Stadtgrün - Gärtnermeister im Spannungsfeld zwischen Repräsentationsflächen mit hohem Pflegeaufwand und Staudenbereichen / Was „wild“ aussieht, bietet Lebensraum Artenreichtum braucht Fläche zur Entfaltung

Von 
Matthias Mühleisen
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Vorne „wild“ und artenreich, hinten gemäht und geordnet: Auf dem Kreisel am Südring, der beim Projekt „Natur nah dran“ umge-staltet wurde, fühlen sich Insekten wohl, das Grün entlang des Südrings ist mit höherem Aufwand gepflegt. © Lenhardt

Der Umbau von Teilen der städtischen Grünflächen hat den Pflegeaufwand reduziert, aber der Artenvielfalt nicht geschadet. Diese Bilanz ziehen der bei der Verwaltung fürs Grün verantwortliche Gärtnermeister Matthias Degen und Biologe Uwe Heidenreich (BUND und Nabu). Am Beispiel des Mittelstreifens in der Talhaushausstraße sei erkennbar, dass die vor zwölf Jahren erfolgte Neuausrichtung für einen stabilen Artenreichtum gesorgt hat. Die „repräsentativen“ Flächen blieben dabei trotzdem erhalten und werden auch weiter mit erhöhtem Einsatz gepflegt, unterstreicht Degen.

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Die Gesamtfläche des Mittelstreifens, der 2007 mit einer Staudenmischpflanzung versehen wurde, beträgt immerhin 1500 Quadratmeter, sagt Degen. Sie biete immer noch einen ansprechenden Anblick und Lebensraum für verschiedene Pflanzen- und Tierarten. „Wir haben natürlich nicht mehr alle 20 Arten, die wir damals mit Topfballen ausgebracht haben, aber zwischen acht und zehn haben sich etabliert und kommen jedes Jahr neu.“

Lebensraum für viele Insekten

Den Pflegeaufwand konnte Degen auf zwei Durchgänge pro Jahr reduzieren, wobei die Entfernung von Gräsern und Müll im Vordergrund stehe. Die Stauden bieten vielen Insekten Lebensraum, bestätigt auch Uwe Heidenreich. „Jedes Mal, wenn ich durchs Talhaus fahre, schaue ich, was dort unterwegs ist: Hummeln, Wildbienen, Schwebfliegen. Das gab es früher bei den Bodendeckern nicht.“

Die heute auf dem Mittelstreifen wachsenden Pflanzen seien eher einheimisch und an den Standort angepasst. Allerdings könne das nicht überall praktiziert werden. Angesichts der Klimaveränderungen könnten einheimische Tier- und Pflanzenarten nicht mehr an jedem Standort überleben. „Wir müssen uns mit dem Gedanken beschäftigen, wie weit wir es zulassen, dass andere Arten in unsere Systeme Einzug halten – zumindest in der Stadt, in der es nichts Wichtigeres als Grün gibt, weil damit das Klima gesteuert werden kann“, sagt Heidenreich.

Klimaanlage der Kommune

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„Jeder Euro, der in Grün investiert wird, ist eine sinnvolle Investition, denn die Grünanlagen sind die Klimaanlagen und die Staubfilter der Kommune“, pflichtet ihm Degen bei. Bei steigenden Preisen müsse da auch an die Aufstockung des Etats für diese Aufgaben gedacht werden. 10 bis 15 Prozent werde er mehr beantragen, wenn der nächste Haushalt aufgestellt wird.

Für reine Unterhaltsmaßnahmen stehen derzeit 450 000 Euro zur Verfügung. Das sei aber bei weitem nicht die Gesamtsumme, die für die Grünflächen aufgewendet wird, alleine die Leistungen des Bauhofs in diesem Bereich müssten addiert werden. In zwei bis drei Jahren steige der Aufwand nochmals, wenn das Hochwasserschutz- und Ökologieprojekt teilweise von der Stadt gepflegt werden muss.

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Der Stadtgärtnermeister baut bewusst „Spannungsbögen“ zwischen gepflegten Rasenflächen und Staudenpflanzen: „Wir können nicht nur Ökologen, wir müssen auch Ästheten sein.“ Die repräsentativen Bereiche schafften Akzeptanz für die „wilden“ Flächen – ebenso wie Aufklärung der Bürger, nicht zuletzt durch das Projekt „Natur nah dran“ am Stadteingangskreisel am Südring.

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Dabei seien ausschließlich einheimische Sorten zum Einsatz gekommen, und es sei interessant zu beobachten, wie die Flächen jedes Jahr anders aussehen – je nachdem, welche Arten keimen. Was wiederum vom Regen im Frühjahr abhänge. Dieses Jahr war es ziemlich feucht, so dass unheimlich viele Pflanzen aufgekommen seien, die im trockenen Frühjahr 2018 ausblieben, wie die Schafgarbe. Samen könnten über Jahre überleben.

„Wir wissen, was funktioniert“

Im Kirchengarten hinter der evangelischen Stadtkirche sei Wechselflor in Staudenflächen umgebaut worden, was den Unterhaltungsaufwand und die Materialbeschaffung deutlich günstiger mache. „Mittlerweile wissen wir, was funktioniert“, sagt Matthias Degen. Derzeit prüfen die Stadtgärtner, wie sich Lava als Mulchmaterial bewährt, das beim Wässern die Feuchtigkeit besser hält. Uwe Heidenreich mahnt, dass solche Flächen nicht als Inseln stehenbleiben dürfen: „Die grüne Lunge muss stabilisiert werden.“

Redaktion Redakteur im Bereich Hockenheim und Umland sowie Speyer