Arbeiten in Corona-Zeiten - Palliativfachkraft Manuel Kahl betreut Menschen mit verkürzter Lebenserwartung / Das Familienessen fällt für ihn derzeit flach Für seine Patienten schränkt er sich ein

Von 
Sabine Geschwill
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Eppelheim. Sein Beruf hat es in sich – nicht nur in Zeiten von Corona! Denn Manuel Kahl ist Palliativfachkraft und arbeitet seit zwei Jahren bei der häuslichen Palliativversorgung „Aki“ in Heidelberg. Der Tod gehört für den 29-Jährigen zu seinem Arbeitsleben.

Manuel Kahl arbeitet als Palliativfachkraft und betreut Patienten in der ganzen Region – zu Hause ist er mittlerweile in Eppelheim. © Geschwill
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Der Eppelheimer, der seit 2007 in der Pflege tätig ist, kümmert sich um Schmerzpatienten und Menschen mit verkürzter Lebenserwartung. Er begleitet sie in ihrer letzten Lebensphase. Damit ermöglicht er Schwerstkranken, für die in den Kliniken nichts mehr getan werden kann, eine individuelle und fürsorgende medizinische und pflegerische Betreuung in ihrem häuslichen Umfeld.

Im Schnitt besucht er im Umkreis von 30 Kilometern etwa fünf Patienten am Tag und gibt ihnen die Lebensqualität, die sie sich auf ihrem letzten Weg wünschen, und kümmert sich auch umfassend um die Angehörigen. Die Ausbreitung des Coronavirus macht ihm Sorgen. „Meine Patienten sind immer Risikopatienten. Für sie wäre schon eine handelsübliche Grippe schlecht“, weiß er.

Daher achtet Manuel Kahl sowohl im Beruflichen als auch im Privaten penibel darauf, sich möglichst nirgends mit dem Coronavirus anzustecken, und verzichtet in diesen Zeiten auf vieles, um seine Patienten nicht zu gefährden. Er nimmt sich zu Herzen, was eine seiner hochbetagten Patientinnen kürzlich zu ihm sagte: „Junger Mann, wir hatten damals unseren Krieg. Das ist jetzt Ihr Krieg, den Sie gegen einen unsichtbaren Feind zu führen haben.“

Jeden Tag ein Lagebericht

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Beruflich hat sich, seit das Coronavirus Deutschland erreicht hat, vieles für Manuel Kahl geändert. „Das Krisenmanagement ist bei uns sehr gut“, lobt er seinen Arbeitgeber. „Wir erhalten jeden Tag per Mail einen Lagebericht und werden über den Stand der Corona-Maßnahmen informiert.“ Für den Fall, dass nun bald auch Corona-Infizierte zu seinen Patienten gehören, steht ihm mit einem Vollschutzanzug samt Visier und Schutzmaske entsprechende Schutzkleidung zur Verfügung.

„Die trage ich aber nur bei Corona-positiv getesteten Patienten“, erklärt er. Ansonsten reichen Mundschutz und medizinische Handschuhe. In seinem beruflichen Alltag hat sich einiges im Ablauf verändert. Vor Corona kamen morgens alle zu Dienstbeginn im Seminarraum des Aki-Pflegestützpunkts in Heidelberg zusammen. Dort erfolgten Besprechung und Patientenübergabe. „Das entfällt nun komplett, um Kontakte zu reduzieren“, erzählt er.

Start von zu Hause aus

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Stattdessen bekommt seither jede Palliativfachkraft per E-Mail oder Telefon die Patienten zugewiesen, die sie an dem Tag zu besuchen hat. „Wir starten jetzt mit dem Dienstauto direkt von zu Hause aus und haben unsere Hausbesuche so gelegt bekommen, dass sie möglichst nah am Wohnort der Pflegefachkraft sind“, informiert Manuel Kahl.

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Der 29-Jährige, der zur beruflichen Weiterbildung zusätzlich zu seiner Tätigkeit ein Fernstudium im Bereich Gesundheits- und Sozialmanagement an der Hamburger Fern-Hochschule begonnen hat, ist jetzt vorwiegend in Schwetzingen, Plankstadt, Eppelheim, Leimen und Heidelberg unterwegs. Im Bedarfsfall kann er bei Patienten auch per Videochat schauen, ob beispielsweise eine Wundheilung gut vorangeht oder ob ein Versorgungsbesuch notwendig ist.

Seinen geplanten Urlaub hat er extra um vier Wochen vorgezogen und Ende März genommen. Der Grund ist ein trauriger: „Damit alle Palliativpflegekräfte da sind, wenn sie gebraucht werden“, erklärt er. „In den Kliniken wird der Höchststand an Corona-Infizierten jetzt erwartet. Wenn die Krankenhäuser dann ausgelastet sein sollten und Menschen in ihrem gewohnten Lebensumfeld sterben möchten, dann sind wir da, um sie zu Hause zu pflegen.“

Manuel Kahl ist im Heidelberger Stadtteil Pfaffengrund aufgewachsen. Als Jugendlicher hat er in der evangelischen Stephanus-Gemeinde Theatererfahrung gesammelt und gehörte dem ersten Jugendgemeinderat Heidelbergs an. Er liebt Fußballsport, ist Fan von Borussia Mönchengladbach und seit zehn Jahren sogar als Schiedsrichter auf den Fußballplätzen in der Region unterwegs. Seit einigen Jahren lebt Manuel Kahl zusammen mit seiner Freundin in Eppelheim. Hier ist er Mitglied des Theaterensembles Wildfang und seit letztem Jahr deren Vorsitzender.

Schauspielproben fallen derzeit genauso flach wie Fußballsport. „Theater funktioniert nur durch Interaktion. Wir können im Moment nur Stücke lesen und uns überlegen, welches wir einstudieren möchten. Mehr geht nicht.“ Eigentlich möchte Wildfang im Herbst wieder mit einem neuen Stück Premiere feiern. Ob nach den Sommerferien mit den Proben begonnen werden kann, steht noch in den Sternen. „Kontaktverbote und Einschränkungen werden uns noch eine ganze Weile verfolgen“, vermutet Kahl.

Gratulation per Video

Der engagierte Eppelheimer ist ein Familienmensch. Doch um seine Patienten nicht zu gefährden, verzichtete er selbst auf einen Geburtstagsbesuch bei seiner Mutter und seiner Oma, die beide im März ihr Wiegenfest feierten. Gratuliert wurde per Videochat. „Meine Familie zeigt großes Verständnis für meine reduzierte Anwesenheit. Meine Mama ist sogar stolz, dass ihr Sohn so einen wichtigen Job macht“, erfährt man von ihm.

Zusammen mit seiner Freundin besucht er eigentlich jeden Donnerstagabend seine Familie. „Wir essen dann alle zusammen und reden miteinander. Das war bisher immer unser Fixpunkt in der Woche. Doch das fällt jetzt alles flach“, bedauert er. Jetzt kocht donnerstags jede Familie für sich. Sobald das Essen auf dem Tisch steht, wird per Videochat miteinander kommuniziert. So bleibt das Ritual des Beieinanderseins und des Austauschs trotz Corona erhalten.

Freie Autorenschaft Ich bin seit 1995 als freie Journalistin und Fotografin für die Schwetzinger Zeitung im Einsatz und betreue dabei hauptsächlich den Lokalbereich Eppelheim.