Gerichtsverfahren - 53-Jährigem tut Tat an seiner 81-jährigen Mutter leid / 3,3 Promille im Blut Staatsanwalt fordert fünfeinhalb Jahre Haft

Von 
Volker Widdrat
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Brühl. Im Prozess vor der Strafkammer des Landgerichts gegen einen 53-jährigen Brühler, dem die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung an seiner Mutter vorwirft (wir berichteten), wurden am Montagvormittag die Schlussvorträge gehalten.

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Vorher hörte das Schwurgericht unter dem Vorsitzenden Richter Gerd Rackwitz noch die Sachverständige Dr. Ann-Katrin Kröll von der Rechts- und Verkehrsmedizin des Uniklinikums Heidelberg. Die 81-Jährige sei bei der brutalen Attacke mit einem Gummihammer der „massiven Gewalteinwirkung“ ausgesetzt gewesen. Sie habe Brüche der Augenhöhle und des Wangenknochens erlitten. Zahlreiche Hämatome, unter anderem unterhalb des Schlüsselbeins, an den Armen und den Beinen sowie an den Lendenwirbeln rührten von „stumpfer Gewalt“ her. So seien zahlreiche Hautabschürfungen und Abdrücke des Tatwerkzeugs zu erkennen gewesen. Das Gericht nahm zu den Ausführungen der Fachärztin auch Bilder in Augenschein. Die multiplen Verletzungen der 81-Jährigen, die unter Schock auf der Intensivstation gelegen hatte, hätten auf eine „konkrete Lebensgefahr“ schließen lassen. Glücklicherweise sei es nicht zu Hirnblutungen gekommen, so die Rechtsmedizinerin.

Der Vorsitzende verlas ein forensisch-toxikologisches Gutachten. Bei dem Angeklagten seien keine Drogen festgestellt worden. Der daktyloskopische Untersuchungsbericht des Landeskriminalamtes habe dem 53-Jährigen eindeutig den Gummihammer als Tatwerkzeug zugewiesen. Ein 32-jähriger Kriminalbeamter berichtete der Kammer von den ersten Ermittlungen am Tatort in der Wohnung in Brühl. Der Angeklagte habe psychisch angegriffen gewirkt und sich über seine vorläufige Festnahme beschwert. Die Mutter habe gesagt, ihr Sohn würde sie „abgöttisch lieben“ und habe „das alles nicht gewollt“.

Alkohol schon im Schulalter

Gutachterin Andrea Haarnagel vom Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch hatte den seit der Tat in Untersuchungshaft sitzenden Angeklagten untersucht. Der 53-Jährige habe schon im Schulalter einen „gehörigen Alkoholkonsum“ gehabt. Im späteren Berufsleben habe er bis zu einer Flasche Whisky und zwei Flaschen Wein täglich getrunken. Nach dem Tod seines Lebensgefährten habe er dann ein „wahlloses Trinkverhalten“ gezeigt, dabei seien allmählich optische Halluzinationen sowie eine zeitliche und örtliche Desorientierung hinzugekommen. Der 53-Jährige sei eigentlich ein medizinischer Notfall gewesen, sah die Fachärztin für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie bei ihm sämtliche von der Weltgesundheitsorganisation diagnostizierte Kriterien für eine behandlungsbedürftige Alkoholsucht erfüllt.

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Er habe zum Tatzeitpunkt 3,3 Promille gehabt und sich in einem schweren Rauschzustand befunden. Die Kammer könne von einer erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit ausgehen, eine alkoholbedingte psychotische Störung liege dagegen nicht vor. Die Unterbringung in einer Entzugsklinik sei dringend geboten, ohne therapeutische Hilfe komme der 53-Jährige nicht mehr zu einer abstinenten Lebensführung.

Oberstaatsanwalt Peter Lintz verwies auf das erschreckende Bild bei der „unfassbaren Tat“ gegen die Mutter. Der Angeklagte sei komplett ausgerastet und habe der 81-Jährigen lebensgefährliche Verletzungen zugefügt: „Er wollte sie wirklich umbringen.“ Das versuchte Tötungsdelikt und die vollendete Körperverletzung täten dem 53-Jährigen sichtlich leid, forderte der Anklagevertreter eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten und beantragte die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

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Verteidiger Michael Eichin stellte die Frage, warum die brutale Attacke überhaupt passieren konnte. Sein Mandant habe keine Erinnerung mehr und sei bis zur Tat immer hilfsbereit, freundlich und fürsorglich gegenüber seiner Mutter gewesen. Ein direktes Motiv sei nicht ersichtlich, eine Schuldunfähigkeit nicht auszuschließen. Er sehe eher einen vorsätzlichen Vollrausch und bat das Gericht auch so zu urteilen.

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„Ich bin sehr froh, dass ich meine Mutter nicht getötet habe“, sagte der 53-Jährige in seinem letzten Wort. Er habe eine unverzeihliche Tat begangen. Er brauche dringend Hilfe, um aus der Sucht rauszukommen. Eine Therapie sei erfolgversprechend, danach wolle er gerne seine Mutter „bis an ihr Lebensende unterstützen“. Die 81-Jährige hatte ihren Sohn Anfang August in der Justizvollzugsanstalt besucht.

Das Urteil fällt die Strafkammer des Landgerichts am Donnerstag, 15. August, um 11 Uhr.

Freier Autor Volker Widdrat ist freier Mitarbeiter.