Corona-Bekämpfung - Dr. Thomas Erhard kritisiert Änderung bei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen Arzt warnt Jens Spahn: Neuregelung gefährlich

Von 
Matthias Mühleisen
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Als „fatal und brandgefährlich“ hat der Hockenheimer Hausarzt Dr. Thomas Erhard (Bild) den Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses bezeichnet, die Sonderregelung zu beenden, dass Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen nach ausschließlich telefonischer Beratung ausgestellt werden können. Er hat deswegen einen offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn geschrieben – und hatte Erfolg mit anderen Kollegen Erfolg damit, wie die Rücknahme am Montagabend zeigte.

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Für Erhard, der mit vier Kollegen die Synia-Gemeinschaftspraxis im Med-Center betreibt, war die Entscheidung „völlig unverständlich“. Infektionen mit dem Sars-CoV-2- Virus könnten nach Feststellung der Virologen auch mit leichten Halsschmerzen oder Schnupfen und ohne hohes Fieber und Husten verlaufen. Bezüglich der Häufigkeit solcher symptomarmen Verläufe gebe es bisher keine validen Daten. Bis zum Beweis des Gegenteils seien diese Patienten aber ebenfalls als infektiös anzusehen.

Kontakte nicht zu vermeiden

Ein Abstrich sei bei diesen Patienten aus Kapazitätsgründen nicht vorgesehen und werde auch nicht durchgeführt. Erhard: „Patienten mit leichter Infektsymptomatik sind daher als potenzielle Covid-19-Patienten anzusehen und krankzuschreiben. Sie sollten zu Hause bleiben und keinesfalls auf andere meist ältere und chronisch kranke Patienten in einer Arztpraxis treffen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es in einer großen Allgemeinpraxis, insbesondere wenn mehrere Ärzte gleichzeitig arbeiten, fast unmöglich ist, Überschneidungen einer Infektsprechstunde mit der Normalsprechstunde gänzlich auszuschließen.“ Aber auch ein leicht erkrankter Covid-19-Patient sollte nicht mit einem Nicht-Covid-Infektpatienten in einem Wartezimmer sitzen. Denn, so der Arzt: „Mundschutz für alle Patienten gibt es nicht.“

In der Hockenheimer Allgemeinpraxis funktioniere die Regelung gut: kein Sprechstundentermin ohne vorherigen telefonischen Kontakt mit der Praxis, keine Sprechstunde ohne Termin. Infektpatienten erhielten von der Medizinischen Fachangestellten keinen Termin, sondern werden von einem Arzt zurückgerufen. Dieser klärt mit dem Patienten die Schwere der Symptomatik.

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Leicht erkrankte Infektpatienten erhalten laut Erhard eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) für sieben Tage und die Aufforderung, zu Hause zu bleiben und sich bei Verschlechterung unbedingt in der Praxis zu melden. Nach einer Woche werde entschieden, ob eine weitere AU notwendig ist. Patienten, die so krank sind, dass sie einer Untersuchung bedürfen, werden an die Fieber-/Covid-Praxis im Nachbarort weitergeleitet. Hier sei sichergestellt, dass sich die Patienten nicht in der Praxis begegnen. Arzt und Personal tragen ausreichende Schutzkleidung.

Dringend auf Covid verdächtige Patienten, Problempatienten oder immobile Patienten, bei denen ein Abstrich indiziert ist, werden dem Gesundheitsamt gemeldet, das einen Abstrich veranlasst. Schwer erkrankte Infektpatienten müssten ins Krankenhaus eingewiesen werden.

Bisheriges Vorgehen schützt alle

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Thomas Erhard unterstreicht: „Diese Einordnung der Patienten ist telefonisch gut möglich, bei sorgfältiger Durchführung allerdings genauso zeitaufwendig wie bei einer Konsultation.“ Er fragt daher: „Warum soll in einer Phase der vorsichtigsten Schritte zur Lockerung der getroffenen Einschränkungen eine solche sinnvolle und funktionierende Vorgehensweise zum Schutz von besonderen Risikogruppen als einer der ersten Schritte aufgehoben werden?“ Das jetzige Vorgehen schütze die alten und chronisch kranken Patienten und die unzureichend mit Schutzausrüstung ausgestatteten Ärzte und MFA.

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Eine Arztpraxis könne ganz schnell zum Hotspot einer neuen Verbreitungswelle werden. Wenn Covid in eine Praxis eingeschleppt wird, werden Ärzte und Mitarbeiter in Quarantäne geschickt – die Praxis bleibt 14 Tage geschlossen, was die normale Patientenversorgung gefährdet.

Der seit 1990 niedergelassene Mediziner bat: „Herr Minister, schreiten Sie ein.“ Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg wandte sich an Landessozialminister Minister Lucha. Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, Prof. Josef Hecken, erklärte am Montag, der Ausschuss habe sich auf eine Verlängerung der Regelung geeinigt – die Krankschreibung sei aber auf eine Woche begrenzt. zg/mm/Bild: lenhardt

Redaktion Redakteur im Bereich Hockenheim und Umland sowie Speyer