Im Interview - BdS-Vorstand Andreas Henschel spricht über die Stimmung in Eppelheim / Gewerbe, Handel, Handwerk und Dienstleister leiden unter der Corona-Krise „Die meisten verstehen den Ernst der Lage“

Von 
Sabine Geschwill
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In diesem Reisebüro in Eppelheim steht im Fenster: „Wir sind für unsere Kunden da! Und zählen auf euch nach Corona!“. Reisen sind derzeit nicht möglich – ein Problem für das Geschäft. © Geschwill

Eppelheim. Seit 2003 ist Andreas Henschel (kleines Bild) Vorsitzender des örtlichen Bundes der Selbständigen (BdS). Der selbstständige Versicherungskaufmann mit eigener Allianz-Generalagentur ist erster Ansprechpartner bei Problemen und Fragen und trägt die Verantwortung für die 75 Mitgliedsbetriebe in Eppelheim. Unsere Zeitung sprach mit dem 49-jährigen BDS-Chef über die Auswirkungen der Corona-Krise und die Stimmung bei Gewerbe, Handel, Handwerk und Dienstleistern vor Ort.

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Herr Henschel, als Vorsitzender des örtlichen BdS-Gewerbeverbandes ist man immer erster Ansprechpartner für die Mitgliedsbetriebe, wenn es irgendwo Probleme gibt. Wie sieht das jetzt in der Corona-Krise aus?

Andreas Henschel: In erster Linie versuche ich jetzt schnell die wichtigsten Informationen in Bezug auf die Soforthilfen und spezielle Infos zur Corona-Krise für unsere Selbstständigen per E-Mail an alle zu kommunizieren. Ich stehe hier auch im engen Austausch mit unserer Bürgermeisterin Patricia Rebmann.

Wie viele Anfragen und Hilferufe mussten Sie in den letzten Tagen aufgrund der weitreichenden Corona-Beschränkungen und Geschäftsschließungen seitens Ihrer Mitglieder bearbeiten?

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Henschel: Direkt kam im Moment keiner auf mich zu. Allerdings hatte ich sehr früh die Möglichkeit, aus meinem Netzwerk die wichtigsten Informationen vorab zu übermitteln. Aufgrund meiner frühen Kommunikation habe ich auch schon von vielen ein Feedback bekommen, dass diese Informationen schon sehr weitergeholfen haben.

Wie ist denn derzeit die Stimmung bei den Geschäftsinhabern, Handwerkern, Dienstleistern und Gewerbebetrieben in der Stadt Eppelheim?

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Henschel: Natürlich sehr bedrückend, da die Ungewissheit, wie es weitergeht, an erster Stelle steht.

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Welche Branchen leiden Ihrer Meinung nach derzeit am meisten?

Henschel: Das sind Gastronomie, Einzelhändler mit Ausnahme des Lebensmittelhandels, Reisebüros, aber auch viele andere. Ich höre, dass die Kunden erstmal ihre Aufträge zurückziehen oder verschieben. Das macht die Sache noch schwieriger und unberechenbar.

Wird es Ihrer Meinung nach in Eppelheim Firmen, Geschäfte oder Branchen geben, die diese Krise, ausgelöst durch Corona, nicht überleben werden?

Henschel: Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube, dass es viele treffen wird. Selbst nach der Krise läuft das System langsam an und die Menschen haben wahrscheinlich größere Probleme, als gleich daran zu denken, welche Reise sie in Zukunft machen oder welches Produkt sie sich jetzt gönnen möchten.

Wer dürfte Ihrer Meinung nach die Corona-Auswirkungen fast unbeschadet überstehen und wer nicht?

Henschel: Die Regierung tut derzeit alles, um jedem helfen zu können, und ich denke, dies ist erstmal das wichtigste Signal.

Sie sind in der Versicherungsbranche tätig. Gibt es eine Art „Corona“-Versicherung oder eine Versicherung, die Unternehmen in einer solchen Ausnahmesituation finanziell entschädigt?

Henschel: Der Fall stellt sich hier sehr schwierig dar. Eine Pandemie ist in der Regel nicht versichert. In der Sachversicherung müsste immer ein versicherter Sachschaden vorliegen, der in diesem Fall nicht zutrifft. Leider gibt es wohl immer noch Vermittler, die den Leuten erzählen, es gäbe auch jetzt noch eine Betriebsschließungsversicherung dafür.

Empfanden Sie die Maßnahmen der Stadt im Kampf gegen die schnelle Ausbreitung des Corona-Virus als zu extrem oder hätten Sie sich viel früher Einschränkungen gewünscht?

Henschel: Unsere Bürgermeisterin Frau Rebmann hat hier schnell reagiert und eine offene Informationspolitik gefahren. Das nenne ich schnelles Krisenmanagement. Man kann es nicht jedem recht machen, aber ich stehe voll hinter den Entscheidungen von Patricia Rebmann. Es sind außergewöhnliche Zeiten in einer außergewöhnlichen Krise.

Haben Sie damit gerechnet, dass diese Ausnahmesituation das öffentliche Leben fast zum Erliegen bringt und zu Schließungen von Geschäften und Betrieben führen wird?

Henschel: Ich habe bereits im Januar vermutet, dass sich das Problem von China aus ausbreiten würde. Dazu gibt es viele Studien und Szenarien. Die Antwort findet sich auch in der globalisierten Überflussgesellschaft und dem leider auch vorhandenen Egoismus. Dadurch sind die jetzigen Maßnahmen auch verständlich.

Sie haben einen guten Kontakt zu Ihren Mitgliedsbetrieben und der Geschäftswelt. Wie verständnisvoll reagierten die Geschäfte auf die Anordnungen zur Schließung?

Henschel: Die meisten verstehen den Ernst der Lage! Ich war schon viel auf dieser Welt unterwegs und wir haben in unserer Gesellschaft viele, die sich ständig beschweren. Ich finde, unsere Regierung macht das gut, man sollte sich immer selbst fragen, ob man in dieser Situation diese Verantwortung haben und Entscheidungen treffen möchte. Es gibt immer ein richtig oder falsch. Ich jedenfalls bin sehr froh, in Deutschland zu leben.

Was müsste nach Ihrer Meinung getan werden, um in Zukunft solche Ausnahmesituationen besser meistern zu können?

Henschel: Wir meistern diese Krise und ich hoffe, dass ein gewisses Umdenken in verschiedenen Bereichen folgt und auch jeder Einzelne darüber nachdenkt, was er künftig verbessern kann. Wie sagt man so schön: Aus Fehlern lernt man?!

Eine Krise kann auch als Chance gesehen werden: Können Handel, Gewerbe, Dienstleister und Handwerk etwas aus der Krise lernen?

Henschel: Ja, ich denke schon. Die Globalisierung ist nicht mehr wegzudenken, aber man könnte sie verschärft regulieren und auch viele Produkte in unserem Land herstellen, um eventuelle Engpässe zu vermeiden. Der Einzelne sollte nicht immer nur nach dem Prinzip ‚Hauptsache billig’ einkaufen gehen. Geiz ist eben nicht immer geil!

Können Sie sich vorstellen, dass gewisse Hygienevorschriften und Verhaltensregeln wie Abstand halten an der Supermarktkasse auch künftig im Handel und in den Betrieben beibehalten werden?

Henschel: Ja, und das fände ich sogar sehr gut.

Gibt es Projekte oder Termine des BdS Eppelheim, die durch Corona jetzt auf Eis liegen?

Henschel: Im Moment gibt es keine Termine, die verschoben werden müssen. Man muss jetzt abwarten, wie sich alles entwickelt und dann vernünftig handeln. Es kann alles nachgeholt werden. Die Gesundheit ist das höchste Gut und muss in einer solchen Zeit einfach Vorrang haben.

Wenn seitens der Gesetzgeber alle Beschränkungen wieder aufgehoben werden, wie lange wird es Ihrer Meinung nach dann dauern, bis wieder Normalität bei den Geschäften und Firmen eintreten wird und der Verkauf und die Produktion wieder „normal“ laufen werden?

Henschel: Das ist von Branche zu Branche sehr verschieden, aber viele müssen sich darauf einstellen, dass der Vollgashebel nicht sofort umzulegen ist.

Freie Autorin Ich bin seit 1995 als freie Journalistin und Fotografin für die Schwetzinger Zeitung im Einsatz und betreue dabei hauptsächlich den Lokalbereich Eppelheim.