachte Mann lehnte allerdings zunächst ab, wollte nicht Bürgermeister werden. Ob das an seiner Bescheidenheit lag, die ihm nachgesagt wurde, oder daran, dass er die großen Schwierigkeiten sah, die er als Rathauschef zu meistern hatte, ist heute nicht mehr zu klären. Doch sicher ist, dass er später durch gutes Zureden seiner Familie schließlich doch noch den Schritt wagte und die Berufung zum Bürgermeister annahm.

Keßler stammte aus Neckarau und war erst 1909 nach Brühl gezogen. Im Ort fand er schnell Anschluss in der katholischen Kirchengemeinde, war er doch schon Mitglied des Neckarauer Gesellenvereins gewesen, erinnert sich sein heutiger Amtsnachfolger Dr. Ralf Göck im „Heimatbuch“. Er überzeugte seine Mitchristen derart, dass er schon bald in wichtige Funktionen gewählt wurde, so kümmerte er sich auch um die Finanzen der Pfarrgemeinde. Und als grundkonservativer Mann engagierte er sich auch in der Zentrumspartei, wurde in der Weimarer Zeit über ihre Liste in den Gemeinderat gewählt.

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Und nun war er Bürgermeister. „In der unmittelbaren Nachkriegszeit war das Amt mehr Mangelverwaltung als alles andere“, fasst Göck rückblickend zusammen. Gleichwohl habe Keßler schon klare Linien entwickelt, wie sich die Gemeinde weiterentwickeln könnte. Vor allem in einem Zusammenwachsen von Brühl mit der Nachbargemeinde Ketsch sah er großes Potenzial und plante sogar schon mit seinem dortigen Kollegen ein gemeinsames Schwimmbad. Doch der Alltag bestand vor allem darin, Wohnraum für US-Soldaten, Ausgebombte und Heimatvertriebene zu beschlagnahmen sowie Bezugsscheine für die Bevölkerung auszustellen. Dabei habe Keßler immer viel Sinn für Gerechtigkeit bewiesen, wird ihm von Zeitzeugen zugutegehalten.

1948 wurde er abgewählt

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Keßler setzte sich auch dafür ein, dass die Internierten aus dem Lager Ludwigsburg wieder zurückkehren durften – zu ihnen gehörte auch sein späterer Amtsnachfolger Alfred Körber. Ausgerechnet Körber war es, dem Keßler 1948 bei der ersten Bürgermeisterwahl der Nachkriegszeit unterliegen sollte. Keßler hatte keinen Wahlkampf betrieben, weil er davon ausgegangen war, die Brühler würden seinen großen Einsatz in den Monaten zuvor zu würdigen wissen.

Doch da hatte sich der engagierte Mann offensichtlich verrechnet. Vielleicht wurde ihm zur Last gelegt, dass er in seiner Funktion zahlreiche Wohnungen beschlagnahmen musste, um Einquartierungen vorzunehmen. Oder seine Mitbürger erinnerten sich daran, dass bei Razzien gegen Hamsterer die beschlagnahmte Ware in Keßlers Haus untergebracht worden war – er wurde von manchen Nachbarn als Büttel der Besatzer gesehen

Doch auch trotz dieser Wahlniederlage arbeitet Keßler auch in den Folgejahren als CDU-Gemeinderat kommunalpolitisch engagiert für seine Gemeinde weiter.

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