Im Interview - Lars Kunitsch ist beim Jugendhilfeverein Postillion für den Bereich der Schulsozialarbeit zuständig / Internationaler „Behaupte dich gegen Mobbing“-Tag „Mobbing bringt tiefe Narben auf der Seele“

Von
Ralf Strauch
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Jedes dritte Kind in Deutschland leidet unter Mobbing – sei es als tatsächlich Betroffener oder aus Angst davor, Opfer zu werden. Das beinhaltet im Schulalltag nicht selten auch körperliche Gewalt. © picture-alliance / gms

Brühl. Etwa jeder sechste Schüler erlebt in seiner Kindheit und Jugend eine Form von Mobbing, wird von Gleichaltrigen drangsaliert und gedemütigt. An diesem Montag, 22. Februar, ist internationaler „Behaupte dich gegen Mobbing“-Tag. Weltweit rufen Organisationen dann dazu auf, Mobbing nicht mitzutragen und stattdessen dagegen anzugehen. Wir sprachen darüber mit Lars Kunitsch (51), der die Schulsozialarbeit des Jugendhilfevereins Postillion verantwortlich leitet. Seine Mitarbeiter sind auch an den drei Brühler Schulen tätig.

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Was genau ist Mobbing?

Hintergrund: Mobbing in Zahlen

Der Verein „Zeichen gegen Mobbing“ schätzt, dass jeder zweite Fünftklässler in der Schule von Gewalt betroffen ist.

Verbale Mobbingaktivitäten sind aber bedeutend häufiger als körperliche Formen, so die Studie von „Zeichen gegen Mobbing“.

Jugendliche, die mobben, sind besonders häufig in den Klassen sechs bis zehn zu finden.

16 Prozent der Schüler sind laut Studie von Mobbing betroffen.

Mobbing unter Kindern und Schülern findet zu 80 Prozent innerhalb der Schule statt.

Mobber stammen zu 50 Prozent aus der Klasse der Betroffenen.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt, dass jedes dritte Kind in Deutschland unter Mobbing leidet – sei es als tatsächlich Betroffener oder aus Angst davor, gemobbt zu werden.

In 25 Prozent der Fälle dauert Mobbing länger als ein halbes Jahr an.

In zehn Prozent der Fälle tritt Mobbing nahezu täglich auf.

Lars Kunitsch: Mobbing gibt es in vielfacher Form. Wichtig ist aber die Definition von Mobbing – der Begriff wird ganz oft inflationär verwendet. Einer ärgert den anderen und schon heißt es: Mobbing. Mobbing ist aber etwas zielgerichtetes, das über einen langen Zeitraum stattfindet und darauf aus ist, den anderen zu schädigen. Das kann sowohl körperlich als auch psychisch sein. Das kann vom bewussten Ausgrenzen bis zu dauernden Aktionen in den sogenannten Sozialen Netzwerken gehen.

Hat Mobbing im Vergleich zu früheren Jahren zugenommen?

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Kunitsch: Prinzipiell hat Mobbing zugenommen. Aber es gibt erst seit wenigen Jahren entsprechende Untersuchungen. Insofern ist unklar, was früher schon vorhanden war. Übrigens meinen viele, dass der Bereich durch die Sozialen Netzwerke extrem zugenommen habe. Dem ist aber nicht so. Vielmehr ist zu erkennen, dass denjenigen, die im Alltag gemobbt werden, das auch zusätzlich über diese Medien geschieht. Das tatsächliche Mobbing im direkten Miteinander ist deutlich häufiger als das über den digitalen Weg.

Welchen Anteil hat die Thematik bei der Schulsozialarbeit?

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Kunitsch: Es ist der Alltag unserer Mitarbeiter.

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Auch in den Grundschulen?

Kunitsch: Da inzwischen auch, allerdings noch deutlich weniger als an weiterführenden Schulen. Aber es wird auch dort immer häufiger.

Sorgt die Anspannung durch die Corona-Krise für mehr Mobbing?

Kunitsch: Das kann man jetzt noch nicht sagen, das wird die Zukunft zeigen und muss erst noch untersucht werden. Es kann sein, dass es zurückgeht, dass man es nur nicht mitbekommt oder dass es zunimmt.

Gibt es typische Opfer?

Kunitsch: Jein. Man hat ja die Vorstellung, dass bestimmte Menschentypen prädestiniert seien. Das trifft teilweise auch zu. Jemand, der eher ruhig ist, der ängstlicher auftritt und sich nicht wehrt, könnte typischerweise Mobbing erfahren. Das stimmt aber nur in gewisser Weise. Die Rollenverteilungen sind manchmal reine Zufallsprodukte – es kann da jeden treffen. Manchmal fokussiert sich die Gruppe auch auf jemanden, ohne dass man sagen kann, dass er irgendwelche besonderen Merkmale hätte.

Und wie sieht es bei Tätern aus?

Kunitsch: Man sieht oft, dass es ein, zwei Rädelsführer gibt. Aber das ganz große Problem sind die, die drumherum stehen, die eine Gruppe um die eigentlichen Mobber bilden. Dieser Kreis wird oft immer größer. Der Grund dafür ist die Angst des Einzelnen, plötzlich auch in die Rolle des Gemobbten zu rutschen. Deswegen ist es wichtig bei einer Mobbingproblematik, dass man das aufdröselt, dass die Hauptmobber plötzlich isoliert sind. Diese ein, zwei Personen im Zentrum wird man nicht ändern können – die wird es immer geben. Aber was man ändern kann, ist die große Gruppe außenrum.

Wie wird da vorgegangen?

Kunitsch: Zunächst wird mit denen gesprochen, die Mobbing erfahren, um gemeinsam eine Vorgehensweise festzulegen. Was wünscht sich der Gemobbte? Und wenn mit denen gesprochen wird, die Mobbing ausführen, muss ganz klar signalisiert werden: Wir dulden dieses Verhalten nicht mehr und es muss entsprechende Konsequenzen geben. Schulsozialarbeit geht aber auch präventive Wege. Dabei soll sichtbar gemacht werden, dass Sachen, die für den einen Spaß sind, für den anderen bereits eine Qual bedeuten – da ist die Wahrnehmung oft ganz unterschiedlich.

Wie sollten sich Opfer verhalten?

Kunitsch: In jedem Fall sollten Schüler Erwachsene zu Hilfe holen, weil es sonst immer schlimmer wird. Man kommt da nicht allein raus – übrigens auch Erwachsene nicht. Das ist ohne Hilfe von außen nicht zu leisten. Und Schulsozialarbeit ist da für Kinder und Jugendliche ein hervorragender Ansprechpartner.

Welche Spätfolgen hat Mobbing für die Opfer?

Kunitsch: Es bringt tiefe Narben auf der Seele. Die psychischen Folgen sind ganz stark. Einige Menschen werden depressiv, andere werden aggressiv. Es ist auch ein wirtschaftspolitisches Problem, weil solche als Jugendliche Gemobbten wegen der extremen Langzeitfolgen teilweise später dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen.

„Stark ins Neue“ macht kostenlose Unterstützungsangebote

Das Trainerteam von „Stark ins Neue“ möchte mit der Initiative „Gemeinsam gegen Mobbing“ am Aktionstag Tausende von Kindern und Eltern in kostenfreien, ebenso unterhaltsamen wie informativen Online-Veranstaltungen stark im Kampf gegen Mobbing machen. „Denn Mobbing ist ein individuell gefühlter Prozess, dem Kinder und Erwachsene durch Selbstwirksamkeit entgegentreten können“, erklärt Margarete Wolf, Resilienz-Trainerin aus Berlin und Initiatorin des Events.

Dieses Grundverständnis, zugleich aber auch Lösungsansätze und hilfreiche Werkzeuge, möchte sie gemeinsam mit rund 200 weiteren Selbstbehauptungs- und Resilienz-Trainern am Aktionstag Kindern und Eltern vermitteln. Die gemeinsame Mission: Kinder mental stark zu machen und so Mobbing in Zukunft die Basis zu entziehen. Dafür lädt das Trainer-Netzwerk, das sich unter „Stark ins Neue“ zusammengefunden hat, am internationalen „Behaupte dich gegen Mobbing-Tag“ zu einem kostenlosen Online-Event ein.

In digitalen Einzelveranstaltungen führen sie Kinder ab fünf Jahren dabei näher an das Thema Gefühle und einen positiven Umgang damit heran. Zusätzlich geht es in den Kurztrainings um den Umgang mit Energiefressern – gerade in schweren Zeiten. Denise Townsend-Hoffmann aus Hockenheim, die sich ebenfalls an der Aktion beteiligt, will den Kindern einen Lichtblick und Energiekick geben und ihre Durchhaltekraft besonders in Corona-Zeiten stärken.

Interaktive Vorträge für Eltern und Pädagogen am Abend des Aktionstages komplettieren das Angebot von „Stark ins Neue“. Townsend-Hoffmanns kostenfreies Kindertraining findet an diesem Montag, 22. Februar, von 16 bis 16.45 Uhr statt, die Eltern sind um 19 Uhr eingeladen. Alle Details zur kostenfreien Veranstaltung unter www.eventbrite.de/e/140532395177. Eine Anmeldung ist auch kurzfristig noch möglich. Einen Überblick über das Gesamtprojekt ist unter www.starkinsneue.de erhältlich. zg/ras

Hintergrund: Schulsozialarbeit

Schulsozialarbeit bildet eine Brücke zwischen Schule, Familie, Angeboten der Jugendhilfe und Gemeinwesen.

Das Ziel ist, Kinder in ihrer sozialen Entwicklung positiv zu begleiten und ein Schulklima zu unterstützen, in dem sich alle Beteiligten wohlfühlen.

Sie steht allen Kindern, Lehrkräften und Eltern offen.

Sie macht Klassen auch Angebote zur Stärkung sozialer Kompetenzen, insbesondere der Kommunikations- und Konfliktfähigkeit.

Die Schulsozialarbeit in der Schillerschule betreut Cornelia Wolf, Telefon 0176/12 01 37 57.

In der Jahnschule ist Friederike Rapp, Telefon 0176/12 01 37 60, die Schulsozialarbeiterin.

Schulsozialarbeiter an der Dönhoffschule ist Sebastian Köppe, Telefon 0176/12 01 38 77. ras

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