Umwelt- und Tierschutz - BUND sucht mit Lockstoff nach Wildkatzen / Bisher noch keine Hinweise auf die seltenen und scheuen Tiere im Bereich Hockenheim Baldrian am Lockstock macht die Katzen wild

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Hans Schuppel
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Arbeit im Unterholz: Uwe Heidenreich (rechts) und Horst Eichhorn untersuchen im Auwald am Rhein einen Lockpflock auf Haare und präparieren ihn neu.

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Ein herrlicher Wintertag, angenehme Temperaturen, blauer Himmel. Diplom-Biologe Uwe Heidenreich fährt behutsam durch den Rheinbogen in Richtung Rhein. Auf dem Beifahrersitz hat Horst Eichhorn Platz genommen. Das Ziel der beiden Hockenheimer - Heidenreich ist Gründungsmitglied und stellvertretender Vorsitzender des BUND-Ortsverbandes Hockenheimer Rheinebene, Eichhorn seit Jahrzehnten Mitglied im Nabu und in der Lokalen Agenda engagiert - ist der Auwaldstreifen zwischen Dammstraße und Fluss.

Die Europäische Wildkatze - Waldbewohnerin zählt zu den gefährdeten Arten

Die Europäischen Wildkatzen leben zurückgezogen und versteckt vor allem in naturnahen Laub- und Mischwäldern. Meist schlafen sie tagsüber und jagen nachts. Deshalb bekommt sie kaum jemand zu Gesicht.

Wildkatzen sind keine verwilderten Hauskatzen, sondern streiften schon durch die Wälder Europas, lange bevor die Römer die ersten Hauskatzen mit über die Alpen brachten. Prähistorische Knochenfunde belegen, dass schon unsere steinzeitlichen Vorfahren Wildkatzen recht gut gekannt haben müssen. Wildkatzen wurden bereits vor mehr als 300 000 Jahren gelegentlich von Jägern und Sammlern erbeutet.

Die Tiere sind reine Waldbewohner und werden daher auch oft Waldkatze genannt. Das Verbreitungsgebiet der Wildkatze erstreckte sich noch bis ins 20. Jahrhundert hinein fast über den ganzen Kontinent. Doch die großen zusammenhängenden Waldgebiete fielen nach und nach der Landwirtschaft sowie dem Straßen- und Siedlungsbau zum Opfer. Heute zählt die Wildkatze bei uns zu den gefährdeten Arten. Sie ist geschützt.

Nach Angaben des BUND gibt es derzeit etwa 5000 bis 7000 Wildkatzen in Deutschland, vor allem im Hunsrück, der Eifel und im Pfälzerwald.

Die Tiere ähneln einer braun-grau-gemusterten Hauskatze, haben aber einen buschigen Schwanz mit dunklen Ringen und stumpfem, schwarzen Ende.

Katzen wiegen um die vier, Kater um die fünf Kilogramm. Pro Wurf gibt es in der Regel zwei bis vier Junge, meist zwischen März und September. Wildkatzen ernähren sich in Mitteleuropa vor allem von Mäusen und werden etwa sieben bis zehn Jahre alt, in Gefangenschaft über 15 Jahre. hs

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Die Umwelt- und Tierschützer biegen auf einem Waldweg ab, laufen vorsichtig einen kleinen Abhang hinunter, schlängeln sich durchs Unterholz und sind am Ziel: einem neuen Holzpflock zwischen totem Holz, Schilf und Moos. Heidenreich streift die Gummihandschuhe über und untersucht mit seinem Partner den gut einen halben Meter aus dem weichen, mit Blättern bedeckten Waldboden ragenden Pflock genau: keine Haare. Und damit auch kein Hinweis auf eine Wildkatze.

Länderübergreifende Datenbank

Diese seltenen und scheuen Tiere stehen im Fokus der beiden Aktivisten. Die Aktion wird vom Hockenheimer BUND im Zuge des BUND-Projektes "Wildkatzensprung" durchgeführt. Die gewonnenen Daten fließen in eine entsprechende Datenbank ein, um sie gezielt länderübergreifend auszuwerten. Bisher gibt es freilich noch keine Erkenntnisse aus dem Rheinbogen. Heidenreich: "In der Gegend um Karlsruhe wurden Wildkatzen festgestellt. Wir wollen jetzt wissen, wie weit sie nach Norden gehen und welche Voraussetzungen sie brauchen. Auch direkt über dem Rhein, im Bereich Speyer, gibt es die seltenen Tiere."

Um diesen auf die Spur zu kommen, machen sich Heidenreich und Eichhorn weiter an die Arbeit. Der Lockpflock wird mit einer Stahlbürste gereinigt und leicht abgeflammt, um ihn von Ablagerungen und Gerüchen zu befreien. Dann wird eine recht intensiv riechende Baldriantinktur aufgesprüht.

Genetischer Fingerabdruck

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Baldrian zieht Katzen in der Paarungszeit zwischen Januar und April besonders an. Vom Geruch angelockt, reiben sich die Tiere am Holz. Die Haare können mit einer Pinzette eingesammelt und im Labor gentechnisch genau untersucht werden. Dort zeigt sich dann auch, ob es sich um Haare einer Wild- oder Hauskatze oder eines anderen Tieres handelt. Mit Hilfe dieses genetischen Fingerabdrucks kann auch festgestellt werden, ob es sich um ein oder mehrere Individuen handelt und wie die Verwandtschaftsverhältnisse sind.

Uwe Heidenreich und Horst Eichhorn notieren die Kontrolle genau: Datum, Uhrzeit, Nummer des Pflocks und dessen Standort sowie den Namen des oder der Kontrolleure. Die Standorte können übrigens mit GPS genau bestimmt werden. Zu Fuß geht's zum nächsten Lockstock. Insgesamt haben Uwe Heidenreich und Horst Eichhorn an diesem schönen Morgen acht Kontrollen vorzunehmen. Dafür benötigen sie rund zwei Stunden. Heidenreich: "Mehr Lockstöcke, so das Doppelte, wären natürlich besser. Aber dafür fehlt uns das Personal."

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Kontrollen finden alle sieben bis zehn Tage statt. Unterstützt werden Eichhorn und Heidenreich dabei von den Biologinnen Luzy Körtgen aus Bammental und Anne König aus Böhl-Iggelheim. Das Quartett wird bis April regelmäßig die Holzpflöcke nach Katzenhaaren absuchen - dann wird man genauer wissen, ob es Wildkatzen auch im Hockenheimer Rheinbogen gibt. Die Aktion ist mit dem Forst abgesprochen. Hierauf legt Uwe Heidenreich großen Wert, ebenso auf ein gutes Verhältnis zwischen Umweltschützern und Landwirtschaft.

Waldgebiete wieder vernetzen

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Das Projekt "Wildkatzensprung", das im Zuge des Bundesprogramms für biologische Vielfalt vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert wird, vernetzt bundesweit Wälder miteinander. In diesem größten Einzelprojekt in der Geschichte des BUND werden zum einem sogenannte "grüne Korridore" gepflanzt, zum anderen wird in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Senckenberg (Frankfurt) eine bundesweite Gendatenbank zur Wildkatze entwickelt, um die Population und die Wanderungsbewegungen zu dokumentieren und die Schutzmaßnahmen für diese Tiere zu optimieren.

Gefahr geht für die Wildkatze nämlich vor allem durch die Zerschneidung ihrer Lebensräume aus. Straßen, Äcker und wachsende Ortschaften führten dazu, dass die Wildkatzenwälder immer kleiner und die Population immer mehr zurückgedrängt wurden. Aus diesem Grund analysiert der BUND nicht nur den Bestand der Wildkatzen, sondern setzt sich aktiv für die Wiedervernetzung von Waldgebieten ein. Diese sollen dazu beitragen, dass die Wildkatze und viele andere gefährdeten Arten neue Lebensräume erobern und stabile Bestände entwickeln können.