Inklusion - Projektgruppe sieht Menschen mit Behinderung nicht ausreichend berücksichtigt / Vulnerable Personen beim Schutz gegen Corona nicht vergessen Projektgruppe Inklusion sieht Menschen mit Behinderung nicht berücksichtigt

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Saskia Grössl
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Eine Spritze mit Corona-Impfstoff wird aufgezogen. Menschen mit Behinderung gehören nach Einzelfallentscheidung in Priorisierungsgruppe 2. © DPA

Eppelheim. Das Thema Impfen gegen Corona bewegt Deutschland. Vor allem die Reihenfolge der Gruppen, die zuerst geimpft werden sollen, steht immer wieder in der Diskussion. Notwendig wird diese Priorisierung aufgrund der Knappheit des Impfstoffes. Daher wurden und werden derzeit in der Priorisierungsgruppe 1 die über 80-Jährigen, Personen in Pflegeheimen sowie Pflegekräfte in der Altenpflege und in medizinischen Einrichtungen zuerst geimpft.

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Wer dabei aus Sicht der Projektgruppe Inklusion aus Eppelheim vergessen wird, sind Menschen mit Behinderung. „Unsere Kernforderung ist, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen mit Behinderung die höchste Impfpriorität bekommen, sobald es mehr Impfstoff gibt“, erklären Siegfried Köhler und Renate Schmidt (kleine Bilder) bei einem Pressegespräch. Die Projektgruppe Inklusion ist eine Gemeinschaft von Ehrenamtlichen, die sich für die Belange von Menschen mit Behinderung einsetzt.

Wichtig ist Köhler zu betonen, dass es ihnen nicht um einen „Opferwettbewerb“ geht. „Jede Spritze, die gesetzt wird, ist richtig“, erklärt er mit Blick auf die Impfungen. Aber dass bestimmte Menschen mit Behinderung, die ein hohes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, nicht einmal in die Priorisierungsgruppe 2 gehören, hält er für falsch.

Bestimmte Diagnosen

Ja, in der Gruppe 2 sind Menschen mit Behinderung aufgeführt. Jedoch zielt die Eingruppierung auf ganz bestimmte Diagnosen ab. Aufgeführt sind unter anderem Personen mit Trisomie 21, Personen mit psychiatrischen Erkrankungen wie einer bipolaren Störung, Schizophrenie oder schwerer Depression sowie Personen mit schweren chronischen Lungenerkrankungen wie einer interstitiellen Lungenerkrankung, COPD oder Mukoviszidose. „Wenn man diese Gruppe aus amtsärztlicher Sicht abgrenzt, dann ist klar, dass einige außen vor bleiben“, so Siegfried Köhler. Das bedeutet konkret, so Köhler, dass zum Beispiel Menschen mit spinaler Muskelatrophie, Muskeldystrophie, eingeschränkten Lungenfunktionen sowie schwer mehrfach körperbehinderte Menschen, deren Behinderungsbild oft mit einem geschwächten Immunsystem und einem hyperreagiblen Bronchialsystem einhergehen, nicht vorrangig zum Zuge kommen.

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Gerade aber sie seien aufgrund ihrer Vorerkrankungen und Behinderungen einem extremen Risiko durch Covid-19 ausgesetzt. Ganz allgemein gelte: „Je unbeweglicher ich bin, desto anfälliger bin ich für Atemwegsprobleme“, erklärt Siegfried Köhler. Es gelte, die Vulnerabilität zu betrachten – und die sei in manchen Fällen bei Menschen mit Behinderung größer als bei alten Menschen.

Dass bestimmte Diagnosen in Gruppe 2 aufgenommen wurden und andere nicht ist ihm zufolge auch der Datenlage geschuldet. Über Menschen mit diesen Diagnosen gebe es Statistiken über die Sterblichkeit, die beispielsweise bei Menschen mit Muskelatrophie, also Muskelschwund, gar nicht existierten – einfach weil es viel weniger Betroffene gibt. „Nun hat man sich bei der Gruppeneinteilung aber an den statistischen Erhebungen orientiert und sagt, man habe das evidenzbasiert entschieden“, macht Siegfried Köhler den Widerspruch klar.

Individuelle Beurteilung

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In der Gruppe 2 gibt es allerdings auch die Option einer Einzelfallentscheidung. Beim Bundesministerium für Gesundheit heißt es zur Kategorisierung: „Personen, bei denen nach individueller ärztlicher Beurteilung aufgrund besonderer Umstände im Einzelfall ein sehr hohes oder hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf nach einer Infektion mit dem Coronavirus besteht.“ Doch wer trifft die Entscheidung? Amtsärzte, die auf die Aktenlage schauen, oder Fachärzte? Wie sehr muss man sich als Betroffener um diese Entscheidung bemühen oder wird es einem leicht gemacht?

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Den Fachverbänden reicht die Einzelfallentscheidung in Stufe 2 nicht. Sie fordern die Aufnahme der Menschen mit Schwerst- und Mehrfachbehinderung, mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung sowie der pflegenden Angehörigen in die höchste Prioritätsstufe, auf die sich auch die Einzelfallentscheidung erstrecken soll.

Die Projektgruppe Inklusion bemängelt außerdem, dass schwerbehinderte Menschen, die ihren Pflegebedarf zu Hause mit Assistenz und Pflegeteams selbst organisieren oder von Angehörigen versorgt werden und sich auf diese Weise möglichst viel Eigenständigkeit und Selbstbestimmung bewahrt haben, also nicht in Fürsorgeeinrichtungen wie Heimen stationär untergebracht sind, im ersten Moment meist durchs Raster fallen.

„Es wurden die Menschen mit Behinderung komplett vergessen, die selbstständig zu Hause wohnen. Daran sieht man, dass der Inklusionsgedanke in der Gesellschaft nicht verhaftet ist“, macht Renate Schmidt deutlich. Das zeige das Bild vom Umgang mit Menschen mit Behinderung in Deutschland: Der Gedanke nämlich, dass Behinderte in stationäre Einrichtungen gehören, in Sonderwelten eben.

Dazu passt auch das Detail, dass übrig gebliebene Impfdosen Menschen angeboten werden, die zwar nicht der priorisierten Impfgruppe angehören, aber in Heimen untergebracht sind, berichtet Siegfried Köhler. Auch in diesem Fall würden autonom lebende Menschen mit Behinderung vergessen. In Österreich scheint man übrigens in dieser Hinsicht weiter zu sein als hierzulande. Denn dort gehören Menschen mit Behinderung, ob zu Hause oder im Heim, zu den ersten, die eine Impfung gegen Corona bekommen.

Renate Schmidt würde sich wünschen, dass man den Mensch als Menschen sieht: „Inklusion bedeutet auch, den Menschen ganz individuell zu betrachten. Das ist bei dieser Zusammenfassung in Impfgruppen nicht gegeben.“ Sie und Siegfried Köhler setzen sich dafür ein, dass man den Menschen mit Behinderung selbst sowie den Fachverbänden mehr Gehör schenkt.

Damit Menschen mit Behinderung eben nicht gedanklich in eine Sonderwelt abgeschoben werden, sondern an der Gesellschaft teilhaben können – und zwar in diesen Zeiten ohne die Angst vor einer schweren Infektion mit dem Coronavirus.

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Redaktion Redakteurin, zuständig für Plankstadt